Ausbildung

Werbung allein reicht nicht aus

Der Landesfachverband Tischler NRW hat im Sommer 2012 in einer großen Studie Auszubildende und Betriebe zur Praxis der Ausbildung im Tischlerhandwerk befragt. Hauptgeschäftsführer Dieter Roxlau über Ergebnisse und erste Konsequenzen.

Dieter Roxlau, Dipl.-Ökonom, Hauptgeschäftsführer Tischler NRW

Der Nachwuchs wird zunehmend knapp, Berufsorganisationen aller Art werben daher verstärkt und offensiv um Schulabgänger. Aber: Werbung allein wird in Zukunft nicht ausreichen. Qualität und die Perspektiven zur weiteren beruflichen Entwicklung werden die Attraktivität einer Ausbildung zunehmend prägen.
Das Tischlerhandwerk kann durchaus selbstbewusst auf einen hohen Qualitätsstandard hinweisen. Insbesondere Breite und Vielfalt der Ausbildungsordnung gewährleisten nicht nur interessante Tätigkeiten, sondern eröffnen auch für die Zeit nach der Ausbildung attraktive Perspektiven. Gleichwohl gibt es eine Menge von Stellschrauben, um die Ausbildungsqualität weiter verbessern zu können. Der Fachverband des Tischlerhandwerks NRW hat daher im vergangenen Jahr eine Ausbildungsinitiative gestartet. Grundlage ist eine Befragung von Ausbildungsbetrieben und Auszubildenden, die im Sommer 2012 durchgeführt wurde, und an der sich überraschend viele Jugendliche beteiligt haben: Von allen Lehrlingen im dritten Ausbildungsjahr des Tischlerhandwerks NRW haben 666 Jugendliche (das sind 41 Prozent) teilgenommen. Von den Ausbildungsbetrieben haben immerhin knapp 200 Inhaber die Fragebögen mit konstruktiven Vorschlägen zurückgesendet (7,4 Prozent Rücklauf).
Praktika für die Auswahl von Auszubildenden erfolgreich
Bei der Auswahl und Rekrutierung des Berufsnachwuchses spielt das Praktikum eine überragende Rolle: 51 Prozent der befragten Betriebe geben an, dass sie die Bewerber anhand der durchgeführten Praktika beurteilen. Dahinter bleiben das Bewerbungsgespräch mit 27 Prozent und der Eignungstest mit 10 Prozent deutlich im Stellenwert zurück.
Die bei den Ausbildungsbetrieben mit weitem Abstand beliebteste Schulform ist die Realschule: 36 Prozent der Ausbildungsbetriebe bevorzugen Absolventen mit mittlerem Schulabschluss. Die Hauptschule rangiert mit 28 Prozent an zweiter Stelle, gefolgt von Gesamtschule (15 Prozent) und Gymnasium (12 Prozent). Dabei teilt die Mehrzahl der ausbildenden Betriebe übrigens nicht die Einstellung, dass Schulabgänger heute schlechtere Voraussetzungen mitbringen als früher: 53 Prozent der befragten Ausbildungsbetriebe schließen sich damit dem allgemeinen Wehklagen über die schlechtere Einstiegsqualifikation der Schulabgänger nicht an.
Ein kleines Detail am Rande: Die Hälfte der Betriebe wünscht sich, dass ihre Auszubildenden den Führerschein mitbringen! Dieser Wunsch ist, wie nicht anders zu erwarten, besonders stark in den Kleinbetrieben ausgeprägt.
Gesellen sind Mitausbilder
Bei der Frage, wer für die jungen Nachwuchskräfte der wichtigste Ansprechpartner ist, gehen die Einschätzungen von Betrieben und Lehrlingen deutlich auseinander: Während Betriebsinhaber sich selbst bzw. angestellte Meister zu 80 Prozent als den entscheidenden Ansprechpartner für die Auszubildenden einstufen, sehen die Azubis selbst die Sache völlig anders: Sie erhalten zwar ihre Arbeitsaufträge überwiegend vom Chef oder vom angestellten Meister, als wichtigste Bezugsperson nennen sie aber in der Mehrheit den Gesellen bzw. Altgesellen. Vor allem im Zusammenhang mit den Problemen im Bereich Kommunikation und Konfliktlösung wirft dies die Frage auf, ob die Gesellen ausreichend auf ihre Rolle in der Ausbildung vorbereitet sind.
Jeder fünfte Betrieb scheitert am Ausbildungsrahmenplan
Laut Ausbildungsordnung beschreibt der Ausbildungsrahmenplan die Mindestanforderungen an die Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten, die in der Ausbildung vermittelt werden sollen. Die Option, den Rahmenplan durch einen betrieblichen Ausbildungsplan zu ergänzen, nutzen nur vier Prozent der Tischlerbetriebe. 78 Prozent geben an, dass sie den Ausbildungsrahmenplan einhalten. Dieser Wert wird übrigens von den Lehrlingen bestätigt. 22 Prozent bekunden dagegen, dass sie den Plan nicht einhalten – der wichtigste Grund dafür ist die Spezialisierung der Betriebe. Und spätestens an dieser Stelle hat die Befragung eine dicke Überraschung erbracht: 80 Prozent können sich im Rahmen der Ausbildung künftig eine Kooperation mit anderen Unternehmen vorstellen, bei den Kleinstbetrieben sind es sogar 90 Prozent. Dieser Wert steht in deutlichem Kontrast zur gelebten Praxis – umso mehr sollte die Berufsorganisa-tion daher Informationen und Hilfen für die Umsetzung von Kooperationen innerhalb der Ausbildung geben.
Das Berichtsheft aufwerten
Drei Viertel der Betriebe schätzen das Berichtsheft grundsätzlich positiv ein. Allerdings gelingt es bislang wohl nicht ausreichend, dieses Instrument auch zu einem integralen und kontrollierten Bestandteil der Ausbildung zu machen: Fast ein Drittel der befragten Ausbilder prüft den Ausbildungsnachweis gerade einmal quartalsweise.
Sprungbrett und Traumberuf
Sechs von zehn Jugendlichen wollen nach der Ausbildung im Beruf bleiben und 17 Prozent geben sogar an, dass sie ihren Traumberuf gefunden haben. Nur vier Prozent sind unzufrieden und werden künftig nicht als Tischler arbeiten. 36 Prozent der Auszubildenden wollen mehr und nutzen die Tischlerausbildung als Plattform für Weiterbildung, insbesondere für ein weiterführendes Studium. Diese ausgesprochen positiven Werte sind wohl das beste Argument für die künftige Nachwuchswerbung. Noch eine große Überraschung für diejenigen, die die Ausbildung im durchstrukturierten Großbetrieb für das Maß aller Dinge halten: Lehrlinge aus Kleinbetrieben weisen die höchste Zufriedenheit mit ihrer Ausbildung auf. Eine weitere positive Rückmeldung der Lehrlinge: Über 90 Prozent schätzen sich so ein, dass sie künftig (zum Teil mit kleinen Hilfestellungen) selbständig arbeiten können.
Soziale Probleme während der Ausbildung ernst nehmen
Trotz der stark ausgeprägten Zufriedenheit dürfen natürlich die Probleme nicht unter den Teppich gekehrt werden. Eine der größten Schwachstellen: Jedes Jahr werden rund 13 Prozent aller Tischlerausbildungsverhältnisse vorzeitig beendet (bezogen auf die Neuabschlüsse sind dies sogar über 30 Prozent). Aber auch ein Fünftel derjenigen, die dabei bleiben, berichtet über Probleme im Ausbildungsbetrieb. Die Mehrzahl der Schwierigkeiten betrifft die Beziehungsebene: Kommunikative Störungen mit Chef, Meister oder Geselle sind die am häufigsten genannte Problemursache. Damit werden übrigens alle vorliegenden Untersuchungen bestätigt, wonach Fragen der Kommunikation und Konfliktlösung die wichtigste Ursache für die riesige Vergeudung von Ressourcen, nämlich die vorzeitige Auflösung von Lehrverhältnissen, sind.

