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Meisterstück Phono-Sideboard: Markante Linienführung

Meisterstück Phono-Sideboard von Annika Höllerl
Markante Linienführung

Eine horizontale Einschnürung prägt die Formgebung des Phono-Sideboards von Annika Höllerl. Die industriellen Beschläge nehmen dem Möbel etwas von der angelegten Eleganz. Eine Kritik von Kevin Gerstmeier.

Das Sideboard von Annika Höllerl dient nach ihrer Stückbeschreibung der Aufbewahrung eines Schallplattenspielers und dazugehöriger Accessoires. Das Möbel wurde in der Dimension und Aufteilung offensichtlich nicht für die stehende LP-Archivierung konzipiert, bietet aber genügend Platz für Singles und übereinanderliegende Langspielplatten. Der Korpus geht in der Grundform auf einen liegenden Quader zurück: Schnürt man den Block horizontal im oberen Drittel ein, entsteht von jeder Seite aus betrachtet ein Doppeltrapez. Diese Einschnürung bestimmt sowohl die Aufteilung des Korpus wie seine Linienführung. Eine Funktion kann ihr nicht unmittelbar zugeordnet werden. Die liegende Form vermittelt Standfestigkeit, die ungewollte Schwingungen beim Abspielen einer Schallplatte verringert. Die Front ist in sechs Felder aufgeteilt: Den Mittelteil bilden gegenläufig öffnende Klappen, deren Griffe aus schwarz lackiertem Metall jeweils eingelassen sind, was ihren leichten Versatz im Fugenbild bewirkt – der klärt die Zuordnung, doch wird die horizontale Linie gestört. Die obere Klappe zieht sich bis in den Korpus hinein und kennzeichnet in der Draufsicht durch den Kontrast der dunkelgrau lackierten MDF-Fronten zum Nussbaumfurnier die Verkehrsfläche. Die Außenecken des Korpus zeigen »falsche« Gehrungen, die durch massive Fremdfedern akzentuiert werden. Sumpfmatter Klarlack verleiht dem Amerikanischen Nussbaum zusätzliche Tiefe.

Das markante Fugenbild der Fronten ist durch den Tip-on-Mechanismus der Schubkästen geprägt, der für seine sichere Funktion hinreichend Luft verlangt. Es lässt sich darüber streiten, ob diese Öffnungsart mit auf Gehrung einschlagenden Fronten kombiniert werden sollte, die im handwerklichen Möbelbau eher durch einen präzisen Formschluss gekennzeichnet sind. Es befinden sich jeweils zwei Schubkästen auf der rechten und linken Seite. Die Vorderstücke sind schräg gezinkt, die Doppel schlagen auf Gehrung ein. Um im geöffneten Zustand die unterflur montierten mechanischen Führungen zu verdecken, hätten die Schubkastenseiten noch deutlich weiter nach unten gezogen werden können. Generell bestimmen beim offenen Möbel die Beschläge das Bild. Das schlichte und praktische Meisterstück verliert durch diese vermutlich unbeabsichtigt prägnanten Gestaltungsmerkmale etwas von der Eleganz, die in der Gesamtgestalt angelegt ist.


Kevin Gerstmeier ist Tischlermeister und Raum- und Objektdesigner. Er arbeitet sowohl selbstständig wie als Head of Design in der Schreinerei Baur und als Gastdozent an verschiedenen Berufsschulen.
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