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Meisterstück in der Kritik: Konkurrierende Vorgaben

Meisterstück in der Kritik
Konkurrierende Vorgaben

In der Gestaltung seines Meisterstücks orientiert sich Matthias Gehrig, Meisterschule Ebern, stark an einem vorhandenen Esstisch, zu dem sein Sideboard passen soll. Dieser Ansatz führt zu erheblichen gestalterischen Widersprüchen.

Eckhard Heyelmann, Garmisch-Partenkirchen, Innenarchitekt und Dipl.-Designer, Schulleiter a. D.

Das Sideboard besticht auf den ersten Blick durch das gewählte Material: rotkerniges Buchenholzfurnier mit besonders ausdrucksstarker Ausprägung des Farbkernes, fein gezeichnet mit Farbschattierungen von blassrot bis dunkelrotbraun.
Der Gestaltaufbau ist offensichtlich stark bestimmt durch den vorhandenen Tisch, der »eine durchgehende Platte und aus Stollenrahmen bestehende Füße« hat. Beim Sideboard bilden zwei massive Gestellrahmen und darin oben, unten und hinten eingespannte Platten das tragende Gerüst für drei Korpusse, die seitlich und vorn vorstehen. Für die Aufnahme der beiden äußeren Quader sind die zwei Last aufnehmenden Stollenrahmen vorn zerschnitten. Die asymmetrisch dazwischen eingesetzten Körper sind durch Dübelverbindungen und geschraubte Korpusverbinder mit den Stollen verbunden. Was in der geschlossenen Frontansicht noch als mögliche Durchdringung erscheint, erweist sich im offenen Zustand als konstruktiv und gestalterisch fragwürdig. Die Umlenkung der aus Massivholzstollen punktförmig einwirkenden Kräfte in Plattenflächen der Korpusse überzeugt mich ebenso wenig wie die Verbindungstechnik. Letzteres gilt auch für den mittleren Korpus, der mit einem an der Rückwand befestigten, stark dimensionierten Distanzklotz in der Schwebe gehalten wird.
Die zwei äußeren Korpusse dienen zum Aufbewahren von Gläsern und Geschirr, der mittlere wird als Bar genutzt. Die Anordnung des Schubkastens im unteren Teil ist nicht sehr bedienungsfreundlich und lässt die kurzfristige Nutzung der Klappe als Abstellfläche nur bedingt zu. Eine Platzierung oben oder frei aufgehängt im Zentrum dieses Korpus wäre hier die bessere Lösung, auch unter dem Aspekt einer überzeugenderen Griff- und Verschlusslösung.
Die spannungsreiche Reihung der Korpusse und die Materialwahl zeigen einen reizvollen Ansatz. In Verbindung mit dem Gestell verliert das Möbel jedoch an Gestaltqualität. Die Betonung der Horizontalen durch den Furnierverlauf sowie das liegende Rechteckformat der Korpusse wird beeinträchtigt durch etwas zu große Zwischenabstände und den durch den Türanschlag bedingten senkrechten Furnierverlauf der Seiten. Ein waagerechter Verlauf wäre durch einen Anschlag auf Gehrung möglich, der zudem die kubische Wirkung der Korpusse erhöhen würde. Gut könnte man sich die Korpusse wandhängend in einer U-förmigen Schale vorstellen.
»Dieses Möbel sollte an der Wand hängen! Die Korpusse amputieren das Stollengestell.«
Eckhard Heyelmann

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