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Schlösser unter Strom

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Schlösser unter Strom

Was muss man beim Einsatz von Automatikschlössern nach EN 14846 beachten? Christian Kehrer und Jens Pickelmann vom IFT Rosenheim geben einen kompakten Überblick.

Dipl.-Ing. (FH) Christian Kehrer, Jens Pickelmann, IFT Rosenheim,

Die Entwicklung der Schlösser und Schließsysteme schreitet stetig voran. Neben steigenden Ansprüchen bezüglich Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit kommen Anforderungen an die Organisation und Vernetzung hinzu, das heißt die Anbindung an die Haustechnik oder die Gebäudeleittechnik. Diese Anforderungen an Türschlösser und Schließsysteme lassen sich technisch gut durch elektronische Komponenten erfüllen, weil sich beispielsweise Zutrittsberechtigungen oder Sonderfunktionen für Flucht-, Brand- oder Rauchschutztüren einfach, kostengünstig und flexibel anpassen lassen. Deshalb wurde für diese Produktgruppe auch eine Produktnorm verfasst, die Hersteller und Verarbeiter kennen und anwenden sollten. Hierzu zählen auch Tischlerbetriebe, die im Bereich der Innen- und Objekttüren tätig sind.
Anwendung im privaten …
Der Einsatz automatischer Türen mit elektromechanischen Schlössern nimmt kontinuierlich zu, weil bereits der Zugang zu Haus oder Wohnung für Menschen oft eine Hürde darstellt. Dies ist der Fall, wenn Türen schwergängig sind, die Türdrücker für Menschen mit Behinderungen schwer erreichbar sind oder zu große Bedienkräfte erfordern. Das ergibt sich, wenn Türelemente aufgrund großer Abmessungen immer schwerer werden und die nach DIN 18040 geforderte Begrenzung der Bedienkräfte auf 25 N (Klasse 3 nach DIN EN 12217) mit manueller Bedienung nicht mehr zu öffnen sind.
… und öffentlichen Bereich
Auch in öffentlichen Gebäuden, Pflegeeinrichtungen, beim betreuten Wohnen oder in Komfortwohnungen nimmt die Nutzung automatischer Türen zu, um die Barrierefreiheit und den Bedienkomfort zu verbessern. Typische Einsatzbereiche sind Hauseingangs-, Terrassen- und Balkon- sowie Brandschutztüren im Zugangsbereich zum Keller oder zur Tiefgarage. Gerade bei Tiefgaragentüren können ungünstige Druckverhältnisse zu zusätzlichen Belastungen führen, die eine Automatisierung erforderlich machen. Im industriellen Bereich und bei Funktionsgebäuden wie Flughäfen oder Behörden ist es vielfach das Management der Zutrittsberechtigung, die sich mit elektronischen Schlössern und Schließsystemen effizienter und wirtschaftlicher organisieren lässt.
Bei Türen mit Sicherheitsanforderungen, z. B. Flucht-, Brand- oder Rauchschutztüren, ist die Anbindung an übergeordnete Gebäudeleitsysteme oder Brand- und Rauchmeldeanlagen leicht möglich, da ein elektromechanisches Schloss grundsätzlich auch eine Statusmeldung über den Schließ- und Funktionszustand erstellen kann.
Richtlinie gibt Empfehlungen
Obwohl es sich grundsätzlich um elektrisch betriebene Bauteile handelt, ist die Verarbeitung einfach, da es sich meistens um Niederspannung handelt und es Systeme mit eigener Stromversorgung gibt (Batterie, Stromerzeugung aus Bewegungsenergie etc.). Der Regelfall ist allerdings die Energieversorgung aus dem Stromnetz des Gebäudes und der Anschluss der Schlösser durch spezialisierte Schließ- und Errichterfirmen. Der Schreiner muss sich aber dennoch bei der Fertigung und Montage von Türen mit elektromechanischen Schlössern Gedanken zur Verlegung der Stromleitungen machen. Hierzu finden sich Empfehlungen in der IFT-Richtlinie »E01/1 Elektronik in Fenster, Türen und Fassaden«.
Für den Übergabepunkt und die Leitungsführung vom und im elektromechanischen Element gibt die Richtlinie E01/1 praktische Empfehlungen, beispielsweise zur Leitungslänge oder zum Leitungsauslass. Dieser sollte auf der Bandseite unten und nicht über den oberen bzw. unteren Blendrahmen erfolgen, da bauliche Gegebenheiten wie Stürze, Rollladenkästen, Fensterbänke, Heizungen zu beachten sind. Weiterhin sollte eine bauliche Trennung von 230 V und Kleinspannung beachtet werden, beispielsweise durch separate Dosen, Installationsdose mit Trennsteg, getrennte Steckverbinder etc.
