»Sie haben Ihr Ziel erreicht«

Die flexiblen Teams und flachen Hierarchien der New Economy benötigen Multifunktionsräume, die wenig Struktur vorgeben. Die Stuttgarter Schreinerei Furch hat für die Mobilitätsplattform Moovel eine Kreativ-Oase geschaffen, die Einzelbüros durch Plätze mit Freiräumen ersetzt.

Wer mobil sein will, braucht kein Auto zu kaufen. Das ist die Botschaft der Mobilitätsplattform Moovel, die urbane Mobilität optimiert. Und wer als Schreiner einen großen Auftrag ausführen will, braucht dafür nicht die Belegschaft aufzustocken. Das ist die Botschaft der Schreinerei Furch, die heute, angepasst an ihr Kerngeschäft, unter Furch Gestaltung + Produktion firmiert. Für Moovel wurden zwei Büroetagen ausgebaut und dabei ein Auftragsvolumen bewältigt, wie man es von einem Zehn-Mitarbeiter-Betrieb nicht unbedingt erwarten würde. Doch der Reihe nach: Ursprünglich sollte Furch nur Büros gestalten für ein Corporate-Start-up der Daimler-Tochter Moovel, doch dann gefiel das Konzept und der Job wurde zum Großauftrag. Es ging um zwei Etagen, auf denen das Unternehmen 60 bis 70 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unterbringen wollten – Programmierer, Marketingleute, Rechtsexperten, Mediengestalter. Je nach Aufgabe bilden sie wechselnde Teams zum agilen Arbeiten. Immer neue Konstellationen sollen in einer offenen Umgebung pragmatisch zusammenfinden – das war die Vorgabe. Kurze Wege, wenige Wände, keine festen Arbeitsplätze.

Entgrenzung und Abgrenzung
Dennoch sollte es möglich sein, sich bei Bedarf zurückzuziehen, um konzentriert zu arbeiten, sowohl im Team als auch alleine. Gegensätzliche Prinzipien also: Entgrenzung und Abgrenzung, und alles im selben Raum. So sieht die neue Arbeitswelt aus. Ein Konzeptionsprozess stand am Anfang. Schritt für Schritt wurden die Wünsche des Kunden in eine Raumgestaltung überführt. Die Schreinerei Furch ist zwar konventionell ausgestattet, was die Maschinen betrifft – es gibt keine eigene CNC-Fertigung – aber dafür um so progressiver, was die Kompetenzen im Team angeht. Architekt, Innenarchitekt, mehrere Gestalter: die Schreinerei, von jeher gestaltungsaffin, hat sich auf anspruchsvolle Ausbauten spezialisiert. Die Fertigung wird vernetzt organisiert und teilweise von Partnern ausgeführt. Dadurch ist die Konzeption bei jedem Auftrag völlig offen und nie eingeschränkt durch die Grenzen des eigenen Betriebs. Stahl? Machen wir! Glas? Kein Problem! Komplexe Medientechnik? Na klar! Ähnlich wie Moovel unterschiedlichste Mobilitätsangebote in einer App vereint, ohne selbst Fahrzeuge vorzuhalten, so kann Furch als Generalunternehmer diverse Handwerksleistungen vernetzen, ohne selbst alle Ressourcen für einen Auftrag zu besitzen: Leistung entsteht im Kopf. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen, obwohl der Zeitplan für die Moovel-Etagen doch sehr sportlich war – kein halbes Jahr vom Rohbau bis zum Einzug.
Kommunikation und Konzentration
Das wesentliche Merkmal des Konzepts ist Balance: Balance zwischen Kommunikations- und Rückzugsbereichen, zwischen Sachlichkeit und Wohlfühl-Atmosphäre, ein Mittelding zwischen Leistungszentrum und Spielwiese. Kommunikationsbereiche sind: riesige Tische für wechselnde Gruppengrößen, eine Küche mit Vollaustattung und Großfamilien-Esstisch, runde Tische vor Präsentationswänden für Meetings mit externen Partnern, und schließlich eine freitragende Stahltreppe zwischen den beiden Stockwerken. Großflächige Podeste am Fuß der Treppe und ein geschosshoher Baum machen den Etagendurchbruch zu einem Forum, das für zweiwöchentliche Meetings aller Mitarbeiter genutzt wird. Die Assoziation zum Städtebau – ein Park als Versammlungsort – ist beabsichtigt. Rückzugsbereiche sind: Sitznischen in Herdnähe für spontane Unterredungen, schalldichte »Telefonzellen«, mitten in den Raum gestellt und abgesonderte Bereiche für Gruppen, die viel telefonieren müssen.
Überhaupt erwies sich die Akustik als Herausforderung: Damit die wandfreien Etagen schalltechnisch nicht aus dem Ruder laufen, wurden aufwendige Akustikdecken eingebaut, schallschluckende Teppichböden verlegt und 12 cm starke Akustik-Wandverkleidungen angebracht. Letztere nehmen auch die Medientechnik auf und dienen zudem als magnetische Wandtafeln – beschriftbar mit Flipchart-Markern. Vorhänge an den Fenstern komplettieren das Akustik-Repertoire; sie umrahmen hölzerne Sitzbänke, mit denen die Heizkörper verkleidet sind – lauschige Plätzchen für spontane Zwiegespräche. Alle Teammitglieder arbeiten mit WLAN-vernetzten Laptops, auch auf der Dachterrasse. Halbhohe Sideboards, die nebenbei den Raum gliedern, nehmen die Arbeitsgeräte auf; in raumhohen Schließfachwänden verstauen die Mitarbeiter ihre persönlichen Sachen. Auch die Materialwahl aller Einbauten folgt der Balance der Kontraste: Rohheit versus Distinktion. Seekiefer-Sperrholzplatte, sonst ein robustes Baumaterial, kontrastiert mit edlen Akustikflächen in amerikanischem Nussbaum, und das sachliche Grau des estrichfarbenen Teppichs kontrastiert mit einem Wohlfühl-Grün in den Sitznischen und auf den Ablageflächen der Sideboards.
Und die Balance der formalen Kontraste korrespondiert konsequent mit einem Kontrast in der Funktion, denn schließlich beschäftigt sich Moovel mit der Verbindung zwischen Software und Hardware: Am Ende der ausgetüftelten Dienstleistung fahren echte Vehikel über echten, rohen Asphalt. -HN

Steckbrief

Entwurf, Planung, Produktion: Furch Gestaltung + Produktion GmbH,Schreinerei und Studio für Innenarchitektur www.furch.tv
Auftraggeber: Moovel Group GmbHwww.moovel-group.com