Meisterstücke

Mit Sax und Säge

Als Meister der Schifterschnitte hat Linus Trauschel die dynamische Form seiner Saxophontruhe nicht nur geometrisch, sondern auch an Formatkreissäge und Tischfräse virtuos bewältigt. Peter Litzlbauer zollt ihm Respekt.

Die tradierte Truhenkonstruktion, wie wir sie aus vergangenen Jahrhunderten kennen, besteht aus einem tiefen Truhenkörper mit aufgesetztem Deckel und untergesetzten Füßen. Dieses Urbild übersetzt Linus Trauschel in eine dynamische Skulptur, die sich an moderner Architektur orientiert: Schräg gelegte Flächen stehen zueinander, Schattenfugen schneiden in unterschiedlichen Winkeln den liegenden Quader und öffnen sich an zwei Ecken, die fast wie klaffende Wunden erscheinen, wie aus dem Stamm geschnittene Keile. Die äußere Form wird durch das spiralförmig verlaufende Furnier in schlichter Maserung betont. Die Dreigliederung in einen geschlossenen unteren Körper und einen zweigeteilten Aufsatz ist besonders erkennbar in der perspektivischen Seitenansicht mit der Rückansicht: Wie ein Keil schiebt sich der mittlere Bereich zwischen Truhenkörper und Truhendeckel. Ein Widerspruch an sich, gehört doch dieser Bereich eigentlich inhaltlich zum Truhenkörper, wie es in der Vorderansicht suggeriert wird. Durch das Aufklappen des Deckels wird dies sofort sichtbar, auch durch die etwas improvisierte, aufgeständerte Aufbewahrung des Musikinstrumentes. Details in diesem Bereich wie etwa das ausgeschnittene Eck im aufgesetzten, schräg liegenden Boden, zeigen die Schwierigkeiten, die eine stark ausgeprägte Geometrie hervorrufen.

Linus Trauschel bewältigt diese herausfordernde Komplexität der geometrisch anspruchsvollen Form meisterlich: Die unterschiedlichen Gehrungen der Kanten sind präzise ausgebildet und lassen die Truhe wie aus einem Guss erscheinen. Der Truhendeckel ist mit modifizierten Phantombändern angeschlagen. Dunkel abgesetze, mit Schichtstoff belegte Flächen betonen die Dynamik der gefalteten Korpushülle. Der große, seitlich geführte Auszug für Transportkoffer, Noten und weiteres Zubehör ordnet sich formal in die komplexe Geometrie ein – lediglich das vertikal herausgeschnittene Eck im Doppel verweist auf den selbst entwickelten Öffnungsmechanismus.

Frontalschnitt: Überfurnierte Anleimer in den Gerungen schützen die spitzen Winkel vor Beschädigungen
Vertikalschnitt: Der Auszug ist mechanisch unterflur und seitlich durch Kulissen geführt

Prof. Peter Litzelbauer, Architekt, Innenarchitekt und Tischlermeister, hat bis Sommer 2017 Grundlagen des Konstruierens/Raum, Möbel, Material an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart gelehrt.

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