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WPK: Bloß Schreibkram?

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WPK: Bloß Schreibkram?

Die Schreinerei Kleinhans betreibt jetzt eine werkseigene Produktionskontrolle (WPK) und erfüllt damit bereits heute eine Voraussetzung für das CE-Zeichen. Ohne dieses Label darf ab Februar 2009 kein Fenster mehr die Werkstatt verlassen. Vorauseilender Gehorsam? Berater Horst Kastner berichtet, was alles zu erledigen war.

Mit dem Inkrafttreten der Produktnorm EN 14351–1 »Fenster und Außentüren« im Februar 2009 kommen auf die handwerklichen Fensterbauer erhebliche organisatorische Veränderungen zu. Neben dem Nachweis der Leistungseigenschaften über eine Erstprüfung fordert die Norm eine werkseigene Produktionskontrolle (WPK). Sie soll sicherstellen, dass das Produkt die im Ü-Zeichen angegebenen Leistungseigenschaften erfüllt.

Kein vorauseilender Gehorsam
Als einer der ersten Fensterbaubetriebe hat sich die Schreinerei Kleinhans in Kehl für die Einführung einer WPK entschieden. Für Geschäftsführer Markus Kleinhans und seine Frau Christiane, die für Finanzen und Controlling zuständig ist, ging es nicht um die vorauseilende Erfüllung der Norm, sondern um die Optimierung der Arbeitsabläufe. Als technischer Berater des Landesfachverbandes Schreinerhandwerk Baden-Württemberg unterstützte ich sie.
Das 1964 gegründete Familienunternehmen beschäftigt sich hauptsächlich mit der Produktion von Fenstern in Holz und Holz-Aluminium. Zum Kundenkreis gehören Fertighaushersteller, Bauelementehändler, Fensterfachbetriebe und Bauträger aus Deutschland und einigen europäischen Ländern. Etwa die Hälfte der 42 Mitarbeiter sind im Fensterbau tätig.
Die DIN EN 14351–1 schreibt mindestens folgende sieben Positionen vor:
  • Benennung eines WPK-Beauftragten
  • Festlegung der Verantwortungsbereiche
  • Wareneingangskontrolle
  • Fertigungskontrollen
  • Fehlerlenkung
  • Prüfmittelprüfung
  • Betriebsmittelprüfung
  • Dokumentation und Kennzeichnung
Das Rad nicht zweimal erfinden
Hilfreich war das Musterhandbuch für die Einrichtung einer WPK, das der Bundesfachbeirat Fenster und Fassade im HKH und das Ibat Hannover erarbeitet und in verschiedenen Fensterbaubetrieben erprobt haben. Da Kleinhans von vornherein klar war, dass seine WPK über die von der Norm geforderten Mindestvoraussetzungen hinausgehen soll, kam der Ansatz des Handbuchs mit einer Trennung in Pflicht- und Optionsteile dieser Absicht sehr entgegen. Zunächst benannte Kleinhans seinen Teamleiter Fensterfertigung, Bruno Abt, zum WPK-Beauftragten. Das WPK-Team (Markus Kleinhans, Bruno Abt und ich) trugen zuerst all das zusammen, was an Dokumenten, Listen und Arbeitsanweisungen bereits existierte. Es zeigte sich schnell, dass bei den Verantwortlichkeiten und der Dokumentation der Arbeitsabläufe noch großer Handlungsbedarf bestand. Also erweiterte Kleinhans das Team um einen Mann aus der AV, Tobias Lehmann, der sich um technische Fragen kümmert, und um eine Frau aus der Verwaltung, Manuela Löwenberg, die für die Dokumentation zuständig ist.
Teamarbeit
Im nächsten Schritt nahm das erweiterte Team die einzelnen Fertigungsstufen von der Warenannahme bis zur Endkontrolle unter die Lupe und gab vor, wie die einzelnen Prozesse ablaufen sollen. Für die qualitätsrelevanten Tätigkeiten formulierte das WPK-Team Arbeits- und Prüfanweisungen.
