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eMobilität: eSprinter von Mercedes überzeugt im Praxistest

Transportmittel bewusst auswählen
eMobilität: Wir testen den eSprinter von Mercedes

Welchen Beitrag der eSprinter von Mercedes bei der eMobilität heute leisten kann und wie das Zusammenspiel mit Lastenfahrrad, konventionellem Transporter und den öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert, testet dds-Chefredakteur Christian Gahle.

Voll geladen steht er da, die theoretische Reichweite wird bei einer nutzbaren Batteriekapazität von 47 kWh mit rund 150 km angegeben. Aha, theoretische Reichweite. Es ist kalt und dunkel. Los geht’s! Nach ein paar Runden durchs Veedel (Kölsch für die 86 Stadtteile) nähert sich die Restweitenanzeige schnell der 100 – obwohl erst wenige Kilometer gefahren sind. Gut, an roten Ampeln und im Feierabendverkehr ist das Verhältnis zwischen Fahrzeit und Entfernung immer ungünstig. Wo ist die nächste Ladesäule? Die neuen Ladestationen beim Lebensmittelhändler auf der anderen Straßenseite sind noch nicht am Netz, also auf ins Nachbar-Veedel. Passende App herunterladen, anmelden, Stromfluss freigeben, Stecker rein. Warten.

Nach knapp einer Stunde wird es mir zu kalt, ab nach Hause. Ein Blick auf die Restweitenanzeige führt zu Ernüchterung: Beim Ladevorgang wurde kaum der Verbrauch zur Station und zurück ausgeglichen. Seitens der Stromanbieter gibt es viele verschiedene Ladesysteme, die von mir gewählte Säule war mit maximal 22 kW offenbar für Pkw ausgelegt und daher nicht besonders leistungsstark.

Meine nächste Tour führt mich nach Düsseldorf. Das sind knapp 40 km bis zum Atelier für Holzbearbeitung von Dirk Michael Schmidt. Ich bin angemeldet, denn der Tischlermeister und Innungsmitglied ist Experte für eMobilität. 2016 wurde er im Rahmen des städtischen Wettbewerbs »Mobil mit Stil« ausgezeichnet. Und 2019 erhielt er den Mobilitätspreis der Landeshauptstadt Düsseldorf in Partnerschaft mit der lokalen Handwerkskammer. Mit seiner Innenstadt-Tischlerei und zwei Mitarbeitern setzt er auf Lastenfahrräder, hat aber auch schon elektrisch betriebene Transporter getestet. Unter der Hallendecke hängen zwei Fahrräder, die Lastenräder parken einsatzbereit vor der Formatkreissäge.

Für eMobilität bewusst entscheiden

Es gibt Argumente, die verfangen sofort. «Jeder Tischler legt bei der Wahl seines Werkzeugs größten Wert auf das optimale Gerät für die jeweilige Anwendung. Er nutzt verschiedene Hämmer, immer den passenden Bit und individuelle Sägen», soweit wird jeder Dirk Schmidt zustimmen. Diesen Gedanken überträgt er nun auf die eMobilität: »Da ist es doch nur logisch, auch bei der Wahl des Transportmittels zwischen den jeweils optimalen Fahrzeugen zu wählen!« Dabei muss es noch nicht einmal ein Fahrzeug sein. Im Nahbereich geht Schmidt zu Fuß oder springt in die Bahn, um ein Aufmaß zu nehmen oder Kundschaft zu beraten.
Und schon bekomme ich ein schlechtes Gewissen, denn ich hätte ja auch mit der S-Bahn anreisen können. Den eSprinter mit 11 m³ oder 891 kg Zuladung hätte ich zum Transport der Kamera sicherlich nicht gebraucht.

Aufgrund der zentralen Lage sind für Schmidt Lastenräder das beste Transportmittel für Montagetermine, sofern das Material direkt auf die Baustelle geliefert wird, oder für Reparatur- und Wartungsarbeiten. Schmidt arbeitet viel für soziale Einrichtungen, Jugendzentren und kirchliche Gebäude. Daher machen Kleinarbeiten einen Großteil seines Tagesgeschäfts aus. 4000 km legen die beiden Lastenräder jährlich zurück. Grob gerechnet werden dadurch rund 400 Liter Diesel pro Jahr eingespart.

Nur wenn es um die Bewegung größerer Objekte in die Werkstatt geht, zuletzt eine ganze Reihe Kirchenbänke, kommt der Transporter zum Einsatz. Dass dies ausgerechnet ein 15 Jahre alter Diesel ist, überrascht. Aber nur auf den ersten Blick. »Der ökologische Fußabdruck wäre viel größer, wenn ich dieses funktionsfähige Fahrzeug abgeben würde und dafür ein neuer eTransporter käme.« Das ist nicht nur ein Bauchgefühl, sondern das hat Schmidt wissenschaftlich begleitet durchrechnen lassen. Wird dann doch irgendwann Ersatz fällig, ist dies ein elektrisches Fahrzeug, ist sich Schmidt sicher.