Normung und CE-Kennzeichnung
Elektromechanische Schlösser und Schließbleche werden nach der Produktnorm EN 14846 beschrieben, klassifiziert und sind mit dem CE-Zeichen zu kennzeichnen. Die Norm gilt nicht für Türhaftmagnete, aber es ist vorgesehen, diese bei der ersten Überarbeitung in die Norm aufzunehmen. Ergänzend kommen Prüfungen der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) sowie Temperatur- und Klima-Prüfung hinzu. Die EN 14846 legt jedoch keine Sicherheitsanforderungen an elektromechanische Schlösser und Schließbleche fest. Diese werden in der EN 12209 geregelt. Schlösser nach EN 14846 bieten aber dennoch einen guten Basisschutz und eine angemessene Einbruchhemmung, sofern diese in eine geeignete Türkonstruktion eingebaut werden.
Wenn der Schreiner den Einbau eines Schlosses nach EN 14846 anbietet, muss er vom Hersteller das entsprechende CE-Zeichen anfordern. Er kann dieses zusammen mit den Unterlagen für die Tür an den Bauherren übergeben oder in seiner technischen Dokumentation archivieren. Wenn gesonderte Anforderungen gestellt werden, beispielsweise Flucht-, Brand- und Rauchschutztüren, muss die Funktion des gesamten Bauteils (bestehend aus Schloss, Tür und Einbau) geprüft und überwacht sein. Der Schreiner befindet sich dann im AVCP-Bewertungssystem 1, das eine Überprüfung der werkseigenen Produktionskontrolle (WPK) durch eine notifizierte Produktzertifizierungsstelle zur Folge hat.
Anforderungen
Elektromechanische Schlösser und Schließbleche werden gemäß EN 14846 Absatz 4 nach einem neunstelligen Klassifizierungsschlüssel eingeteilt. Neben dem mechanischen Widerstand muss auch die elektrische Funktion und deren Sicherheit gegen Manipulationen beachtet werden. Auch wenn der Schreiner die Prüfungen nicht machen muss, sollte er dennoch die grundlegenden Anforderungen für Ausschreibungen oder Verhandlungen mit interessierten Architekten und Bauherren kennen.
Gebrauchskategorie Die Gebrauchskategorie wird gemäß Absatz 4.3 in drei Klassen festgelegt:
  • Klasse 1 für die Nutzung im Wohnbereich, wobei die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs gering ist.
  • Klasse 2 für die Nutzung im Bürobereich, wobei jedoch eine gewisse Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs gegeben ist.
  • Klasse 3 für die Nutzung in öffentlichen Gebäuden, wobei nur wenig Anreiz zur Sorgfalt und eine hohe Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs gegeben ist.
Dauerfunktionstüchtigkeit und Belastung der Falle Die Unterteilung der Dauerfunktionstüchtigkeit und der Belastung der mechanisch oder elektrisch betätigten Falle erfolgt gemäß Absatz 4.4 in 13 Klassen(A bis Y). Die Schließfalle wird dabei mit 50, 100 oder 200000 Zyklen geprüft und zwar ohne Belastung der Falle oder bei 10, 25, 50, 120 oder 250 N. Diese Klassen beziehen sich nur auf den Fallenmechanismus. Wenn das Schloss keine Falle hat, sollten die Anforderungen gemäß Tabelle 6 aus EN 14846 ausgewählt werden.
Türmasse und Schliesskraft Es werden gemäß Absatz 4.5 neun Klassen für die Türmasse und die Schließkraft festgelegt. Klasse 1 gilt für Türmassen bis 100 kg und maximal 50 N Schließkraft, Klasse 8 bis 200 kg und maximal 15 N Schließkraft, Klasse 9 mit Türmassen von über 200 kg, wobei hier die Anforderungen vom Hersteller festgelegt werden.
Eignung für die Verwendung an Feuerschutz-/Rauchschutztüren In Feuer- und Rauchschutztüren verwendete elektromechanische Schlösser und Schließbleche müssen gemäß Absatz 4.6 zusätzliche Eigenschaften erfüllen, um entweder eigenständig oder als Teil einer vollständigen »Anlage« die grundlegenden Anforderungen der Bauproduktenrichtlinie 89/106/EG »Sicherheit im Brandfall« zu erfüllen. Des Weiteren muss ein elektromechanisches Schloss das sichere Öffnen auch bei Stromausfall sicherstellen. Um die Tür in der geschlossenen Stellung zu halten, darf ein elektrisch betätigtes Schloss oder Schließblech, das zur Verwendung in einer Feuer-/Rauchschutztür vorgesehen ist, nicht von elektrischer Energie abhängig sein. Zusätzlich müssen die Zubehörteile der Stromversorgung (Netzteil oder Kabel) ebenfalls geprüft werden.
