Erfolgreich als Tischlermeister im social-media-Zeitalter

Jung, urban, professionell

Mitten im Berliner Kiez beschreitet ein Tischlermeister neue Wege. Der Name ist Programm: unter dem Label Raumstation & Friends fertigt das Team von Simon Meinberg moderne Möbel und Einrichtungen – digital begleitet von der Videokamera.

Die Landung auf der Raumstation war gut vorbereitet: als Tischlermeister Simon Meinberg die schwere Eisentür am zweiten Januar 2019 aufsperrt, hat er bereits Aufträge in sechstelliger Eurohöhe in der Tasche. Die High-End-Lautsprechermarke Teufel ordert die Realisierung ihres Büroumbaus im hippen Pop-Up-Kaufhaus Bikini Berlin und die Firma ZIIB Zahlungssysteme beauftragt den Jungunternehmer mit Planung und Bau ihres sonnig-orangen Flagship-Stores in Charlottenburg. Meinbergs Begeisterung für das Tischlern begann allerdings schon zehn Jahre früher. Mit seiner Mutter lebte er von 2009 bis 2011 im spanischen Santander und ging dort auch zur Schule. Seine Sommerferien hat er dabei nicht am Strand verbracht, sondern in der örtlichen Schreinerei.

Playstation in Akkusäge gewandelt

»Das Handwerk hat mich so begeistert, dass ich damals meine Playstation verkaufte und mir mit dem Erlös eine Bosch GKS 18-Volt-Handkreissäge, einen Kompressor und eine Stichsäge besorgte,« erzählt er. »Später habe ich Freunden beim Innenausbau geholfen und dabei gemerkt, dass das Handwerk für mich motivierender war als die Schule. Das war im Winter, und weil es da jahreszeitlich bedingt schwer war, einen Ausbildungsplatz zu finden, habe ich die Wartezeit bis zum nächsten Sommer damit verbracht, die Wohnung meiner Mutter von Grund auf zu sanieren.« Das Können dafür hatte er sich in der spanischen Schreinerei abgeguckt: »Das zeigte mir, dass ich eine ganz gute Auffassungsgabe und ein Gespür für das Tischlergewerk habe,“ sagt Meinberg. Seine Ausbildung begann er dann im August 2013 bei Schreinermeister Uli Rossenbeck in Oberursel bei Frankfurt. Vier Jahre später bildete er sich dann an der Meisterschule in Bad Wildungen zum Tischlermeister fort.

Tischlermeister mit 21 Jahren

Danach baute er zunächst Modelle für ein Architekturbüro, entschloss sich – angefixt von der Architektur – an der TU Berlin Architektur zu studieren. »Meine Freundin lebte da – so kam ich in die Hauptstadt. Aber der Wechsel zurück auf die Schulbank war für mich echt krass. Gleich nach den ersten Seminaren hab’ ich aufgehört.« Es folgte ein Job in einer Ladenbaufirma. »Acht Stunden täglich Plattenzuschnitt – das war zu monoton und hat mir die Illusion vom schönen Handwerk genommen,« sagt er. Wieder machte er sich auf die Suche nach Arbeit – und fand keine Angebote, die passten. Eines Tages stieß Meinberg in E-Bay-Kleinanzeigen auf ein Angebot für eine Tischlerei im Berliner Kiez Kreuzberg. Immer schon hatte er mit dem Gedanken der Selbstständigkeit geflirtet, und jetzt gab es die Gelegenheit. Einen Businessplan und viele Formulare und Anträge später gelang ihm der Schritt.

»Raumstation and Friends« nennt der 22-jährige Wahlberliner sein Unternehmen, mit dem er sich auf Ladenbau und die Planung im Vorfeld spezialisiert. »Wenn die Baublase hier in Berlin irgendwann mal vorbei ist, wird es immer noch den Ladenbau geben,« sagt der schlanke Mann mit dem Dreitagebart. Dabei soll ihm der Markenkern seines Unternehmens helfen, der neben der Fachkompetenz auf zwei Säulen steht: das Netzwerken und die Planung.

