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Gesellenstücke Innung Köln 2022

Gesellenstücke aus der Innung Köln 2022
Auf dem Weg sein

Ausgewählte Gesellenstücke aus der Innung Köln 2022 zeigen überzeugende Gestaltungsansätze und laden dazu ein, auch im Detail genau hinzuschauen.

Gesellenstücke bilden Entwicklungswege ab, sie sind Momentaufnahmen im Gestaltungsprozess. Sie aufmerksam zu betrachten und dabei auch auf ungelöste Fragen aufmerksam zu werden, ist immer eine wertvolle Sehschule. Dabei fordert die Rolle des kritischen Betrachters Respekt vor den Urhebern, die sich oft ohne Erfahrung als Gestalter von Möbeln auf diesen Prozess eingelassen haben. Manche Tücke des Entwurfs offenbart sich erst, wenn das Stück bereits Gestalt angenommen hat; selten würde jemand wohl ein Gesellenstück unverändert noch einmal bauen!

Mit seiner »Kleiderordnung« hat Florian Weiler ein Aufbewahrungsmöbel für Kleidung geschaffen: Zwei gestapelte Vitrinen mit Sockel und einer Bauchbinde aus lackierter MDF, die den Schubkasten integriert, gliedern das große Volumen von 2100 x 900 x 644 mm horizontal und mit einer vertikalen Symmetrieachse durch die farbig betonte Schlagleiste. Ich vermisse bei solchem Aufbau regelmäßig einen oberen Abschluss als Gegenpol zum Sockel, es reichte eine aufliegende Platte!

Früher vermittelte ein reich profilierter Kranz zwischen dem Möbel und dem Raum darüber, was im weitesten Sinne der Himmel ist – statt der öffnenden Gebärde nach oben wirken manche Möbel heute wie oben abgeschnitten, was offenbar dem Lebensgefühl entspricht. Die Seitenansicht dieses Möbels ist durch den Plattenbau nur horizontal gegliedert. Bewusst gesetzte Fugen könnten dem Korpus auch in der Tiefe einen Rhythmus geben.

Die Rahmentüren mit offen geschlitzten Eckverbindungen und verdeckt gefrästen Griffmulden geben auf den ersten Blick ein Rätsel auf: Die Bänder wurden so tief eingesetzt, dass die 8 mm dicken Rollen halb im Zierfalz verschwinden. Der Falz musste über und unter dem Band so erweitert werden, dass sich die Türen aushängen lassen. Auch für den Erbauer eine Überraschung oder so gewollt? Ein Anschlagmodell kann im Vorfeld zeigen, was geht und was nicht. Stehe ich frontal vor diesem Möbel, wäre es für mich ergonomischer, die Türen an den Querfriesen zu öffnen als über die Griffmulden in den Aufrechten. Eine kaum sichtbar einsetzgefräste Kehlung könnte den Fingern Halt geben.

Ein auf den ersten Blick sehr harmonisches Stück ist der »Kleine Begleiter« von Felix Evers. Doch auch hier ergeben sich auf den zweiten Blick interessante Fragen. Der offen gezinkte Korpus zeigt zwei Böden: Der obere, massiv ausgeführt, hat für den seitlich auf Kulissen geführten Schubkasten keine erkennbare Funktion – ein Staubboden erscheint überbewertet und als Anschlag für die einschlagende Klappe hätte eine Traverse ausgereicht.

Der zurückgesetzte untere Boden hat seine Berechtigung bei geöffneter Klappe, da ermöglicht er ähnlich wie bei einer umgeklappten Rückbank im Kofferraum eine durchgehende Ebene und dient gleichzeitig als Anschlag. Ausgeführt ist er als Rahmen mit Füllung und folgt nicht proportional dem Quellen und Schwinden des Korpus in der Tiefe, was, wenn auch in kleinstem Maßstab, Auswirkung auf die Präzision des Klappenanschlags hat.

Ein derart sezierender Blick auf Gesellenstücke kann unangemessen erscheinen. Er soll jedoch nicht bewerten, sondern nur die Wahrnehmung schärfen: Die Gewichtung der Beobachtungen darf sich an der Relevanz für die Gestaltungsabsicht orientieren. Es ist durchaus ein legitimer Ansatz für ein Gesellenstück, ein zweckbestimmtes Behältnismöbel zu entwerfen, ohne dabei alle erdenklichen Anforderungen lösen zu müssen, die an ein solches Möbel theoretisch und praktisch gestellt werden könnten.

Ein Beispiel dafür ist das wandhängende Kaffeemöbel von Luis Pfeifer: Offenbar orientiert es sich an subjektiven Ritualen und erhebt gar nicht den Anspruch, ein universeller Problemlöser zu sein. Der Industriedesigner für ein Serienprodukt hingegen müsste seinen Entwurf viel stärker an den objektiven Nutzungsanforderungen ausrichten. Nicht selten beginnt eine Berufsbiografie zum Produktdesigner übrigens mit einer Ausbildung als Tischler oder Schreiner! –JN


Für dds-Redakteur Johannes Niestrath bieten Gesellenstücke oft wunderbare Beispiele für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Gestaltungsfragen, die in der Innung Köln schon in der Ausbildung groß geschrieben werden.


Steckbrief

Den ersten Teil der Gesellenstücke Innung Köln 2022 aus dem Berufskolleg Ulrepforte haben wir in der Augustausgabe 2022 unter dem Titel »Alles im Fluss« veröffentlicht. Wer die Entwicklung der Gesellenstücke in Köln über mehrere Jahre verfolgen möchte, wird auf dds-online unter dem Suchbegriff »Ulrepforte« fündig.

www.bk-ulrepforte.de/tischler

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