Mit dem eSprinter reisen als Technikpionier

Ich mache mich auf den Rückweg nach Köln. Unterwegs klingelt das Telefon und es ergibt sich spontan ein weiterer Stopp in Langenfeld. Das liegt auf dem Weg, aber eine Restreichweite von 54 km ist mir für diesen kleinen Schlenker nicht genug. Außerdem hatte ich von einer 300-KW-Schnellladesäule erfahren, die ich testen möchte. Gefunden ist sie mit der Tank-E-App ganz schnell. Doch wie soll das gehen? Vorwärts in die für Pkw ausgelegte Bucht am Straßenrand klappt so gerade. Aber dafür ist das an der Säule fest installierte Ladekabel zu kurz. Schräg angefahren funktioniert, blockiert aber die gesamte Straße. So kann ich hier nicht lange stehenbleiben. Also weiter.

Die nächste Säule mit immerhin 50 KW ist in akzeptabler Reichweite. Wieder ein neuer Betreiber, wieder eine neue App. Das Benutzerkonto wird in zwei bis drei Tagen auf dem Postweg freigeben? Darauf kann ich nicht warten. Mit etwas Überredungskunst an der Hotline schaltet die Dame den Anschluss sofort frei. 45 Minuten Ladezeit wird angekündigt. Mittagspause.

Mit vollem Bauch und vollen Akkus geht es weiter. Kurz fühle ich mich wie Bertha Benz, die auf ihrer Pionierfahrt die Erfindung ihres Mannes literweise an den Apotheken am Wegesrand befüllen musste. Unterwegs sehe ich Baustellen und Plakate, die auf neue Ladestationen hinweisen. Klar, der Ausbau des heutigen Tankstellennetzes hat auch Jahrzehnte gedauert. Jetzt geht es mit der elektrischen Infrastruktur, und damit auch mit der eMobilität ingesamt, gut voran! So investiert Mercedes-Benz Vans 50 Millionen Euro in die drei eSprinter-Produktionsstandorte. »Die Zukunft der Mobilität ist auch im Transportsektor insbesondere auf der letzten Meile elektrisch. Unser Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge wächst daher stetig«, ist sich Marcus Breitschwerdt, Leiter Mercedes-Benz Vans, sicher.

Emotionen rein, Emissionen raus

Das Fahrzeug beschleunigt wie ein Autoscooter und in der Fahrstufe D- wird eigentlich nur ein Pedal benötigt. Gas wegnehmen und sofort wird bei der Rekuperation Energie zurückgewonnen. So macht sich vorausschauendes Fahren bezahlt. Mit 70 dB gleitet der Transporter auch bei der voreingestellten Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h nahezu geräuschlos dahin. Das ist immer angenehm für den Fahrer – und manchmal erschreckend für Fußgänger und Radler, die den Transporter erst im letzten Moment wahrnehmen. Hier ist erhöhte Aufmerksamkeit am Steuer gefordert.

Wie ist das eigentlich im Falle eines Unfalls? Das Hochvoltsystem, erkennbar an den orangenen Kabeln, schaltet bei einem Crash selbstständig ab. Tut es das nicht, kann man einen Stecker unter der Motorhaube lösen oder eine Steuerungsleitung am Sicherungskasten durchtrennen. Sollte Batterieflüssigkeit austreten, ist diese ätzend. Auch der Rauch sollt keinesfalls eingeatmet werden. Und die Feuerwehr muss viel Wasser mitbringen, um einen möglichen Brand in den Griff zu kriegen. Auf jeden Fall lohnt ein Blick in die Bedienungsanleitung und in die Rettungskarte.

Anwohner und insbesondere Kinder mit ihren Nasen auf auf »Auspuffhöhe« wissen es zu schätzen, dass E-Fahrzeuge keine Abgase in die Städte bringen. Die Energie muss andernorts gewonnen werden, möglichst umweltfreundlich. Zu Hause angekommen beantrage ich direkt eine leistungsstarke Wallbox bei meinem regionalen Stromversorger. Warum? Weil uns die eMobilität nicht mehr loslassen wird. Und da bin ich gerne vorne mit dabei. Nicht, weil ich mir jetzt ein solches Auto kaufen möchte, hier halte ich es mit Dirk Schmidt und nutze noch eine Weile mein bestehendes Fahrzeug. Ich investiere dennoch, weil ich Besuchern und Handwerkern ermöglichen möchte, ihre Fahrzeuge bequem bei mir zu laden.


eSprinter und andere Elektrofahrzeuge und -transporter

dds-Chefredakteur Christian Gahle hat noch nie in so kurzer Zeit so viele eMobilitäts-Apps heruntergeladen und mit der Hotline telefoniert, wie für diesen eSprinter-Praxistest. Am Ende bestellte er eine Wallbox, um zukünftig daheim laden zu können.

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