dds-Chefredakteur Hans Graffé
Gesellenstücke

Ein fairer Wettbewerb?

Wenn etwas nicht verboten ist, ist es dann automatisch erlaubt? Nicht zuletzt um diese Frage geht es in diesem Jahr beim Wettbewerb »Die Gute Form«, der die am besten gestalteten Gesellenstücke der Republik auszeichnet. Ein Kommentar von dds-Chefredakteur Hans Graffé.

Im Landesentscheid NRW traten mit Hilfe der so genannten Wildcards drei Azubis der Tischlerei Reichenberg-Weiss an: Jeder mit dem eigenen Stück, gestalterisch und konstruktiv aber gemeinsam entwickelt. Das ist ein Novum in der Geschichte der Guten Form, bei der Gruppenarbeiten erst einmal nicht vorgesehen, aber auch nicht ausdrücklich verboten sind. Prompt kürte die Landesjury NRW die drei auch noch als Gruppe zum Sieger; eine Entscheidung, die naturgemäß für Gesprächsstoff sorgen musste.

dds-Redakteur Johannes Niestrath hat die Stücke im letzen Heft ausführlich vorgestellt und das Pro und Contra der Juryentscheidung erörtert. Auch mit seiner eigenen Meinung hielt er nicht hinter dem Berg: »Wer den Mut hat, sich an Neues heranzuwagen, den sollte man nicht ausbremsen«. Das sehen auch die Beteiligten in NRW so, man ist jedoch über den Weg zum Ziel unterschiedlicher Ansicht.
Bei der ganzen Diskussion schwingt allerdings noch eine andere Frage mit: »Haben die Azubis, deren Ausbilder sich in Gestaltung und Konstruktion des Gesellenstückes so stark einbringt wie Reichenberg-Weiss unbotmäßige Vorteile gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen?« Na klar haben Sie das, sage ich dazu – aber das war doch schon immer so! Azubis, die das Glück haben, an einen außergewöhnlich engagierten Ausbilder zu geraten, haben nicht nur Vorteile bei Wettbewerben wie der Guten Form, sie profitieren ihr ganzes Leben davon! Es gibt nun einmal unterschiedliche Betriebe. Die Chancen sind nicht gleich verteilt und waren es noch nie. Um dem entgegenzuwirken, sollte man aber nicht die engagierten Kollegen demotivieren, sondern jene ermuntern, die in Sachen Ausbildung noch Luft nach oben haben.