Mehr Licht ist mehr Leben

Ältere Wohnhäuser verfügen oft über ein erhaltenswertes Potenzial. Dabei kann es nötig sein, beherzt Wände herauszureißen, Türen wegzulassen und Fenster zu vergrößern, um die Verschlossenheit von gestern durch die Offenheit von morgen zu ersetzen.

My Home is my castle, sagte man früher und drückte damit aus, was die Funktion eines Hauses war: Schutz vor der Außenwelt. Auch im Innenraum baute man Strukturen, deren Zweck die Trennung war – säuberlich abgetrennte Funktionsbereiche, Ordnung im Leben der Bewohner. Doch Offenheit und Transparenz haben inzwischen starre Abgrenzungen ersetzt, auch in der Familie. Übersetzt in Architektur bedeutet das: weniger Wände, mehr Durchblick. Mehr Sehen, mehr Hören, mehr Bewegen. Diese Transformation hat auch ein 30er-Jahre-Haus in Stuttgart erlebt – beste Lage am Waldrand, ruhige, gehobene Wohngegend –, das im Jahr 2014 von der Architektin Farnaz Zia-Azari, Büro Lenz Architekten, für eine fünfköpfige Familie modernisiert worden ist. Die Aufgabe bestand darin, ein Gebäude mit solidem Kern, allerdings in schlechtem Zustand, nach einem Besitzerwechsel fit zu machen für ein zweites Leben im 21. Jahrhundert. Das Ergebnis zeigt, dass Mut und Fantasie auch unspektakuläre Bauten in Schmuckstücke verwandeln können, die zudem alle funktionellen Wünsche und Anforderungen einer modernen Familie erfüllen.

Purismus und Pluralität
An der überarbeiteten Gebäudehülle fällt auf, dass ihre formale Strenge gemildert wird durch Elemente, die der Vergangenheit des Gebäudes Rechnung tragen und sein ursprüngliches Alter verraten: Klappläden verleihen der Fassade einen nostalgischen Villencharakter. Terrasse, Balkon und Dachgaube erweitern das Innenleben des Hauses. Umgekehrt holen die durchweg bodentiefen – vorher so nicht vorhandenen – Gebäudeöffnungen das Grün der Natur in den Innenraum. Wärme aufzunehmen ist erkennbar die Funktion der Hülle, das Dach mit seinen Solarzellen macht keine Ausnahme.
Der einladende Charakter des äußeren Erscheinungsbilds setzt sich innen fort: Etliche Wände, vor allem im Erdgeschoss, wurden entfernt, um Offenheit und Bewegungsfreiheit zu schaffen. So entstand ein großzügiger Wohn-, Koch- und Essbereich. Im ganzen Haus sind kaum Türen zu sehen, es gibt sie nur dort, wo sie funktional nötig sind: im ersten Stock, wo die Kinder wohnen, und im Dachgeschoss, wo sich die Eltern einen Wohlfühl- und Ruhebereich geschaffen haben, mit einem Lesezimmer unter der Gaube und einer Sauna neben dem Bad.
An der Einrichtung fällt auf, dass keine Möbelkorpusse zu sehen sind – es scheint nur Sitzmöbel und Tische zu geben. Stauraum ist dennoch reichlich vorhanden – in Form von Einbauschränken, die so tun, als wären sie Wände: weiße Oberflächen, keine sichtbaren Beschläge. Auch dies entspricht dem Grundgedanken: Starres vermeiden, Bewegung fördern; alles fest Eingebaute wird formal reduziert, geradezu versteckt, alles Bewegliche dagegen hervorgehoben. Viel Raum zum Gehen, viel Platz zum Sitzen, viele Fenster zum Schauen.
Wie an der Fassade, so wird auch innen die puristische Strenge an bestimmten Stellen konterkariert durch spielerische, nostalgische, romantische Elemente: Über einem erkennbar alten Esstisch hängen fünf unterschiedlich geformte, moderne Leuchten; die Stühle am Tisch sind neu, aber nicht alle gleich; die bestehende Holztreppe mit ihren gedrechselten Geländerstäben wurde aufgearbeitet als Reminiszenz an die Vergangenheit; ein rundes Bullaugenfenster lässt Licht ins Treppenhaus; ein Kaminfeuer ist der Mittelpunkt des Wohnzimmers – ein Statement gegen den Flachbildschirm.
Einfachheit und Geschichtsbewusstsein bestimmen auch die Materialwahl: Das Eichenholz der Treppe wiederholt sich in den geölten und gewachsten Rahmen der »Schaukästen«, durch welche die Räume verbunden sind. Es sind dies Aussparungen in raumhohen Einbauschränken, die für fünf Personen genügend Stauraum bieten. Die Tiefe der Durchbrüche von Raum zu Raum reicht aus, um darin zu sitzen: Keine Wand bleibt undurchbrochen, jede Trennung ist eine Verbindung. Auch in der Küche ist der Verzicht auf Möblierung nur scheinbar: Die Zeile aus Unterschränken und raumhohen Korpussen, deren grifflose Fronten sich auf Fingerdruck öffnen, ist 9 m lang. Ein begehbarer Vorratsschrank komplettiert das Stauraumangebot. Alle Fronten bestehen aus weiß lackiertem MDF, die Arbeitsplatte aus Corian – auch auf der frei stehenden Kochinsel in Esstischhöhe mit Sitzbank. Dass die Technik auf dem neuesten Stand ist, versteht sich von selbst: Eine 16-cm-Außendämmung umschließt das Gebäude mit seinen weißen Holz-Alu-Fenstern. Die Bodenheizung liegt unter einem geschliffenen Estrich. Das Dach wurde um 30 cm erhöht, um unter der Schräge Stehhöhe zu erreichen. Die Neugestaltung des Außenbereichs schließlich, mit einer den bodentiefen Fenstertüren vorgelagerten Holzterrasse, rundet das stimmige Gesamtbild dieser zugleich durchgreifenden und zurückhaltenden Sanierung stilgerecht ab. -HN

Steckbrief

Entwurf und Werkplanung: Lenz Architekten BDA www.lenz-architekten.de
Innenausbau:Innenraumkollektiv, 70736 Fellbach, Schreinermeister Tobias Nöhring