Meisterstück: Barschrank von Martina Weichselbaumer

Symbol mit Nutzwert

Martina Weichselbaumer hat als Meisterstück einen unkonventionellen Barschrank gestaltet. Prof. Axel Müller-Schöll zieht Parallelen zum Entwurfsverständnis im Bauhaus, dessen Gestaltungsimpulse vor 100 Jahren die Welt verändert haben.

Willkommen im Bauhaus-100-Jahr! Die Möbel dieser Ära bestechen dadurch, dass sie – insbesondere im Gegensatz zum ornamentüberladenen Mobiliar des 19. Jahrhunderts – leicht, beschwingt, ja geradezu entmaterialisiert wirken. Dies war den Bauhäuslern wichtig – der Komfort für den Nutzer dagegen eher zweitrangig: Der »Brno-Freischwinger« des ersten Bauhausdirektors, Ludwig Mies van der Rohe, ist zwar an Eleganz unerreicht, das Aufstehen allerdings mündet regelmäßig in eine Art Slapstick, da man am rund auskragenden Stuhlbein hängen bleibt. Und wer jemals auf dem legendären »Wassily-Sessel« Marcel Breuers Platz nehmen durfte, wird sich daran erinnern, selten so unbequem gesessen zu haben. Kurz: Alle diese Möbel folgen nicht in erster Linie dem Gedanken, den Komfort im Hinblick auf die Nutzung zu optimieren, sondern sind bis heute eindrucksvolle Plädoyers der radikalen Forderung nach Reduktion im Ausdruck. Sie demonstrieren, dass alle Materialien eine gleich hohe Wertschätzung verdienen.

Martina Weichselbaumer schreibt, ein Meisterstück zu entwerfen, es zu planen und zu fertigen, erfordere Leidenschaft und größtmögliche Hingabe. Ansporn sei für sie die Liebe zum Handwerk und zu ihrem Mann gewesen, dem dieses Möbel gewidmet ist: Eine modern interpretierte Schatztruhe für den Whiskey-Kenner, die sich auf wundersame Weise aus Genen von Nähkästchen, Werkzeugkisten und Überseekoffer herausentwickelt hat. Sie scheint auf einer goldenen Linie zu schweben und ist erst einmal eine Geste, ein

starkes Symbol mit diskretem Nutzwert. Aus meiner Sicht liegt die meisterliche Besonderheit des Möbels in dem freundlichen Augenzwinkern und der feinen Ironie, die ihm innewohnt – und in diesem Punkt hat es dem Bauhaus sogar ein ganzes Stück voraus! Ein weiteres unkonventionelles Barmöbel

Frontalschnitt: Beide Hälften des geteilten Kofferdeckels sind mit Stangenscharnieren angeschlagen
Vertikalschnitt: Griffprofile und Stangenscharniere aus Messing liegen in einer Ebene

Prof. Axel Müller-Schöll lehrt an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Innenarchitektur und Ausbaukonstruktion. dds und dem Tischlerhandwerk ist er seit vielen Jahren beratend und als Autor verbunden.