Als Schreinermeister in Kalifornien arbeiten

Unter Palmen gelandet

Wie gelingt das Schreinern in der amerikanischen Welt für einen deutschsprachigen Handwerker? Fotojournalist Erol Gurian besuchte den aus Bregenz stammenden Schreinermeister Paul Kaufmann im kalifornischen Palm Springs.

Paul Kaufmanns amerikanische Schreinerkarriere startete mit einer Notlüge: Kurz nachdem der Bregenzer 1992 nach Palm Springs umgesiedelt war, fragte ein Franzose aus dem Ort nach einem Armoire mit Schnitzereien. Frisch aus Österreich nach Kalifornien geheiratet, hatte der Schreinermeister noch keine Werkstatt, geschweige denn Maschinen. »Ich erzählte dem potenziellen Kunden einfach, dass ich die nächsten sechs bis acht Wochen sehr beschäftigt sei. Mit einer Anzahlung würde ich mich aber danach an die Arbeit machen, sagte ich ihm. In Wahrheit wusste ich nicht einmal, wo ich das Holz und die Maschinen überhaupt herbekommen sollte.«

Das Internet existierte damals noch nicht, und so fuhr der junge Schreiner mit seiner Anzahlung kurzerhand nach Los Angeles – gute zwei Autostunden entfernt -, um seine Branche abzuklappern. Er besuchte Schreiner, Maler und Holzhändler, um sie um Rat zu fragen. »Ich erkundigte mich, wo ich eine Kreissäge, eine Tischfräse und eine Hobelmaschine herbekommen könne und wurde schließlich im Stadtteil Altadena fündig. Meinen Holzhändler habe ich im Nachbarort Fontana entdeckt.«

Start in Schwiegerpapas Garage

Aber noch bevor er mit der Arbeit beginnen konnte, galt es ein weiteres Hindernis zu nehmen: Kaufmann ermittelte die Garagengröße seiner Schwiegereltern, um die geeigneten Maschinen zu kaufen. Vier Wochen später war seine provisorische Werkstatt eingerichtet. »Ich rief den Mann an und sagte ihm, dass ich jetzt beginnen würde. Schlussendlich war mein erster Kunde dann sehr zufrieden mit seinem Armoire. Ich arbeite bis heute für ihn und repariere die Tische seines Restaurants hier in Palm Springs.« Kaufmanns neue Heimat ist bekannt für ihre Gastronomie: Seit den Sechzigerjahren kommen Hollywood-Stars in den Wüstenort, um auszuspannen, weit weg vom Smog über Los Angeles. Der Filmprominenz folgten Hotels und Restaurants.

Erst kürzlich hat in Palm Springs das »Rowan Hotel« neu eröffnet, ein strahlend weißes Gebäude, eingefasst mit Palmen, mit spiegelndem Glas und einem großen Pool auf dem Dach. Sein Manager, ein Hamburger Hotelier, hatte Kaufmann für den außergewöhnlichen Innenausbau verpflichtet. Links vom Foyer, gegenüber der Bar, prägen sechs Meter hohe Bücherregale aus amerikanischer Walnuss den Raum. »Ich bin damit erst eine Stunde vor der Eröffnung fertig geworden, so knapp war das Timing getaktet. Das macht nicht jeder mit, doch mein Kunde wusste das sehr zu schätzen«, erzählt der Schreinermeister. Auch die Handläufe aus Teakholz stammen von ihm. Die 125 Holzkisten an der Decke des Cafés hat Kaufmann aus Pinienholz geschreinert – wegen der Lüftungsschächte und der Beleuchtung des Raumes eine notwendige Maßanfertigung. Im Rooftop-Restaurant des Hotels konnte sich Paul Kaufmann ebenfalls verewigen: Den Raumteiler hat er aus mexikanischem Guanacaste-Holz gebaut und die Tische aus Walnuss schmücken Messingintarsien.

Die Zulieferer als Angestellte

Alle Stücke sind in Eigenregie gefertigt, ganz ohne Mitarbeiter – so arbeitete er von Beginn an. »Die Zulieferer sind meine Angestellten«, erklärt Paul. Denn in Kalifornien gibt es wenig qualifiziertes Personal und das sei meist »nicht so zuverlässig«. So arbeitet er mit einigen Firmen aus Los Angeles zusammen, bei denen er heute bestellt und am nächsten Tag sicher seine Lieferung bekommt. »Aber auch Zulieferer wie Blum oder Häfele kann ich direkt anrufen. Die sind in den USA vertreten und mit einer Lieferzeit von zehn Tagen sind die Qualitätsbeschläge dann da. Ab und zu kommt auch deren Außendienstmann vorbei.«

Ideen-Recherche in Mailand

Braucht Kaufmann mal außergewöhnliche Materialien, fährt er nach North Los Angeles. »Dort bekomme ich so exotische Dinge wie blau gestreiftes Holzfurnier. Dazu werden eingefärbte Furniere miteinander verleimt, sodass ein großer Klotz entsteht. Der wird wiederum gemessert und die erzeugten Furnierblätter erhalten dabei ihr markantes Aussehen. Der Fachhändler beliefert auch die Firmen, die die Oscar- Verleihungen ausstatten« berichtet Kaufmann.

Andere Inspiration für seine Arbeiten holt sich der Wahlkalifornier aber immer noch in Europa: Seit 1984 reist er alle zwei Jahre nach Mailand, um dort die «Salone del Mobile« zu besuchen. Gerade die Eurocucina bietet Spannendes. »Die Ästhetik war mir immer am wichtigsten: Ich betrachte das Gesamtbild und finde Lösungen«, berichtet er. »Oft arbeite ich mit Architekten und Innenarchitekten zusammen. Hier in den USA wird sehr stark darauf geachtet, dass die Möbel zur Innenarchitektur passen und da verlassen sich meine Kunden voll und ganz auf mich.«

Bei seiner Preisgestaltung muss er trotz hoher Nachfrage sensibel sein. »Denn hat man den Ruf, zu teuer zu sein, ist man schnell weg vom Fenster. An meine Aufträge komme ich mittlerweile nur über Empfehlungen. Da sind die Amis unkompliziert: Man gibt jemandem schneller einfach mal so eine Chance.« Allerdings müsse man sich immer wieder bewähren, erzählt Kaufmann: »Anrufe um sechs Uhr morgens oder mitten in der Nacht sind nicht ungewöhnlich. Amerikanische Kunden erwarten Top-Service.«

Paul bietet Schreinermeistern Jobs

In Zukunft will der quirlige Mann mit dem vorarlberger Akzent mehr Gesellschaft und Austausch in seiner Schreinerei. Kaufmann baut gerade ein Programm auf, bei dem deutschsprachige Schreinermeister in Palm Springs Auslandserfahrung sammeln können. Bei Interesse genügt eine E-Mail an ihn: Pkaufmann2@yahoo.com


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet an der renommierten Deutschen Journalistenschule und ist Dozent an der Universität Hildesheim – darüber hinaus schreibt er für dds.


Steckbrief

Nach Palm Springs kam Fotojournalist Erol Gurian bei seinem dds-Roadtrip durch Kalifornien mit dem Münchner Schreinermeister Ben Angerer, der Händler und Handwerker für seinen Arbeitgeber Festool USA berät. www.festool.com

Paul Kaufmann, Schreinermeister,
Master European Craftsman,
www.paulkaufmann.com

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