Hybridmöbel Treppe

Architekt Gerd Streng versteht sich darauf, ungenutzten Dachraum clever zu erschließen. Heute stellt er in seiner dds-Serie eine Treppe vor, das unerwartet die Küchenmöbel in die Treppenanlage einbindet.

Nach der Geburt des zweiten Kindes beschlossen die Bauherren, die Küche in die Verlängerung des Raumkontinuums von Ess- und Wohnzimmer zu verlegen, um ein weiteres Kinderzimmer in der ehemaligen Küche einrichten zu können. Des Weiteren sollte von der neuen Küche über eine Maisonettetreppe ein weiteres Arbeits- und Schlafzimmer im Dachgeschoss erschlossen werden. Gesucht wurde nach Möglichkeiten, die Küche mit der Treppe und möglichst viel Abstellvolumen zu kombinieren.

Die eigentliche Treppe ist in zwei Abschnitte geteilt. Die ersten fünf Stufen führen auf die Küchenanrichte, die hier 1,20 m tief ausgeführt ist. Über der Anrichte schwebt das eigentliche, abschließbare Treppenhaus, dessen Stufen aus dunkler Räuchereiche in einem Mäander zur Anrichte zurückgeführt werden. Um diesen Teil der Treppe tatsächlich »schwebend« auszuführen, war eine Ertüchtigung des Deckenbalkens erforderlich, die vom Tragwerksplaner festgelegt wurde. Der Bestandsbalken wurde auf der treppenabgewandten Seite durch einen neuen Balken von 12 x 22 cm (B x H) mit fünf doppelseitigen Einpressdübeln (»Bulldog«) verstärkt. Nach Rückbau des bestehenden Randbalkens konnte in die nun 900 mm breite Öffnung bequem die neue Treppe eingepasst werden. Nach Abzug von 2 x 30 mm Materialstärke der lackierten Multiplexwangen verbleiben somit 860 mm lichte Treppenbreite.
Eine LED-beleuchtete Halbkugel aus Acrylglas als Bullauge erlaubt auf kindgerechter Höhe breit gestreute Durchblicke in das Küchengeschehen. In die Setzstufen in Höhe der Geschossdecke sind versteckte Schubladenelemente integriert.
Viel Lagerpotenzial
Da die Küche mit der Treppe eine Einheit bildet, ist die Tiefe der Anrichte mit 90 bis 120 cm sehr großzügig bemessen und bietet überdurchschnittlich viel Ablageflächen und Stauraum – vor allem im Bereich des ersten Treppenabschnittes. Die außergewöhnliche Tiefe gewährleistet die kollisionsfreie Nutzung der beiden Funktionen Durchgang sowie Essensvorbereitung und bietet ein immenses Abstell- und Lagerpotenzial darunter. Da das obere Geschoss ohne Straßenschuhe betreten wird und die Zubereitung von Essen ausschließlich auf separaten Schneidebrettern geschieht, konnten hygienische Bedenken bereits im Vorfeld ausgeräumt werden. Unter den ersten fünf Stufen ist eine zweite Treppe versteckt, die als Tritt auf Rollen die hohen Oberschränke zugänglich macht und in der spielend ein Sack Kartoffeln lichtgeschützt gelagert werden kann.
Versenkbare Steckdosenleisten in den Arbeitsflächen halten den »Fliesenschild« aus emailliertem Glas frei von Störungen und sind optimal erreichbar. Separat an der gegenüberliegenden Wand installierte Einbaumöbel beherbergen Dampfgarer/Mikrowelle sowie den häufig genutzten Schrank für Gläser und Geschirr bzw. Kleinutensilien.
Comics als Nachtlektüre
In der oberen Etage befindet sich das Rückzugsgebiet des Bauherren mit Arbeitsplatz, Schlafmöglichkeit und kleinem Badezimmer. Ein elektrisch bedienbares Oberlicht sowie eine dezente Lichtvoute sorgen für eine angemessene Grundbeleuchtung. Als Besonderheit sollte die umfangreiche Comicsammlung im neu erschlossenen Raum präsentiert werden. Ausgewählte Exemplare der Sammlung sind in der Brüstung der Treppenöffnung untergebracht, die als Regal ausgeführt ist. Eine Absturzsicherung aus einem Polyesterrost schließt die ebenfalls als Treppe ausgeführte Stirnseite des Comicregales ab. Die abgetreppte Brüstung suggeriert, von unten kommend, ein weiteres Obergeschoss, erhöht auf elegante Weise die Regalkapazität und macht den zweiten Zugang zum Haupttreppenhaus des Gebäudes von 1912 besser nutzbar.
Baurechtliche Freiheit
Aufgrund dieses zweiten Zuganges ist die Treppe baurechtlich gesehen als »nicht notwendige Treppe« allein gestalterischen Fragen verpflichtet. Der Einbau ist ein Hybridmöbel, das Küche, Treppe, Bücherregal und Abstellraum vereint und seinen eigenen, homogenen Raumcharakter entwickelt. Jeder Gast des Hauses wird sich gerne an das besondere Einbaumöbel erinnern – ein spannendes Alleinstellungsmerkmal dieses Lebensraumes.

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Gerd Streng, Architekt, kommt aus Hamburg. Sein Arbeitsschwerpunkt bildet heute das Nachverdichten von Wohnraum in kleinstem Maßstab. Für dds präsentiert er in einer sechsteiligen Serie beispielhafte Projekte.

Steckbrief

Multifunktionale Schlafzimmertreppe/Arbeitsplatte aus lackiertem Multiplex
Planung und Konstruktion: Gerd Streng, Architekt, Hamburg www.gerdstreng.de
Tragwerksplanung: Mark Lyczynski, Lüneburg
Tischlerarbeiten/Treppenbau:Tischlerei Thomas Suhm, Hamburg www.tischlerei-suhm.de

Stauraum Treppe!

Ach So

Die genaue Analyse der Räume ermöglicht die Aktivierung aller Ablage- und Staukapazitäten – sei es in den Tiefen der Anrichte/Treppe oder im Hohlraum einer Bestandsdecke.