Möbel

Von Menschen und Möbelchen

Nicht alles was neu aussieht ist neu – das hat Dirk Schellberg im Januar in Köln erfahren. Mit offenen Augen und lockerem Mundwerk bündelt er für dds in bewährter Weise das Möbelgeschehen von IMM Cologne und Passagen.

Dirk Schellberg, Designer und Schreinermeister. Dozent an der FAK Garmisch-Partenkirchen

Früher war die Zukunft auch besser – nur wenige haben so gekonnt um die Ecke formuliert wie Karl Valentin, der nicht nur Kabarettist, sondern auch Schreiner war. Der Satz kam mir in den Sinn, weil Neuauflagen insgesamt im Trend zu liegen scheinen. Re-Edition nennt sich das im Marketing – zweiter Aufguss hört sich ja auch nicht so toll an. Hersteller wie Vitra oder Classicon vertrauen auf die Zukunft der Vergangenheit, somit lieber auf Bewährtes, als auf Neues. Zu hart umkämpft ist heute der Markt, als dass man Risiken eingehen wollte. Thonet zum Beispiel macht seine Freischwinger-Klassiker einfach durch knallige Farben »outdoortauglich« – und das war’s dann auch schon. Da ist die Erstauflage eines Stuhls, der vor 50 Jahren keine Zukunft hatte, ein spannen-deres Experiment: Der Stuhl H106 des polnischen Designers Edmund Homa wird nun durch das Label Politura produziert. Der aus Afromosia gebaute Entwurf fiel seinerzeit der sozialistischen Planwirtschaft zum Opfer. Für lange Zeit verschwand ein damals hergestellter Prototyp. Wieder aufgetaucht ist er nach einer Recherche in der guten Stube eines ehemaligen Mitarbeiters, wo er täglich benutzt wurde. Der Dauereinsatz beweist die Stabilität des filigranen Möbels. Heutzutage berechnet man mit der Methode der so- genannten finiten Elemente, wie weit ein Werkstoff bei gleicher Stabilität verschlankt werden kann. Das hatte vor 50 Jahren der Designer Edmund Homa gut im Gefühl! Hoffentlich ist den Herstellern auch klar, dass Afromosia eine geschützte Art ist, handelt es sich da noch um alte Bestände?
Extrem schlanke, massive Möbel gab es bereits in den 1950er-60er-Jahren. An diese Tradition haben in den letzten Jahren die bosnischen Massivholzmöbler angeknüpft. Wird der Balkan das neue Skandinavien des Möbeldesigns? Mit MS & Wood gibt es nun einen neuen Player in diesem Herstellerreigen. Die Firma tritt gleich mit einer kompletten eigenen Kollektion an. Das Design stammt aus der Hand von Ado Avdagi, der auch schon für Artisan Entwürfe geliefert hat. Woher können die Bosnier das eigentlich so gut? Das Geheimnis liegt anscheinend in der Kombination von Hightech-CNC-Fertigung, Tradition und preiswerter Handarbeit im Finish.
Dünn und leicht ist gefragt
Der Trend zu den dünneren Querschnitten setzt sich fort. Team 7 wartet mit neuen Möbeln in einem sehr kubischen Design auf, das an den Ecken trotzdem noch einen dünnen Streifen Hirnholz sehen lässt – das ist man dem Kunden als ökologisch geprägter Premiumhersteller schuldig. Wogg aus der Schweiz stellt einen HPL-Schreibtisch vor, ebenfalls in strenger Linienführung. Die Tischplatte kann relativ flache, farbige Schubfächer aufnehmen. Diese Platte wird in gleicher Stärke auch für das passende Regalsystem verwendet. In den Regalböden können so ebenfalls farbige Schubfächer untergebracht werden. Das gibt dem Ganzen einen spielerischen Charakter – bei aller Strenge und Rechtwinkligkeit. Ebenfalls schlank sind die Entwürfe der Müller Möbelfabrikation, die Biege- und Prägeteile aus Blech mit Massivholzgestellen kombiniert. Die Möglichkeiten der Blechbearbeitung geben eine straffe, nüchterne Formensprache vor, das Massivholz bringt die möbelige Wärme.
Im Auge behalten sollte man auch Carbon. Das Material hat hervorragende statische Eigenschaften bei geringem Gewicht. Die Anzahl der Firmen, die Carbon verarbeiten können, steigt, die Technologie ist nicht länger der Automobilbranche vorbehalten. Die Firma Vacopro hat einen sehr eleganten, leichten Carbontisch mit dem Namen »thickless« entwickelt. Seine bis zu vier Meter lange Platte ist durchgängig gerade mal 22 mm dick und biegt sich bei Belastung nur minimal durch. Thickless lässt sich online vom Kunden in Maßen und Materialien konfigurieren – die Preise sind allerdings weniger schlank.
Eher auf der Interzum zu vermuten, doch auf der IMM zu entdecken war ein begeisterndes neues Beschlagsystem: Pazls hat einen Plattenverbinder erfunden, der per Magnet automatisch verriegelt. Das funktioniert einfach und ohne Werkzeug, sozusagen wie ein Exzenterbeschlag ohne Schraubendreher. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Platte plan ist, sobald die Verbindung gelöst wird – es bleiben keine störenden Bolzen stehen. Das bringt enorme Handlingvorteile in der Produktion! Kastenmöbel oder Regale können problemlos gebaut werden. Da der Beschlag aber nur bedingt Zugkraft aufbringt, kann auf eine diagonale Aussteifung wohl nicht verzichtet werden.
Wer sich in diesem Jahr am Interior Innovation Award orientieren wollte, hatte Pech, die Ausstellung fehlte. Mehr als ein Jahrzehnt wurden dort herausragende Produkte ausgezeichnet, eine exzellente Möglichkeit, komprimiert neue Produkteindrücke zu erhalten.
