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Sechs Wochen ohne Chef

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Sechs Wochen ohne Chef

Leidenschaftlich gern reist Josef Ernst durch Südamerika. Sein Betrieb steht in dieser Zeit nicht still. Als erfahrener CAD-Anwender versorgt der Schreinermeister und Holztechniker seine Gesellen vor seinen Reisen mit Aufträgen und detaillierten Fertigungsplänen.

Neuler, Ostalb, 3000-Seelen-Ortschaft, fünf Mitarbeiter, früher zehn – Schreinermeister Josef Ernst hat die Größe seines Betriebes bewusst reduziert. Ortswechsel: Südamerika, die Anden, eine halsbrecherische Urwaldpiste, ein Mann mit großem Teleobjektiv im Anschlag. Nein, das ist kein Fotoreporter für das renommierte »Time Magazine«, sondern Josef Ernst bei seiner Passion. Fremde Länder bereisen und nebenbei für ein Fliegermagazin über exotische Start- und Landepisten berichten.

Wie geht das zusammen? Fünf Mitarbeiter schreinern teilweise hochkomplexe Einrichtungen und der Planer und Konstrukteur der Objekte, der Chef, weilt 12 000 km entfernt für sechs Wochen in Südamerika. Und das nicht das eine Mal, um sich den einen großen Lebenstraum zu verwirklichen, sondern Jahr für Jahr im deutschen Winter.
In Stuttgart zum Meister und Techniker ausgebildet noch bevor es eine Gestalterausbildung gab, hat Josef Ernst später viele Entwurfsseminare besucht, bei den Professoren Rudolf Schricker und Karl-Georg Bitterberg und bei anderen Größen der Innenarchitektur.
Seine Stärken im Gestalten und zielgerichteten Planen setzt der Unternehmer bewusst als vielseitiger Universalist ein. Konsequent baut er sich einen überschaubaren Kundenstamm auf, pflegt diesen und kann so auf preiskämpferische öffentliche und halböffentliche Ausschreibungen verzichten.
Als sein Betrieb wuchs, ist er mit seiner Werkstatt im Ortskern seines Dorfes geblieben und nicht auf die grüne Wiese umgesiedelt. Er hat in die Höhe gebaut und später den alten Dachboden zu einem pfiffigen Showroom umgestaltet. In der Ausstellungsküche veranstaltet er zehnmal jährlich Kochevents, mit über eintausend Teilnehmern in acht Jahren, die für 30 Euro Kostenbeteiligung einen kulinarischen Kochabend in einer Schreiner-Ernst-Küche erleben.
Keine Selbstausbeutung
Planungshonorare für seine Entwürfe beim Kunden zu bekommen, ist auch für Josef Ernst noch immer schwer, aber er erreicht mit abgestuften Planungsschritten eine erfolgreiche Auftragsakquise – rund 90 Prozent seiner Planungen werden zu Aufträgen.
Josef Ernst erfasst alle Zeiten minutiös, sei es das Erstgespräch beim Kunden, die ersten Gestaltungs- und Planungsüberlegungen oder das Entwerfen im CAD. Bei vielen Kollegen verschwinden oft die Dienstleistungen des Chefs im Gemeinkostennirwana, bei Josef Ernst tauchen sie centgenau in der Nachkalkulation auf.
Kleinst- und Großaufträge
Der Ablauf ist für ihn immer der gleiche, ob beim 2000-Euro-Einzelmöbel oder bei der 80 000-Euro-Altbausanierung mit neuer Wohnküche: hingehen, zuhören, nachfragen, Problemstellung erfassen, Entwurfsplanung mit Kostenschätzung, Vorstellung des Entwurfs, Vertiefen der Entwurfsplanung, Angebot, Auftrag, Konstruktion, AV, Fertigung.
Seit 1992 setzt Josef Ernst CAD ein, seit 2002 Palette CAD. Mit dem Programm des Stuttgarter Softwarehauses arbeitet er flexibel auf seinem Notebook oder am zentralen Rechner im Meisterbüro. Palette hat seine Programme nicht nur für Möbel- und Innenausbauer entwickelt, sondern auch für andere Handwerker und Gestalter im Innenausbau, seien es Badplaner, Natursteintechniker oder Kachelofenbauer. Holztechnikanwender profitieren von den Rückkopplungen von Schreinerkollegen, aber auch von den überlappenden Feedbacks anderer Gewerke in der Innenraumgestaltung. Ein Vermarktungsschwerpunkt von Palette liegt auf der erlebnisorientierten Visualisierung von 3-D-Entwürfen. Josef Ernst ist es wichtig, die gleichen Daten bequem für die Kundenpräsentation, für seine Arbeitsvorbereitung und für die Fertigung einsetzen zu können. Die Planungssoftware enthält Bibliotheken mit Beschlägen, Texturen und Objekten. Auf die neuen Küchengeräte von Gaggenau beispielsweise greift Josef Ernst gerne zurück. Die realistisch wirkenden Geräte machen für ihn die Küchenplanung komplett.
Der als einfaches Beispiel zeichnerisch abgebildete Auftrag »Garderobe Mack« benötigte für den Vorentwurf mit Varianten 110 Minuten, eine Stunde für die Präsentation beim Kunden, für die Fertigungsplanung und die Erstellung der Stücklisten (über Kuhnle-Software) nochmals zwei Stunden. Mit dem erzielten Nettopreis von 3800 Euro war der Auftrag laut Nachkalkulation exakt im prognostizierten Zeitfenster. HN
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