Meisterstücke

Dramatisch inszeniert

Matthias Anzenhofer, Meisterschule München, hat einen betont ruhig gestalteten Korpus auf ein bizarres Faltwerk aus Edelstahlblech gestellt. Prof. Axel Müller-Schöll kann den Spitzentanz des Möbels nicht ganz nachvollziehen.

Prof. Axel Müller-Schöll, Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle, Fachgebiet Innenarchitektur

Matthias Anzenhofer hat sich gleich einen ganzen Korb voll schwieriger Detailausprägungen vorgenommen, die er meisterlich bewältigt hat: Die Vollauszüge aus Holz, einen Schubstangendrehverschluss für das (unvermeidliche) Schloss, eine auf Gehrung einschlagende Klappe.
Kompositorisch hat er sich für einen Korpus entschieden, der auf der Vorder- und Rückseite gleich aussieht und dem Benutzer die Option gewährt, dieses Möbel auch frei im Raum aufzustellen – wobei es allerdings schwerfällt, sich hier eine entsprechende Grundrisssituation vorzustellen, der dies auch zum Vorteil gereicht.
Bei der Bedienung des Möbels ist man auf Versuch und Irrtum angewiesen. Die gliedernden Metallstreifen sind mal Ornament, mal Griff – einmal sogar ein raffiniertes Scharnier. Die Funktion zu Gunsten des monolithischen Körpers zu verstecken, ist eine konzeptionelle entwerferische Entscheidung, die – man kann sie mögen oder auch nicht – hier mit einer beachtlichen Konsequenz durchgehalten und handwerklich mit großer Präzision umgesetzt ist. Der Korpus ist mit ruhiger Hand proportioniert, die horizontale Gliederung verrät Augenmaß und sorgt für Spannung. Zu Denken gibt das Gestell, auf das der Sideboardkörper gelegt ist. Die beiden diagonalen Profile nehmen keine Last auf, da den beiden senkrecht stehenden dreieckigen Füßen eine die Zugkräfte aufnehmende Verbindung fehlt, um als Binder wirken zu können. So übernehmen die Diagonalen hier lediglich die Funktion einer Aussteifung des Gestells. Diese ist aber nur deshalb zwingend notwendig, weil die Dreiecksbeine auf dem Kopf stehen. Damit ist nämlich eine (eigentlich naheliegende) winkelsteife Verbindung zwischen Korpus und dem Fußgestell unmöglich. Auf diese Weise ist ein unnötig dramatisches und fast aufdringliches Gegenstück zu der sonst betont ruhigen, reduzierten, aber trotzdem eleganten Erscheinung entstanden, das dem Holzkörper viel von seinem Wirkungspotenzial nimmt. Eigentlich schade, denn gerade er sollte doch bei dieser Prüfung im Mittelpunkt stehen!
»Das Gestell nimmt dem Holzkörper viel von seinem Wirkungs- potenzial.«
Prof. Axel Müller-Schöll

Meisterstücke unter der Lupe

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