Meisterstück Barschrank von Florian Obermaier

Spirituosen hinter Gittern

Die Barvitrine von Florian Obermaier ist ein solitäres Ausstellungsmöbel in gelungener Materialzuweisung. Die expressive Gestaltung führt in der Konstruktion zu herausfordernden Knotenpunkten. Ursula Maier hat sie unter die Lupe genommen.

Eine Plastik oder ein Behältnis? In jedem Fall ein interessantes und mutiges Möbel, das entdeckt werden möchte! Die Beschreibung verrät: Unter dem Leistenwerk sollen Spirituosen aus der hauseigenen Brennerei präsentiert werden, unter dem Glaswinkel ist Platz für weitere Flaschen und ein staubgeschützter Ort für Gläser. Um den kostbaren Inhalt zu entnehmen, wird die Leistenhülle zur Seite geschoben, die Vitrine öffnet sich stirnseitig über eine Drehtüre. Spirituosen können direkt auf dem Möbel verkostet werden, das mit 1400 mm Breite, 1200 mm Höhe sowie 450 mm Tiefe außen stimmig proportioniert ist. Die Nutzhöhe beträgt unter dem Leistenwerk 351 mm, im erhöhten Teil sind es 252 mm. Zu dieser Ebene gibt es keinen direkten Zugang, hier könnte ein Kunstwerk stehen! Die Funktion scheint bei diesem Möbel nachrangig bewertet zu sein – die Vitrine ist zu tief, um bequem an die hinteren Gläser oder Flaschen zu kommen und die Nutzhöhe mit 266 mm begrenzt. Flaschen werden eher im offenen Teil des Möbels stehen. Boden und Rückwand verbergen durch den zweischaligen Aufbau die mechanische Führung des seitlichen Auszugs.

Apart laufen die kreuzenden Leisten rechts neben dem Glaswinkel in die als Basis abgeschrägte Blende und treten so besonders hervor. Die Ecke vorne rechts wirkt dagegen noch nicht zu Ende gedacht: Über der Schublade die offene Fuge, die etwas plump sichtbare Stärke des Fachbodens sowie die unten gekappten Streben ergeben für mich kein stimmiges Bild – der Gesamteindruck leidet darunter. Die linke Seite des Möbels erscheint gefälliger: Das Glas der Vitrine ist an den Rändern schwarz hinterlackiert, um die Stärke des Bodens zu verdecken, eine kluge Entscheidung! Trotz des übermäßigen Materialeinsatzes scheint der Korpus grazil auf dem schmiedeeisernen Gestell zu schweben. Das Stück zieht die Blicke auf sich – es ist ein gelungenes Präsentationsmöbel, das im Motiv der sich kreuzenden Schrägen auch die Formensprache der modernen Architektur zitiert.

Vertikalschnitt: Verdeckte Führung des Gitterauszugs durch doppelschalig aufgebauten Boden und Rückwand

Ursula Maier, Stuttgart, Maître Ébéniste und Innenarchitektin BDIA. Die Unternehmerin hat ihren Betrieb um ein Einrichtungshaus sowie ein Büro für Innenarchitektur erweitert und 2007 an die vierte Generation übergeben.

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