Von der Videokamera begleitet

»Ich will mich rauslösen aus alten Strukturen des Tischlerbetriebes. Wir sind ein junges Unternehmen und das zeigen wir. Beispielsweise haben wir einen Video-Mann in unserem Netzwerk, der uns mit seiner Kamera besucht, sobald es interessante Abläufe zu filmen gibt. Wir produzieren kurze Videoclips, die wir auf unseren Social-Media-Kanälen ausspielen. So erreichen wir Zielgruppen, die uns sonst nie kennenlernen würden,« erzählt Meinberg in seinem verglasten Büroraum mit dem spacigen Logo. Ein befreundeter Grafiker in Brasilien hat ihm das Piktogramm entwickelt, das mehr an Science-Fiction erinnert, als an eine Tischlerei. Aber Meister Meinberg beherrscht das Netzwerken auch außerhalb des virtuellen Raumes: im zweiten Innenhof des Industriebaus ist der Raumfahrer nicht allein auf dem Planeten Kreuzberg. Mit dem Team der jungen Werbeagentur im vorderen Teil des Gebäudes ist er längst vernetzt und hat einen Naturalientausch vereinbart. Man tauscht Social-Media-Beratung gegen Innenausbau-Expertise.

Social-Media trifft Ausbau-Expertise

Bei der Planung der Projekte unterstützt Felix als angestellter Architekt mit tiefer Planungskompetenz und flotten Scribbles. Jeder Kunde erhält ein für ihn entwickeltes Konzept. Das inzwischen achtköpfige Team kann individuelle Ladenbauaufträge stemmen, bei deren Umsetzung andere Tischler die Segel streichen – das reduziert den Preisdruck. Mirko macht die AV, Imke tanzt mit den kaufmännischen Zahlen, Alex ist als ausgefuchster BWLer der Allrounder, der die Projekte in der Spur hält – als Team ist die Crew enorm motiviert und stark. Alle arbeiten gemeinsam darauf hin, langfristig eine super Jobbasis zu haben. »Für uns ist die Raumstation der praxisnahe Problemlöser,« sagt Meinberg. »Mit unserer Kompetenz helfen wir beispielsweise Ladenbesitzern und beteiligten Investoren, Geld zu verdienen. Das bringt mit sich, dass wir rund um die Uhr erreichbar sind.« Und Meinberg und die Raumstationler haben viele weitere innovative Ideen an Bord – es bleibt spannend, wie sich der Aufbruch in weitere Galaxien entwickelt.


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet an der renommierten Deutschen Journalistenschule und ist Dozent an der Universität Hildesheim – darüber hinaus schreibt er für dds.


Auswertung von Bewegtbildern im Tischlereialltag
Foto: Raumstation & Friends
Screenshot aus dem Projekt für die ZIIB-Zahlungssystem Video
Foto: Raumstation & Friends

 


Nicht ohne meine Kamera – neue Wege im Tischlermarketing

Videobegleitung aller relevanten Raumstation-Projekte

Die Dokumentation des Tischlereialltags mit Videos ist zunächst einmal ein Alleinstellungsmerkmal, das es bisher so im deutschen Handwerk noch nicht gibt. Hier gehts zum Video.

Die Marke Raumstation mit den Attributen »jung, innovativ und professionell« kann überzeugend transportiert werden.

Bewegtbilder schaffen Transparenz und dadurch Vertrauen. Das Team arbeitet gläsern und strukturiert – der Kunde ist bei seinem Projekt »dabei«. Ein Umbauprojekt oder eine Neuproduktion kann ein starker emotionaler Prozess sein, den mediaaffine Kunden in ihren sozialen Medien teilen. Der Erstvideo etwa über das ZiiB-Projekt (links) hat überzeugt und zu Folgeaufträgen geführt!

Zusammenarbeit mit dds

Für dds als das Magazin für Tischler- und Schreiner ist es richtig spannend, wenn das Meinberg-Team künftig professionelle Werkzeugtests durchführt und mit Video- und Erfahrungsberichten für dds-print und dds-social-media dokumentiert.


Steckbrief

Tischlermeister Simon Meinberg und seine Tischlerei Raumstation & Friends sind in Berlin-Kreuzberg angesiedelt. Schwerpunkte sind u.a. das Erarbeiten von Wohn- und Geschäftskonzepten.

www.raumstation-friends.de

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