Möbel

Wie Reisen verändert

Sechs junge deutsche Designer haben in Istanbul Objekte entworfen und dort mithilfe kleiner Handwerksbetriebe umgesetzt. Sieht man ihren Arbeiten den Tapetenwechsel auch an? Im Designers’ Talk auf den Kölner Passagen hat Roger Mandl für dds zugehört.

Roger Mandl ist Architekt und Dozent An der fachakademie für Raum- und Objektdesign GAP

Istanbul ist die einzige Stadt auf zwei Kontinentalplatten, sie schafft den Spagat von Asien nach Europa. Den Brückenschlag in umgekehrter Richtung von Europa in den vorderen Orient haben sechs junge Designer gewagt und davon in Köln berichtet. Die Initiative ging von Pierre Kracht aus, der im Jahr 2012 erstmals über den von der Istanbuler Designerin Asli Kiyak Ingin initiierten Design-Workshop »Made in Shishane« nach Istanbul kam. In Verbindung mit Design-Quartier Ehrenfeld und Sabine Voggenreiter kam es im Rahmen der Passagen zur Ausstellung im Bunker an der Körnerstraße 101 in Ehrenfeld. Seine Mitstreiter in diesem Projekt waren Laura Jungmann, Dorothee Mainka, Jonathan Radetz, Florian Saul und Michael Konstantin Wolke – junge deutsche Designer, die fasziniert waren von den Möglichkeiten, die sich aus der Zusammenarbeit mit kleinen traditionellen Handwerksbetrieben in Istanbul ergeben. Leider ist die Kultur dieser Kleinwerkstätten und ihr Netzwerk in den Istanbuler Vierteln Shishane und Galata vom Aus bedroht – billige Importe aus Fernost sowie die bewusste Verdrängung der Gewerbe zugunsten von Wohnen und Tourismus gefährdet die Existenz der Werkstätten von zwei Seiten. Auf der IMM Cologne wurden in Halle 4.2 die Entwürfe der Jungdesigner in einer sympathisch reduzierten Präsentation gezeigt.
Zu Gast beim Designers’ Talk
So unterschiedlich wie die sechs Nachwuchsdesigner in ihrer Arbeit vorgehen, sind auch die Erfahrungen, die sie dabei gemacht haben. Am Mittwochabend während der Messewoche organisierten sie auf den Passagen den Designers’ Talk, um sich mit einigen Gästen im kleinen Kreis auszutauschen, über Design im Allgemeinen, zu Hause und in der Fremde. Unter der Führung des Journalisten Max Borka kreiste die Diskussion darum, ob sich an einem bestimmten Ort, in diesem Fall Istanbul, ein deutlicher Einfluss auf die Arbeit eines Designers zeigen würde, der mit seiner ganz eigenen Geschichte im Gepäck anreist. Diese Frage wurde von Jonathan Radetz selbst verneint – seine in Istanbul entwickelten Leuchten bringe man nicht in diesen Kontext. Daraus ergaben sich neue Diskussionspunkte: wie austauschbar Design in einer global vernetzten Welt geworden ist und dass Design weiterhin nicht eindeutig zu verorten ist. So werden Drahtgestelle in Leuchten zwar auch heute noch in Istanbul von Hand gefertigt, ihre Gestaltung ist aber austauschbar mit ebensolchen aus Dänemark in den 1960er-Jahren und Deutschland in den 1950ern und früher. Was macht lokales oder regionales Design aus? Es tauchte auch das grundsätzliche Thema der Fremde und des Fremden in Bezug auf die derzeitige Migration auf – was ist denn wirklich typisch deutsch, belgisch, französisch, amerikanisch, bezogen auf den Umgang mit dem Fremden?
Im weiteren Verlauf des Gesprächs entwickelte sich die Erkenntnis, eine Auseinandersetzung mit dem ortstypischen Design müsse wohl tiefer gehen, als einfach die Werkstätten vor Ort zur Entwicklung der eigenen Ideen zu nutzen! Das regional Typische ist geschichtlich, soziologisch, handwerklich, formal und intellektuell verankert. Es sind diese Wurzeln, die es zu entdecken gilt, ohne dabei in bloßen Kopien zu enden. Eine Erfahrung, die Charlotte Perriand in den 1940er-Jahren bereits bei ihrem Arbeitsaufenthalt in Japan machte. Diese Selbsterfahrung vor Ort ist ein Aspekt, der in zweifacher Hinsicht bedeutsam ist. Zum einen für die jungen Designer, die feststellen dürfen, wie wertvoll kleine Werkstätten mit niedrigen Kosten für die eigene Entwicklungsarbeit sind, die aber von der Massenproduktion, die das eigentliche Ziel von Industriesign ist, bedroht sind. Dann für die Handwerker, die plötzlich eine Wertschätzung aus der Ferne erfahren, in der ihre einstigen Kollegen mit kleinen flexiblen Werkstätten und Handarbeit schon lange aus dem Markt oder zumindest an dessen Rand verdrängt worden sind. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der eigenen Herkunft neu – und nach den verloren gegangenen Ursprüngen.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein interkultureller Austausch nur so intensiv und fruchtbar werden kann, wie gegenseitige Verständigung, das Interesse, das Eintauchen in die fremde Kultur und die Neugier für das Eigentümliche des Fremden dies ermöglichen und zulassen. Gerade in unserer Zeit scheint dies weit über das Thema der Gestaltung und des Designs hinaus von besonderer Bedeutung zu sein – das gezeigte Design jedenfalls erschien sehr vertraut und wenig befremdlich.

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