Möbel

Auf der Chaiselongue

Lars Noack, Meisterschule Ebern, hat sich in seinem Meisterprüfungsprojekt an die Interpretation eines Möbelklassikers herangewagt. Prof. Axel Müller-Schöll zollt Respekt – und analysiert die Probleme.

Prof. Axel Müller-Schöll Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle

Es ist selten, dass sich angehende Meister in ihrer Prüfungsarbeit mit Polstermöbeln befassen. Das liegt vermutlich unter anderem daran, dass es sich in der Regel um eine wenig geübte Disziplin handelt. Vielleicht wird aber auch befürchtet, die Polsterarbeit könne derart dominieren, dass sie dem Tischlerhandwerk am Ende noch die Hauptrolle streitig macht.
Lars Noack hat sich auf einen Typus besonnen, der aufgrund seiner Form als langegezogener Sessel (Chaise longue) ein anspruchsvolles Gestell verlangt und dazu eine Rückenlehne, die unterschiedliche Sitzpositionen möglich macht. Für die letztere entwirft er eine dynamisch konturierte Schale – eine handwerkliche Meisterleistung! Fast hat man den Eindruck, diese habe ihn so viel an formaler und handwerklicher Kraft gekostet, dass die Sitzfläche ein wenig zu kurz gekommen ist. Denn so überzeugend die schwierige Fügung der Rückenschale mit dem Gestell gelungen ist, so uninspiriert wirken die beiden Kufen mit ihren irgendwie abgerundeten Enden und dem dazwischen eher sperrig aufgezogenen Leder. Verströmt das Oberteil moderne Eleganz mit einem Hauch an klassischer Reminiszenz, so wirkt das Unterteil, augenscheinlich als Kontrast zur scharfen Kurve formuliert, eher linkisch, ja bieder. Es liegt ein schmaler Grat zwischen der provozierten Spannung aus formalen Gegensätzen und einem kompositorischen Bruch. In diesem Fall nehmen sie sich viel von ihrer eigentlichen Wirkung. Dennoch kann nicht hoch genug gelobt werden, wenn jemand auf sich nimmt, die Auseinandersetzung mit einem Klassiker des Wohnmöbel-Repertoires im Rahmen seiner Meisterprüfung zu führen! Apropos, auch der Typus der Sitzliege (franz. Récamière) wäre einer modernen Neubetrachtung wert …
»Es liegt ein schmaler Grat zwischen provozierter formaler Spannung und einem Bruch der Konzeption.«
Axel Müller-Schöll

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