Dauerbrenner ausgebrannt
Im Jahr 2002 von der Messe Köln und dem Rat für Formgebung aus der Taufe gehoben, war in diesem Jahr nur die Kategorie »best oft the best« zu sehen und zwar nicht auf der Messe, sondern auf den Passagen im Kölner Kunstverein. Der Designpreis nennt sich nun »Iconic Award: Interior Innovation«. Wie ich in einem Gespräch mit Botho Bär vom Rat für Formgebung erfahren habe, hat die Kölnmesse als Veranstalter aus sogenannten strategischen Gründen das Format kurzfristig abgesetzt. Nun werden dieser Award sowie die Ausstellung weitestgehend vom Rat für Formgebung alleine kuratiert. Das Spektrum der ausgewählten Produkte wird im Zuge dessen auf den gesamten Einrichtungsbereich ausgedehnt und dazu gehören anscheinend auch Haushaltsmaschinen und Teekannen. Wer nach Köln zur Möbelmesse und zu den Passagen kommt, will Möbel erleben und nicht kleinteilige Accessoires – sorry, dann kann man gern die Ambiente in Frankfurt besuchen.
Der Designnachwuchspreis Pure Talents Contest wird dagegen weiterhin von der Messe und dem Rat für Formgebung betreut, ein Indiz dafür, dass die Nachwuchsförderung ernst genommen wird. Doch bei aller Liebe zum Experiment – warum in diesem Jahr so viel Dysfunktionales und Kunstobjekte in der Ausstellung vertreten waren, bleibt ein Geheimnis der Jury. Unter den prämierten Entwürfen ist mir nur das Möbel Work Shift von Lena Plaschke aufgefallen, ein minimalistischer Steharbeitsplatz, der auch als Leuchtenobjekt im Wohnraum funktioniert. Das Ausstellungskonzept Pure Talents, unter dem sich die jungen Designer präsentieren können, war in diesem Jahr wenig übersichtlich. Selbst routinierte Messe- besucher schafften es kaum, die Talents vom Format Living Interiors zu unterscheiden. Das war dann aber kein wirklicher Nachteil, weil spontan viele Kontakte zu Besuchern der Living Interiors geknüpft werden konnten, die sich womöglich nicht extra zur Ausstellung des Nachwuchses bemüht hätten.
Verdünnte Passagen
Wer Köln wirklich als gestalterische Standortbestimmung nutzen will, besucht auch die Passagen. Trotz optimaler neuer kreativ einsetzbarer Werkzeuge wie Laserschneider oder 3D-Druck gab es aber auch dort nur wenig Experimente zu sehen. Konnte man hier vor ein paar Jahren noch Möbel von Designern wie Chris Ruhe finden, haben die Passagen einen klaren Schwenk zum Accessoirebereich gemacht – um nicht das böse Wort Kunsthandwerk zu gebrauchen. Die einzelnen Ausstellungsorte sind mittlerweile weit über die Stadt verteilt, sie anzulaufen entwickelt sich zur Trüffelsuche – man braucht viel Zeit, eine hohe Frustrationstoleranz und gute Schuhe. Die Ausrichter der Passagen täten gut daran, das Ganze zu konzentrieren. Stattdessen wird ein neues Designquartier im Süden Kölns entwickelt. Ich bin ja kein Kölner, aber warum gibt es kaum Standorte auf der sogenannten Schäl Sick, der rechtsrheinischen Seite, auf der auch die Messe liegt? Die Autorendesigner, für mich hier die wahren Helden mit ihren eigenen Kollektionen, sind seltener geworden. Offensichtlich erreichen sie auf den Passagen nicht mehr ihr Publikum. Ein guter Vertrieb tut Not! Liegt die Lösung im Netz der Netze? Nicht selten finden sich nun Passagenaussteller nach einigen Anläufen auf der Messe wieder, nachdem in vergangenen Jahren auch die umgekehrte Bewegung zu beobachten war. Die Passagen und deren Charme wären sicherlich für viele Aussteller interessanter, wenn es gelänge, sie für die professionellen Einkäufer anziehender zu machen. Dazu fehlt es an Konzentration, Fußläufigkeit und Übersichtlichkeit.
Möbelchen und Onlineshops
Erklärt sich so der Trend zum kleinen Möbel, der sich für mich auch auf der Messe abzeichnet? Zum einen suchen viele Käufer gezielt nach »Möbelchen«, die ein Ensemble abrunden, zum anderen hat es sicher mit neuen Verkaufsstrukturen zu tun: Viele Designer gründen ihren eigenen Internetshop – sie sind dann Entwickler, Hersteller und Vertreiber in einem. Nicht selten umfasst das Angebot zusätzlich Produkte aus dem Accessoirebereich. Kleine Möbel sind besser selbst herzustellen und auch leichter zu versenden. Und ein kleines Designer-Möbel bestellt der Kunde eher, da die Investition auch kleiner ist.
Die Kombination Blech und Holz war mehrfach auch auf den Passagen zu sehen. So beschränkt sich Inteamdesign auf die drei Materialien Filz, Holz und Stahlblech. Genauso hält es der Innenarchitekt Frank Liess, der das Thema in eigener Formensprache auf sein Banksystem Boonk anwendet. Die Ladestation Stromer räumt mit dem Kabelsalat im Wohnzimmer auf. Das kleine Holzgestell verfügt über Steckdose und Satteltasche, in die man Handys zum Aufladen stecken kann. Hergestellt wird der Stromer vom NJU Studio, einem Designerkollektiv aus Coburg. Auch hier steht ein Onlineshop im Hintergrund.

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