Werkstoffe

Leichte Platte, schwerer Start

Leicht ist angesagt. Die Wabenplatte hat bei Mitnahmemöbeln Einzug gehalten, ist aber für das Handwerk zu kompliziert. Neue andere leichte Platten verharren noch als Nischenprodukte in den Startlöchern.

Zahlreiche Forschungsprojekte befassten sich in den letzten Jahren mit dem Thema Leichtbau. Lediglich der rahmenlosen Wabenplatte ist die breite Markteinführung geglückt. Verbreitet ist auch die Board-on-style- und die Bord-on-Frame-Sandwichkonstruktion mit tragendem Rahmen und expandierten Papierwaben zwischen zwei Deckschichten. Alle anderen neuen Leichtbaumaterialien besetzen lediglich Marktnischen. In der Regel sind sie zwar in der Herstellung deutlich teurer als konventionelle Span-, Faser- oder Sperrholzplatten, jedoch weisen sie gezielt verbesserte Eigenschaften vor.

Leichtbauwerkstoffe lassen sich entweder über klar definierte technische Leistungsvorteile oder über Kosten- und Nutzenvorteile vermarkten. Bei dem technischen Leistungsvorteil treten die höheren Materialkosten in den Hintergrund. Der Einsatz reduziert sich allerdings auf wenige Einsatzgebiete, die die verbesserten Eigenschaften erfordern. Die Massenanwendungen im Möbel- und Innenausbau stellen meistens keine gehobenen mechanischen Anforderungen an das Material. Als Argument zählen hier die Kosteneffizienz und Reduktion von Vertrage- und Transportgewichten. Bei Mitnahmemöbeln ist das Bedürfnis nach Gewichtsreduktion deutlich höher als für den restlichen Möbel- und Innenausbau. Dementsprechend werden die Massenmöbelhersteller die weitere Entwicklung von Leichtbaulösungen besonders stark prägen.
In der Massenmöbelfertigung lassen sich die Einzelbauteile bezüglich des Setzens von Verbindungselementen und Beschlägen kostenmäßig optimieren. Für die flexible Möbelfertigung erweist sich die Wabenplatte derzeit als zu arbeitsintensiv in der Arbeitsvorbereitung und der Produktion.
Eine Auswertung von Expertenmeinungen zur technischen Einschätzung, Potenzialen und Risiken des Leichtbaus [1] zeigte lediglich bei Mitnahmemöbel eine durchwegs positive Bewertung. Die meisten Experten äußerten sich differenziert, zurückhaltend bis teilweise sogar negativ. Die intensive Diskussion des Themas in den letzten Jahren (www.igel-ev.net) führte zu einer deutlichen Zunahme der Kenntnis über verfügbare und in Entwicklung befindliche Leichtbaulösungen. Über den Massenmöbelbereich hinaus finden sie bei Spezialanwendungen Anklang. Eine fehlende technische Aufklärung der Möbelhersteller kann daher nicht länger als Grund für die ausbleibende Marktdurchdringung gelten.
Die Annahme einer raschen Ablösung von konventionellen Holzwerkstoffen durch neue Leichtbauprodukte geht von der bekannten S-Kurve von Produktlebenszyklen aus. Diese beschreibt, dass bei einer Abnahme der Leistungsfähigkeit einer Technologie ein sehr hohes Wachstumspotenzial für innovative Technologien entsteht. Bei dieser Annahme wird allerdings der Sailing-Ship-Effekt vernachlässigt. Ein bekanntes Beispiel stellt die Geschichte der Glühbirne dar. Aufgrund der technischen Vorteile der Glühbirne gegenüber dem Gaslicht, wurde angenommen, dass das dieses innerhalb kurzer Zeit verdrängt werden würde. Tatsächlich wurde die Leistungsfähigkeit des Gaslichts aber in wenigen Jahren auf das 15-fache gesteigert, wodurch die Marktdurchdringung der Glühbirne für viele Jahre verzögert wurde [2]. Analoge Entwicklungen liegen möglicherweise auch der Entwicklung von Leichtbauwerkstoffen zugrunde.
Die Entwicklung der Leichtbautechnologie entspricht daher einem bekannten Technologieverlauf [3]. Im letzten Jahrzehnt wurden innovative Leichtbau-Sandwichkonstruktionen entwickelt und auf dem Markt gebracht. Zu Beginn treiben meist kleine Firmen eine neue Technologie voran (siehe Grafik). Die Marktdurchdringung dieser neuen Technologie wird durch die laufende Optimierung bestehender Produkte gehemmt. Große Firmen halten sich am Beginn einer neuen Technologieentwicklung eher zurück, dies ermöglicht ein Ansteigen der produzierenden Firmen am Markt, wobei es beim Erlangen der technischen Reife einer neuen Technologie zu einer drastischen Marktbereinigung kommt. Für die notwendigen Absatzmengen müssen entsprechende Investitionen getätigt werden, die wiederum nur durch große Firmen realisiert werden können.
Die Holzwerkstoffindustrie wird wohl weiterhin in den neuen Leichtbauentwicklungen ein niedriges Marktpotenzial sehen. Gleichzeitig ist mit einer weiteren schrittweisen Gewichtsreduktion von konventionellen Holzwerkstoffen zu rechnen. Eine breite Marktdurchdringung von neuen Leichtbaumaterialien (exkl. Wabenkonstruktionen) wird damit in die Zukunft verschoben. Aufgrund der allgemeinen Ressourcenverknappung ist aber mittelfristig mit einem Durchbruch der Leichtbaumaterialien zu rechnen. Dr. Ulrich Müller
[1] Eder A., Müller U. und Schwarzbauer P. (2009): Marktchancen und technische Grenzen von Leichtbauprodukten. www.fabrikderzukunft.at/results.html/id5212
[2] Gassmann O. und Sutter P. (2008): Praxiswissen Innovationsmanagement – Von der Idee zum Markterfolg. Carl Hanser Verlag München.
[3] Utterback J. M. und Abernathy W. (1975): A dynamic model of process and product innovation. In: Omega, the international journal of management science, Pergamon Press, Vol. 3, No. 6.
»Der Leichtbau kommt nur zögerlich in Fahrt. Knappe Ressourcen werden Wind ins Segel wehen.«
Dr. Ulrich Müller

Der Autor
Dr. Ulrich Müller ist Leiter des Fachbereichs Massivholz und Holzverbundwerkstoffe des Kompetenzzentrums für Holzverbundwerkstoffe und Holzchemie (Wood K plus) und Privatdozent an der Universität für Bodenkultur, Wien. Kompetenzzentrum Holz GmbH – Wood K plus, A 4021 Linz, www.wood-kplus.at

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