Die Eignung für die Verwendung an Feuer-/Rauchschutztüren wird in sieben Klassen eingeteilt (Klasse 0 ohne Anforderungen und A bis F). Schlösser der Klasse A müssen von beiden Seiten eine Rauchprüfung nach EN 1634-3 erfolgreich bestanden haben. Schlösser der Klassen B, C, D, E und F, die für ihren Typ repräsentativ sind, müssen auf beiden Seiten eine Brandprüfung nach EN 1634-1 erfolgreich bestanden haben, um die Wirkung des Produkts auf den Feuerwiderstand der gesamten Türkonstruktion nachzuweisen. Das Produkt muss nach einer solchen Brandprüfung nicht mehr funktionstüchtig sein. Die Austauschbarkeit bei Feuer- und Rauchschutzabschlüssen erfolgt auf Basis der sogenannten EXAPs gemäß EN 15269-Reihe sowie der EN 16035.
Korrosionsbeständigkeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit In Absatz 4.8 werden in Tabelle 4 der EN 14846 15 Klassen (Klasse 0 ohne Anforderungen und Klassen A bis P) für die Anforderungen an die Korrosionsbeständigkeit (Beständigkeit), Temperatur (bis zu –25 °C und + 70 °C) und Luftfeuchtigkeit (Grad 1/2) festgelegt. Das elektromechanische Schloss oder Schließblech muss in einer »Türhalterung« mit Salzsprühnebel nach EN 1670 geprüft werden. Die Temperaturbeständigkeit besteht aus einer Kälteprüfung und einer Prüfung bei trockener Hitze in einer Temperaturkammer für eine Dauer von zwei Stunden. Die Prüfung der periodischen Feuchte ist in zwei definierten Prüfzyklen von je 24 Stunden durchzuführen. Die Anforderung wird in Klasse/Grad 1 (+40 °C mit anfänglicher relativer Feuchte von 95 %) und Klasse/Grad 2 (+55 °C mit anfänglicher relativer Feuchte von 95 %) unterteilt.
Schutzwirkung Elektromechanische Schlösser werden gemäß EN 14846 in eine mechanische (Abs. 4.9) und eine elektrische Schutzwirkung (Abs. 4.10) eingeteilt. Für die mechanische Schutzwirkung wird auf die Tab. 5 der EN 12209 »Anforderungen und Prüfverfahren an mechanisch betätigte Schlösser und Schließbleche« verwiesen. Die Klassen 1 bis 7 geben an, welchen Widerstand gegen mechanische Kräfte, Aufbohren, Herausziehen das Schloss und die Schließbleche haben. Die elektrische Schutzwirkung prüft die Funktionsweise und die Manipulation der Schlösser. Klasse 0 hat keine Anforderungen an die elektrische Funktionsweise. Schlösser nach Klasse 1 haben eine Zustandsanzeige. Die Zustandsanzeige erfolgt über ein akustisches oder visuelles Signal des Schlosses. Dies zeigt an, wenn der Schlossriegel vollständig herausgefahren und verriegelt ist, oder im Fall von elektrischen Schließblechen – wenn die Bewegung des elektrischen Schließblechs blockiert ist. Die Schutzwirkung der elektrischen Manipulation (Abs. 4.11) wird in vier Klassen unter- teilt. Die Prüfungen erfolgen nach der Normreihe EN 61000.
Fazit
Der Trend zur elektronisch betriebenen Multifunktionstür entwickelt sich angesichts der zunehmenden Vernetzung in Wirtschaft und Gesellschaft dynamisch weiter. Zusätzlich kommen steigende Ansprüche bezüglich Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit hinzu. Elektromechanische Schlösser und Schließsysteme können die unterschiedlichen Anforderungen wie Zutrittskontrolle und -überwachung, Fluchtwegsicherung und Fluchttürfunktion sowie Komfortansprüche sehr gut erfüllen. Deshalb wird die Elektronik in der Schließtechnik weiter wachsen. Im Sinne einer ganzheitlichen und kompetenten Unterstützung für die Hersteller und Verarbeiter von Türen und Schlössern hat das IFT Rosenheim deshalb seine Dienstleistungen erweitert und bietet neben den klassischen Tests die notwendigen Prüfungen der mechatronischen Eigenschaften an.