Aktionsplan Maßnahmen für eine bessere Ausbildung
Mit fünf konkreten Maßnahmen will Tischler-NRW die Ausbildungsqualität erhöhen.
  • Bessere Azubiauswahl durch mehr Praktika Das Praktikum hat sich als die zuverlässigste Form der Bewerberauswahl bewährt und soll durch Einführung einer Praktikumsbörse im Internet sowie mehr Hilfen für die Durchführung (Vertragsmuster, rechtliche Grundlagen etc.) deutlich gestärkt werden.
  • Die ausbildenden Gesellen fortbilden Drei Tischlerinnungen in NRW führen gegenwärtig einen Modellversuch durch, um Gesellen, die in ihren Betrieben Auszubildende betreuen, besser auf diese Rolle vorzubereiten. Themen sind aktuelle Ausbildung, Sicherheit am Arbeitsplatz sowie Kommunikation und Konfliktlösung. Ähnliche Angebote sollen künftig allen offen stehen, die mit der Ausbildung zu tun haben.
  • Mehr Verbindlichkeit beim Führen des Berichtshefts Das Berichtsheft soll nicht länger nur die schematische Auflistung von Tätigkeiten sein. Mehr persönliche und betriebliche Bezüge sowie eine systematische Kontrolle sollen dies gewährleisten.
  • Kooperation der Ausbildungsbetriebe Mehr Informationen anhand funktionierender Beispiele über Modelle wie eine Kooperative Ausbildung, Verbundausbildung oder den Ausbildungsverein sollen sehr kleinen oder stark spezialisierten Betrieben den Weg zur Ausbildung eröffnen oder erleichtern.
  • Ausbildungsiegel als Zeichen für Qualität Betriebe, die wichtige Mindeststandards in der Ausbildung einhalten, dürfen künftig das Siegel »qualifizierter Ausbil- dungsbetrieb des Tischlerhandwerks« führen.

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