Eine grundlegende Forderung an die WPK ist eine dokumentierte Wareneingangskontrolle für alle Werkstoffe, Materialien und Zukaufteile. In der Schreinerei Kleinhans gab es zwar Verantwortliche für die Warenannahme, doch es fehlten klare Regelungen. So kam es schon mal vor, hauptsächlich bei Lieferungen durch Paketdienste, dass Ware angeliefert wurde, ohne dass der entsprechende Verantwortliche Kenntnis davon hatte. Die Pakete standen dann irgendwo im Betrieb herum und keiner wusste so recht, wer sie bestellt hat und wo sie hingehören.
Wohin mit dem Paket?
Lange Suchzeiten und im ungünstigsten Fall eine erneute Bestellung der Teile waren die Folge. Jetzt ist für die Warenannahme klar festgelegt, welche Mitarbeiter verantwortlich sind, wie die Wareneingangsprüfung abläuft und wo die Ware abzulegen ist. Die Bereiche wurden für die Lieferanten nach außen deutlich ausgeschildert, z. B. mit »Warenannahme Massivholz« oder »Warenannahme Paketdienste«.
Die im Musterhandbuch als Option vorgeschlagenen Arbeits- und Prüfanweisungen, z. B. zur Hobelqualität, zur Verleimung der Rahmen, zur Oberflächenbeschichtung, Verglasung oder zur Beschlagmontage, mussten nur noch geringfügig an die betriebsspezifischen Anforderungen angepasst werden. Für Kleinhans war dies eine gute Gelegenheit, die einzelnen Fertigungsprozesse neu zu überdenken und gemeinsam mit den verantwortlichen Mitarbeitern festzulegen, wie die Tätigkeiten zukünftig auszuführen sind und was im Rahmen einer Werkerselbstprüfung zu prüfen und zu messen ist, bevor der Auftrag an die nächste Fertigungsstufe weitergegeben wird.
Zwischenprüfung
Um die in der Norm geforderte Prüfung von Halbzeug oder Teilen davon umzusetzen, hat sich Kleinhans für eine Zwischenprüfung der Fenster vor der Oberflächenbehandlung entschieden, da zu diesem Zeitpunkt Fehler noch relativ kostengünstig zu beheben sind. Die Endkontrolle der fertigen Fenster umfasst die Sichtprüfung der Glasqualität und der Holzoberflächen sowie die Prüfung der Vollständigkeit, der Funktion und der Maßhaltigkeit. Die Arbeits- und Prüfanweisungen hängen an den betreffenden Arbeitsplätzen aus.
Während die Norm nur eine Dokumentation der Zwischen- und Endprüfung vorsieht, vermerken die Mitarbeiter in der Schreinerei Kleinhans alle Prüfungen auf den Auftragspapieren mit Datum und Kurzzeichen. So übernimmt jeder Mitarbeiter die Verantwortung für seine Tätigkeit.
Fehlermanagement
Das WPK-Team erarbeitete mit Unterstützung einer Vorlage aus dem Musterhandbuch ein standardisiertes Verfahrensmuster, wie mit fehlerhaften Teilen zu verfahren ist. Sie sind beispielsweise so lange aus dem Fertigungsprozess auszuschließen, bis über ihre weitere Verwendung entschieden ist. Wesentliche Eckpunkte sind dabei die Unterscheidung zwischen geringfügigen und schwerwiegenden Fehlern und die Dokumentation der schwerwiegenden Fehler in Fehlersammellisten sowie die Freigabe per Unterschrift in den Auftragspapieren.
Immer alles in Schuss