Elektromechanische Schlösser

Merkmale von Automatikschlössern sind Schlosskasten, Stulp, Riegel, PZ-Lochung und die Anschlussleitung zur Steuerung

Normen und Richtlinien zum Thema Automatikschlösser
[1] EN 14846
Baubeschläge – Schlösser – Elektromechanische Schlösser und Schließbleche – Anforderungen und Prüfverfahren, Beuth Verlag GmbH, Berlin
[2] EN 12209 Schlösser und Baubeschläge – Schlösser – Mechanisch betätigte Schlösser und Schließbleche – Anforderungen und Prüfverfahren, Beuth Verlag GmbH, Berlin
[3] EN 61000-4 Teile 1 bis 29
Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) Teil 1 bis 29, Beuth Verlag GmbH, Berlin
[4] IFT-Richtlinie E01/1
»Elektronik in Fenstern, Türen und Fassaden – Teil 1: Leitfaden zur Planung der Integration von elektromechanischen Bauelementen in das Gebäude«, IFT Rosenheim, September 2008
Hinweis: Tabellen und Normen in obigem Beitrag sind mit Erlaubnis des DIN Deutsches Institut für Normung e.V. wiedergegeben. Für das Anwenden der DIN-Norm ist deren Fassung mit dem neuesten Ausgabedatum, die beim Beuth Verlag GmbH, Burggrafenstraße 6, 10787 Berlin, erhältlich ist, maßgebend.

Elektronik in Fenstern und Türen

Ausführlich informiert die IFT-Richtlinie E01/1 »Elektronik in Fenstern, Türen und Fassaden«, Teil 1, 09.2008, ISBN 978-3-86791-111-5, 44 S., 30,00 € www.ift-rosenheim.de
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