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Kulturwarenfabrik Leipzig

Tischlerausbildung in der Kulturwarenfabrik Leipzig
Kreative Gemeinschaft

Die Familie Pomplitz setzt in der alten Kulturwarenfabrik Leipzig ein außergewöhnliches Bildungs- und Ausbildungskonzept im Tischlerhandwerk um. Juliane Bardtholdt hat sich für dds dort umgeschaut.

Dipl.-Ing Juliane Bardtholdt ist selbstständig im Bereich Innenarchitektur und Designplanung und war viele Jahre Lehrbeauftragte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Miteinander arbeiten und voneinander lernen, das ist ein tradiertes und bewährtes Konzept in der komplexen Ausbildung zum Tischler und Schreiner. Doch wie steht es darum heute? Schon vor Jahren hat der Tischlermeister Erik Pomplitz festgestellt, dass je nach Ausrichtung eines Betriebes die Bandbreite an wünschenswerten und erstrebenswerten Fertigkeiten längst nicht überall im Ausbildungsalltag abgebildet werden kann: Wo zum Beispiel eher der Türen- und Fensterbau das Kerngeschäft ausmacht, bleibt wenig Raum, sich in Sonderanfertigungen zu vertiefen. Und wo durchweg Plattenmöbel hergestellt werden, wird der Umgang mit Massivholz eher unberührt bleiben.

Das gab für Erik Pomplitz den Anstoß, nach neuen Wegen zu suchen – gerade auch in der Ausbildung. Im Jahr 1993 kauft der Tischlermeister und Gestalter im Handwerk die alte Kulturwarenfabrik Leipzig von 1937, die eigentlich ein Ballsaal aus dem Jahr 1875 ist, und beginnt, das inspirierende Areal neu zu beseelen. Neun Jahre lang führt er dort zusammen mit bis zu 20 Angestellten eine Tischlerei mit dem Schwerpunkt Türen- und Fensterbau.

Nach und nach bildet sich der Wunsch heraus, Dinge im Arbeitsalltag und auch in der Ausbildung grundlegend anders anzugehen. Fast könnte man Erik Pomplitz mit seinen Gedanken als Vorreiter der New-Work-Bewegung bezeichnen: Zusammen mit seiner Frau Sandra Reichenbach und Sohn Lorenz Pomplitz ist so in den letzten Jahren ein Gesamtkonstrukt aus Arbeiten, Leben und »Anders- machen« entstanden, welches andere gerade für sich entdecken.

Tragende Säulen

Der charmant und verwunschen anmutende Campus basiert auf den drei Säulen Vermietung, Vertrieb und Vermittlung. Vermietung heißt: neun Arbeitsplätze für eingemietete Meister und solche, die es just mit der Anfertigung ihres Meisterstücks werden wollen. In dieser bunten Co-Working-Gemeinschaft finden Expertise, Spezialisierung und Inspiration Einzelner zusammen.

So können gemeinsam größere Aufträge bedient werden, als es jedem allein möglich wäre. Die großen Maschinen stehen allen zur Verfügung, alles Weitere geschieht an den gemieteten Arbeitsplätzen. Diese kosten monatlich um die 500 Euro. Die mehr als 100 Anfragen des letzten Jahres, die gar nicht alle bedient werden können, geben dem Konzept Recht.

Vertrieb bedeutet die zweite Finanzierungssäule: Über den Shop der hauseigenen Lignum Manufactur GmbH werden aus Holz gefertigte Produkte vor Ort und online verkauft. Bestseller wie zum Beispiel die Stiftablage haben ihren festen Platz, ansonsten ist die Palette dynamisch. Vermittlung ist die dritte Säule: Gemeinsames Lernen, Vermittlung von Fähigkeiten, das ist das Herzstück dieses familiären Campus.

Ausbildung im Verein

Die Kulturwarenfabrik Leipzig zur vielschichtigen Bildungsstätte zu formen, ist für Erik Pomplitz persönliche Mission. Neben den üblichen Waren auch »Kultur zu fabrizieren«, wird als Idee durch den Manufactur e.V. getragen – die Liebe zum Material Holz und zum Handwerk mit all seinen Facetten findet sich in einer großen Bandbreite an Kursen für Erwachsene und vor allem auch Workshops für Schulkinder wieder.

Die Grundschulklassenkurse bekommen Unterstützung von der Ralf Rangnick Stiftung, die das Konzept der Kulturwarenfabrik ebenso überzeugt wie 20 Kinder, die im Garten andächtig lauschen, weil es wirklich interessant ist: Wie wird ein Baum zum Baustoff und dann zum Möbel? Das kann nur ein außerschulischer Exkurs so eindrücklich vermitteln! In der offenen Werkstatt geht dann das buchstäbliche Begreifen des Materials weiter, bis jedes Kind sein Werkstück mit nach Hause nehmen kann. So kann Frühprägung für eine spätere Ausbildung im Handwerk aussehen.

Erik Pomplitz bildet weiterhin zum Tischler aus. Nicht, weil er es müsste, sondern um eine fundierte Ausbildungskultur hochzuhalten. Seit Ausbildung von Lorenz Pomplitz durch seinen Vater ist die Tischlerei berufsgenossenschaftlich zertifiziert. Dennoch läuft hier manches anders, wie der aktuelle Auszubildende Marcus berichtet. In seinem ersten Betrieb habe er eine »tragende Rolle« gespielt, sprich vorwiegend Türen und Fenster geschleppt. Er brach die Ausbildung ab und fand den Weg in die Kulturwarenfabrik.

Das Konzept, Auszubildende ohne wirtschaftliche Zwänge mit allen wichtigen Techniken des Tischlerns vertraut zu machen, hat hier seinen Preis – mit Auszubildenden kann im Verein nicht gewerblich Geld verdient werden, so müssen sie Lohn und Sozialabgaben erst einmal selbst einbezahlen. Für Marcus waren das für die zweite Hälfte seiner Ausbildung rund 21 000 Euro, von denen er 12 000 Euro als monatliche Vergütung wiederbekommt. Er hat sich dafür entschieden und erhielt dabei privat und von der Arthur Francke’schen Stiftung finanzielle Unterstützung.

Die weitgehend private Finanzierung ist sicherlich ein Haken dieser freien Ausbildung – dennoch ist das Modell auch ein Geschenk, findet Marcus. Wer hat schon die Möglichkeit, sich gleich mit neun Meistern auszutauschen? Die Zeit sei wie im Fluge vergangen. Sicher ist der Modus nicht für jeden etwas: Es wird erwartet, eigenständig zu arbeiten, sich Inhalte selbst anzueignen und zu vertiefen, um das große Angebot maximal zu nutzen. Aber genau diese Freiheit kann auch inspirieren. Marcus wünscht sich, dass weitere Stiftungen und Sponsoren auf dieses Bildungsmodell aufmerksam werden und es wertschätzen, um so die Ausbildungslandschaft vielseitiger zu machen.


Steckbrief

Die Kulturwarenfabrik Leipzig vereint unter einem Dach eine Tischlerei, den Verein Manufactur e.V. mit einem Kursangebot für Schulkinder und Erwachsene sowie Raumangebote für Wohnen und Gewerbe in einer kreativen Gemeinschaft.

www.kulturwarenfabrik.de


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