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Asbest im Tischlerhandwerk: Emissionsarme Verfahren

Asbest im Tischlerhandwerk
Emissionsarme Verfahren

Bei Gebäuden, die vor 1993 errichtet wurden, kann oft nicht ausgeschlossen werden, dass z. B. in Putzen oder Klebern Asbest enthalten ist. Bei Arbeiten in diesem Bereich sind sog. »emissionsarme Verfahren« anzuwenden. Was ist das genau und was muss man dazu wissen?

Achim Bräutigam, ASUP GmbH

Über die Asbest-Gefahr in Bestandsgebäuden wurde in dds bereits wiederholt berichtet. Alle Beiträge dazu finden Sie unter dem Suchwort »Asbest« auf dds-online. Wer mit dem Thema konfrontiert wird, stößt sehr schnell auf den Begriff »emissionsarme Verfahren«. Achim Bräutigam, Produktmanager beim Sanierungsexperten ASUP, hat die Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema.

Was sind emissionsarme Verfahren?

Unter emissionsarmen Verfahren versteht man Tätigkeiten mit geringer Exposition, die behördlich oder von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) geprüft und anerkannt sind. Die in der DGUV-Information 201–012 (früher BG 664) aufgeführten Verfahren sind gemäß Anhang II Nr. 1 GefStoffV anerkannt für Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten, die zu einem Oberflächenabtrag von Asbestprodukten führen.

Es wird unterschieden zwischen ET-Verfahren (Elektrotechnik), AT-Verfahren (Anlagentechnik) und BT-Verfahren (Bautechnik). Im Bauhandwerk maßgeblich sind also die BT-Verfahren. Der Einsatz eines anerkannten BT-Verfahrens erlaubt dem Anwender deutliche Vereinfachungen hinsichtlich der Ausführung seiner Tätigkeiten mit Asbest (ggf. Verzicht auf Unterdruck und Schleusen, Verzicht auf Freimessung, 7-Tagesfrist vor Beginn der Arbeiten fällt weg, einfachere persönliche Schutzausrüstung (PSA) usw.). Dies ermöglicht ein schnelleres und flexibleres Arbeiten.

Wann kommen sie zum Einsatz?

Die aktuelle Gefahrstoffverordnung besagt im Anhang II Nummer 1, dass sämtliche Arbeiten an asbesthaltigen Produkten verboten sind – mit Ausnahme der so genannten ASI-Arbeiten (Abbruch – Sanierung – Instandhaltung). Des Weiteren sind im Rahmen von Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten alle Arbeiten verboten, die mit einem Oberflächenabtrag von Asbestbaustoffen einhergehen – mit Ausnahme von anerkannten emissionsarmen Verfahren nach TRGS 519, Nr. 2.9. Dies bedeutet also: Existiert ein emissionsarmes Verfahren zur Entfernung von asbesthaltigen Bauprodukten, muss dieses zwingend angewendet werden. Oder anders gesagt: Für Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten, bei denen oberflächenabtragende Tätigkeiten wie z.B. Schleifen, Fräsen oder Bohren notwendig werden, sind emissionsarme Verfahren anzuwenden.

Welche Verordnungen/Richtlinien sind zu beachten?

Die meisten in der DGUV-Information 201–012 veröffentlichten Verfahren dürfen von Fachbetrieben ausgeführt werden, die über die Sachkunde (TRGS 519 Anlage 4 – sog. »kleiner Asbestschein«) und die notwendige Gerätetechnik verfügen. Sie sind einmalig unternehmensbezogen bei der zuständigen Arbeitsschutzbehörde anzuzeigen. Von der detaillierten Verfahrensbeschreibung darf in keinem Fall abgewichen werden (u.U. Straftatbestand!)! Hier ist Sachverstand und gewissenhaftes, präzises Arbeiten gefordert! Trotz aller Freiheiten, die ein BT-Verfahren erlaubt (u.A. verringerte Anforderungen an die PSA, kein Unterdruck, keine Schleusen), müssen die Gefahrstoffverordnung sowie die TRGS 519 (v.a. 15.2) vollumfänglich eingehalten werden.

Welche Qualifikation des ausführenden Betriebes bzw. Handwerkers ist erforderlich?

Die aufsichtsführende Person (wird in der einmaligen unternehmensbezogenen Anzeige namentlich genannt und hat permanente Anwesenheitspflicht am jeweiligen Einsatzort!) muss als Qualifikation mindestens den kleinen Asbestschein nachweisen können. Die ausführenden Mitarbeiter müssen die arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge G1.2 (Asbestfaserhaltiger Staub) sowie G26 (Atemschutzgeräte) nachweisen können. Bei einigen Verfahren wird eine Einweisung des Herstellers oder Inverkehrbringers gefordert. Der Arbeitgeber ist, unabhängig von der ggf. durchgeführten Einweisung, zu einer Unterweisung seiner Mitarbeiter verpflichtet.

