Produktdesign

Birkenrinde statt Vollholz

Anastasiya Koshcheevas − Designerin und Gründerin des Labels Moya − hat die Birkenrinde als vielfältigen wie nachhaltigen Werkstoff wiederentdeckt.

Als die junge Frau aus Sibirien nach Deutschland kam, um einen Schüleraustausch und später ein Design-Studium zu beginnen, hatte sie eine Dose aus Birkenrinde mit Spezialitäten aus ihrer Heimat im Gepäck. Eher klobig und mit folkloristischen Verzierungen, landete das gute Stück samt Inhalt zunächst in einer dunklen Ecke, wo es Anastasiya Koshcheeva erst Jahre später wiederentdeckte: »die Kekse und Pinienkerne darin waren immer noch frisch. So bin ich auf die einzigartigen Eigenschaften von Birkenrinde aufmerksam geworden.« Die Vorzüge des Materials waren bereits in der Steinzeit bekannt. Man verwendete das Material, um Gefäße und Kleidung zu fertigen, Dächer zu dämmen oder Kanus zu bauen. »In Sibirien hatte Birkenrinde im Alltag eine überlebenswichtige Rolle, bis es durch industrielle Werkstoffe ersetzt wurde«, erklärt die Jungdesignerin. Tatsächlich verfügt das Material über zahlreiche positive Eigenschaften wie Langlebigkeit, Flexibilität, Reißfestigkeit und eine antibakterielle Wirkung, wodurch es sich für die Lebensmittelaufbewahrung eignet. Heute wird Birkenrinde in der Regel nur noch zu Souvenirs verarbeitet, die in entsprechenden Shops oder auf ausgesuchten Mittelaltermärkten zu finden sind.

Sibirische Rindengefäße als Vorbild

Anastasiya Koshcheeva stiegt im Rahmen ihres Studiums intensiv ins Thema ein: »Vieles war learning by doing. Heute unterscheidet sich meine Arbeit mit Birkenrinde fast vollständig von der traditionellen Herstellungsweise.« Ob zur Vorratshaltung oder zum Sitzen, als Wanddekoration oder als Leuchtenschirm – je nach Produkt wird die Rinde für das 2015 gegründete Label Moya (zu Deutsch »mein«, www.moya-birchbark.com/de) gespannt, gesteckt, geflochten, genäht oder geklebt. Eine klare Formensprache und kontrastreiche Details unterstützen dabei die Aussagekraft des Werkstoffs, der mit seinen natürlichen Maserungen jedes Produkt zum Einzelstück macht.

Birkenrinde als Rohstoff etablieren

Moya umfasst mittlerweile eine Handvoll Mitarbeiter und ist in einer ehemaligen Eierlikör-Fabrik in Berlin beheimatet. Der Versuch, eine Kooperation mit erfahrenen Kunsthandwerkern aufzubauen, stellte sich hingegen als schwierig heraus: »Im Jahr 2016 habe ich daher eine eigene Produktionsstätte in Zentralrussland aufgebaut. Gemeinsam lernen wir dort neues Personal an, erhalten die Handwerkstradition und schaffen neue Arbeitsplätze in der Region.« Die Rinde stammt ausnahmslos aus der sibirischen Taiga: »Wir ernten unsere Borke einmal im Jahr und stellen sicher, dass die Bäume dabei keinen Schaden nehmen.« Für Ihre Arbeit hat Anastasiya Koshcheeva bereits einige Preise wie den Digital Female Leader Award und den German Design Award erhalten. Das Förderprogramm von Amazon »Unternehmerinnen der Zukunft« unterstützt sie im Bereich Digitalisierung und Unternehmensentwicklung. Nebenher entstehen laufend Ideen für neue Produkte. »Gutes Design verbessert unser Leben«, findet die Jungunternehmerin und gibt einen vielversprechenden Ausblick: »Unser Ziel ist es, das funktionale und schnell erneuerbare Naturmaterial als einen eigenständigen Rohstoff zu etablieren.«

Andere natürliche Werkstoffe: https://www.dds-online.de/gestaltung/werkstoffe/vom-wertstoff-zum-werkstoff/#slider-intro-2

 


Die Journalistin Henriette Sofia Steuer kennt Birkenrindengefäße von Mittelaltermärkten und hat Anastasiya Koshcheevas Produkte auf der Blickfang entdeckt. Ihr Fazit: So ist Birkenrinde auch in meiner Wohnung willkommen.

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