Ein weiterer, wichtiger Aspekt der WPK ist die Wartung und Instandhaltung der Maschinen. Dazu erstellte das WPK-Team eine Liste mit allen Maschinen und den dafür verantwortlichen Mitarbeitern. Diese Mitarbeiter beteiligten sich dann an der Erstellung der Wartungspläne. Die Dokumentation der Wartungsarbeiten erfolgt durch den Mitarbeiter in sogenannten Wartungsprotokollen. Jetzt ist sichergestellt, dass die Wartung der Maschinen und Anlagen nach geregelten Verfahren durchgeführt wird und nicht erst dann, wenn die Maschine nach einem Defekt für mehrere Stunden stillsteht. Die für die werkseigene Produktionskontrolle relevanten Prüf- und Messmittel müssen stets in einem ordnungsgemäßen Zustand sein. Dazu fordert die Norm, dass Geräte zum Messen und Prüfen, die bei der Herstellung von Fenstern- und Außentüren verwendet werden, kalibriert sind und nach dokumentierten Verfahren regelmäßig überprüft werden müssen.
Kalibrierte Prüfmittel
Im Musterhandbuch ist dazu eine Liste enthalten, in die alle im Unternehmen verwendeten Mess- und Prüfmittel wie Holzfeuchte-Messgerät, Waage, Schieblehren, Hygrometer usw. eingetragen werden. Der WPK-Beauftragte erfasste alle Meß- und Prüfmittel, kennzeichnete sie und legte die Kalibrierintervalle fest. Die Arbeits- und Prüfanweisung »Warten und Kalibrieren der Mess- und Prüfmittel« konnte er unverändert aus dem Musterhandbuch übernehmen. Zur besseren Übersicht dokumentiert der WPK-Beauftragte alle Wartungs- und Kalibrierarbeiten in einem Protokoll mit Datum und Kurzzeichen.
Nachdem das Handbuch fertiggestellt war, wies Markus Kleinhans alle Mitarbeiter in die werkseigene Produktionskontrolle ein und dokumentierte dieses gemäß Kapitel 10 des WPK-Handbuches. Nach einer überschaubaren Probezeit konnte das System der werkseigenen Produktionskontrolle im September des vergangenen Jahres bei Kleinhans offiziell in Kraft treten.
»Wir arbeiten wirtschaftlicher«
Als Markus Kleinhans von der Notwendigkeit einer werkseigenen Produktionskontrolle erfahren hatte, war es für ihn zunächst nur zusätzlicher Schreibkram. Bei der Ausarbeitung des Handbuches zeigte sich jedoch, dass die Beschreibungen von Komponenten, Abläufen und Verantwortlichkeiten eine Arbeit ist, die nur einmalig für einen längeren Zeitraum zu erbringen ist. Der tatsächlich auf den Betrieb zukommende Aufwand besteht hauptsächlich in der Dokumentation der Prüfungen. Kleinhans hat eine Lösung gefunden, die die Norm in vollem Umfang erfüllt und den Aufwand trotzdem gering hält. Kleinhans konnte kurze Zeit nach der Einführung des WPK-Systems feststellen, dass das Unternehmen mit den neu definierten Prozessen wirtschaftlicher arbeitet.
Fit für Europa
Die Schreinerei Kleinhans liefert bereits heute schon einen Großteil seiner Fensterproduktion ins benachbarte europäische Ausland. Um hier weiter wettbewerbsfähig zu bleiben, ist für die nahe Zukunft zusätzlich noch die Einführung eines Qualitätsmanagement-Systems nach DIN EN ISO 9001:2000 geplant. Mit der WPK hat er bereits einen großen Teil dieser Norm erfüllt und eine gute Basis für eine erfolgreiche Einführung eines QM-Systems geschaffen.
Horst Kastner, Landesfachverband Schreinerhandwerk Baden-Württemberg

Kompakt Hilfe bei der WPK-Einführung
Ab Februar 2009 müssen EU-weit alle neuen Fenster und Haustüren ein CE-Kennzeichen vorweisen. So sieht es die EN 14351–1 vor. Voraussetzung ist eine werkseigene Produktionskontrolle, die die Einhaltung bestimmter Produkteigenschaften sicherstellt. Hilfe bei der Einführung leistet das »Musterhandbuch für die werkseigene Produktionskontrolle« der Tischler- und Fensterbauverbände. Bezug: Ibat Institut für Betriebs- und Arbeitstechnik des Tischlerhandwerks mbH, 30625 Hannover, Tel. (0511) 2627575-77, Fax -13, www.ibat-hannover.de
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