Wie aufwendig sind diese Qualifizierungen und für wen ergeben sie Sinn?

Der Lehrgang zum kleinen Asbestschein umfasst 17 Lerneinheiten à 45 Minuten und dauert in der Regel 2 Tage zzgl. Prüfung. Eine Verfahrenseinweisung dauert ungefähr 1 Tag pro Verfahren. Da Asbest mittlerweile in fast allen Baustoffen mit Herstellung vor dem 31.10.1993 / Baubeginn vor 1995 nachgewiesen werden kann – insbesondere in den sog. PSF (Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber) und Fensterkitt – kommt jeder Handwerker irgendwann damit in Kontakt. Allein deswegen lohnt sich eine Sachkunde nach TRGS 519 immer, um auf der Baustelle Gefahren zu erkennen und regelkonform reagieren zu können.

Wann ist es sinnvoller, spezialisierte Betriebe zu beauftragen?

Werden die Aufträge umfangreicher oder kommen weitere Schadstoffe ins Spiel, kann es sich lohnen, die Arbeiten am Schadstoff spezialisierten Betrieben zu überlassen. Diese haben in der Regel das Fachpersonal und die aufwändige Gerätetechnik und kennen sich im Umgang mit den zuständigen Behörden aus. Emissionsarme Verfahren sind oft komplex – und stellen daher meistens eine größere Investition dar. Einige Verfahren, so z. B. das Bohr-Verfahren BT30, sind simpel und kostenmäßig überschaubar.

Welche emissionsarmen Verfahren gibt es und welche sind für Tischler relevant?

Die DGUV listet unter https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/asbestsanierung/aktuelle-ergaenzungen/index.jsp alle Verfahren auf. Einige Beispiele:

  • BT17: Abschleifen asbesthaltiger Bodenkleber
  • BT23: Bohren in asbesthaltigen Estrich
  • BT30: Bohren in asbesthaltige Wände und Decken
  • BT40: Abfräsen asbesthaltiger Bodenkleber
  • BT42: Ausbau von asbesthaltigem Fensterkitt

Ergänzungen werden zusätzlich separat aufgeführt. Sollten Verfahren den gültigen Anforderungen nicht mehr entsprechen, werden sie gelöscht.

Für Tischler und Schreiner ist neben dem BT-30- u.a. das BT-40-Verfahren interessant. Dieses stellen wir in der kommenden Ausgabe dds 7/22 ausführlich vor.


Praxisbeispiel: Vorgehensweise beim Einsatz des BT-30-Bohrverfahrens

Kann nicht sicher nachgewiesen werden, dass Wände oder Decken frei von Asbest sind, ist für das Erstellen von Bohrlöchern das BT30-Bohrverfahren anzuwenden. Dabei ist folgendermaßen vorzugehen:

1. Benennen einer sachkundigen verantwortlichen Person nach TRGS 519 Nr. 5.1.

2. Beaufsichtigung der Arbeiten durch eine sachkundige und weisungsbefugte Person nach TRGS 519 Nr. 5.2.

3. Einmalige unternehmensbezogene Mitteilung spätestens sieben Tage vor Aufnahme der Arbeiten an die zuständige Behörde und Träger der gesetzlichen Unfallversicherung (gilt danach für 6 Jahre).

4. Erstellen einer Gefährdungsbeurteilung, eines Arbeitsplans, einer Betriebsanweisung und Unterweisung gemäß TRGS 519.

5. Arbeitsausführung unter Beachtung der Betriebsanweisung durch fachkundige und in das Arbeitsverfahren eingewiesene Personen.

Ausführung: Beim Bohren ist darauf zu achten, dass der Bohrstaubfänger mittels Unterdruck des Asbestsaugers sicher am Untergrund festgesaugt bleibt. Beim Herausziehen des Bohrers ist dieser sofort mit einem Öltuch zu reinigen oder in einen Eimer mit Spülwasser zu tauchen. Nach Beendigung der Bohrarbeiten müssen Geräte und Umgebung sorgfältig feucht gereinigt werden. Eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Anweisung ist in der Verfahrensbeschreibung des BT30 aufgeführt und muss strikt befolgt werden! www.asup.info


Steckbrief

Die ASUP GmbH in Seevetal ist spezialisiert auf Produkte, Lösungen und Schulungen in den Bereichen Arbeitsschutz (PSA) und sicherer Umgang mit Gefahrstoffen. ASUP ist Partner für Handwerk, Industrie, Kommunen und Entsorgungswirtschaft. Das Unternehmen beschäftigt rund 100 Mitarbeiter.

www.asup.info

 

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Die unsichtbare Gefahr (Einstieg ins Thema)

„Wegducken ist keine Lösung“ (Interview mit Fensterexperte Rainer Rutsch)

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