Brachflächen beleben

Architekt Gerd Streng versteht sich darauf, bisher ungenutzten Dachraum clever zu erschließen – in sechs Folgen stellen wir seine »Stair Case Study Houses« vor. Mit einer Multiplextreppe aus HH-Langenfelde beginnen wir die dds-Serie.

Die Preise für Wohnraum in deutschen Metropolen steigen kontinuierlich und haben ihren Zenit noch lange nicht erreicht. Vielen Familien auf der Suche nach einer größeren Wohnung bleibt keine andere Wahl, als in ihrem alten Domizil wohnen zu bleiben, da das Angebot für Wohnungen und Häuser weit hinter der Nachfrage zurückbleibt.

Das Hinterfragen von Platzressourcen im Bestand bietet jedoch erhebliches Vergrößerungspotenzial »nach innen«. Raum ist häufig genug in der kleinsten Hütte vorhanden, aber kein Platz. Es gilt, die Raumreserven auszuloten und Platz zu schaffen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Vier Quadratmeter Wohnung kosten bei Neukauf 20 000 Euro – ein multifunktionales Möbel schafft für weniger als die Hälfte den gleichen Platz! Ein Projekt darf also nicht alleine an den Erstellungskosten gemessen werden, sondern muss auch mit dem äquivalenten Raumgewinn bei Neukauf verglichen werden. Das »Einbreiten« nach innen ist also oft die ressourcenschonendere Alternative zum Ausbreiten in den Speckgürtel.
Beispiel Spitzbodenleiter 1937
In Hamburg-Langenfelde sollte ein klassisches Einfamilienhaus von 1937 energetisch saniert und an die Bedürfnisse einer vierköpfigen Familie angepasst werden. Die räumlichen Veränderungen beschränken sich auf wenige, gezielte Eingriffe. Der Spitzboden ist durch eine neue Treppe zugänglich gemacht, die in den Flur des Obergeschosses integriert wurde. Ursprünglich über eine Leiter erschlossen, beherbergt der Speicher nun ein vollwertiges und lichtdurchflutetes Zimmer. Die Wohnfläche konnte so um 20 m² auf 120 m² erhöht werden.
Die energetischen Maßnahmen umfassen neue Holzfenster mit Dreifachverglasung, Kerndämmung sowie eine neue 16 cm starke Zwischensparrendämmung. Die Pitchpine-Böden sind vom Teppich befreit, abgeschliffen und lackiert.
Kunstgriff »5° geneigte Wange«
Die neue, einläufige Spitzbodentreppe ist passgenau in die vorhandene Deckenaussparung für die ehemalige Dachbodenleiter eingearbeitet. Die Zugsparren der Dachkonstruktion verhindern jedoch eine Verbreiterung der Öffnung. Da der Durchgang im 1,30 m breiten Flur gewährleistet bleiben muss, sind die räumlichen Grenzen der neuen Treppe klar definiert. Die um 5° geneigte Wange ist der Schlüssel zum Funktionieren aller Anforderungen. Zum einen gewährleistet die Drehung die maximale Durchgangsbreite im Flurbereich und zum anderen vermittelt sie zwischen Deckenaussparung und Treppenantritt.
Sechs Aussparungen als Handlauf
Wandseitig ruhen die Stufen auf einer mit der Mauer verschraubten Wange. Ein Knick in Höhe der neunten Stufe markiert den Übergang zur Wendelung des Austrittes im Spitzboden. Als Handlauf dienen sechs übereinander angeordnete Aussparungen, die vom Kleinkind bis zum Erwachsenen stets die optimale Höhe bereithalten. Sämtliche Teile sind in klarlackiertem Birken-Multiplex (30 mm) ausgeführt. Den oberen Raumabschluss bilden zwei Sandwichplatten aus opakem, glasfaserverstärktem Polyester (GFK). Eine Platte ist als gasdruckfederunterstützte Klappe vorgesehen, der kleinere Teil ist fix. Die blaugrünen Platten filtern das Sonnenlicht und verleihen dem Flur eine nuancierte Lichtfarbe. Beide Teile sind begehbar, von unten beleuchtet und in einen orange lackierten Stahlrahmen aus L-Profilen eingepasst. Ein Schlips dient als beidseitig nutzbarer Klappengriff.
Fünf Dachflächenfenster sorgen für die Beleuchtung des Spitzbodens und gewähren Tageslicht und Durchblicke über drei Geschosse hinweg. Fast alle Oberflächen des Spitzbodens sind mit (dampfdichten) OSB-Platten verkleidet – inklusive der Laibungen der Dachflächenfenster, der Fußleisten sowie der First-Abdeckleisten. Die hochwertige Verarbeitung des vermeintlich »billigen« Materiales in Kombination mit der GFK-Fläche verleihen dem Raum seine einzigartige Atmosphäre.

steckbrief

Erschließung des Spitzbodens über eine Birke-Multiplextreppe
Planung und Konstruktion: Gerd Streng, Architekt, Hamburgwww.gerdstreng.de
Tischlerarbeiten/Treppenbau:Tischlerei Thomas Suhm, Hamburg www.tischlerei-suhm.de

Die Treppe machts!

Ach So

Platzressourcen im „inneren“ Baubestand zu aktivieren verhindert unnötiges Ausbreiten in die Speckgürtel der Städte.
Entscheidend dabei ist oftmals eine intelligent gebaute Treppe.

„Raum ist meistens in der kleinsten Hütte vorhanden, aber kein Platz! Viele Projekte beweisen anschaulich wie Treppen zur Wohn- und Nutzraumsteigerung eingesetzt werden können.“
Gerd Streng, Architekt aus Hamburg