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Mehrwert des Skizzierens: Interview mit Prof. Axel Müller-Schöll

Mehrwert des Skizzierens: Interview mit Prof. Axel Müller-Schöll
Vom Mehrwert des Skizzierens

Prof. Axel Müller-Schöll lehrt Entwerfen und Ausbaukonstruktion Innenarchitektur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Seine kürzlich als Buch erschienene Werkschau »Ausbau und dergleichen« ist eine Hommage an das Freihandzeichnen.

Herr Müller-Schöll, Skizzenbücher dienen als Wahrnehmungsspiegel und Ideenspeicher, geben Raum für die Lösung konstruktiver Fragen und sind Kommunikationsmittel im kreativen Prozess. Ein analoges Medium im digitalen Zeitalter?

Die Skizze eines Raumes kann völlig missraten sein und funktioniert trotzdem wie ein Erkenntnistee: Man kann sie auch nach vielen Jahren wieder aufgießen und erinnert sich an die Eigenart des Raumes. Skizzen erleben vielleicht auch gerade deshalb eine Renaissance, weil man sie gut mit digitalen Medien kombinieren kann: Handskizzen, die auf dem Tablet entstehen, können Sie im Photoshop weiter ausarbeiten, etwa Flächen anlegen oder auf verschiedenen Ebenen Varianten ausprobieren. Oder Sie machen einen Hüftschuss vom Modell, legen eine Ebene im Photoshop darüber und zeichnen von Hand nach oder neue Ideen ein – nicht anders als früher mit Transparentpapier, nur mit weniger Papier und geringerem Aufwand. Ob einem dieses Medium liegt, erfährt man nur durch Ausprobieren!

Skizzieren Sie selbst auf einem digitalen Zeichentablet?

Meine Reise- und Ideenskizzen mache ich immer noch analog. Auf dem Wacom zeichne ich, wenn ich etwas ganz Bestimmtes veranschaulichen will und für ein Gespräch oder eine Präsentation vorbereite. Ich unterscheide Skizzen, mit denen ich mir über etwas klarwerden will, von solchen, mit denen ich argumentiere. Das ist nicht neu: Schon die Accademia delle Arti del Disegno im 16. Jahrhundert in Florenz hat zwischen disegni esterni und disegi interni unterschieden.

Peter Zumthor beschreibt einmal das Haus seiner Großmutter als tief verankerte Bezugsgröße. Verleiten heutige Entwurfsprogramme dazu, nur im virtuellen Raum zu planen?

Entwurfsprogramme helfen dem, der sie als Arbeitserleichterung betrachtet. Das Entwerfen einer Idee setzt immer ein Bezugssystem voraus. Mich haben die Stuttgarter Kunstakademie und die Universität Florenz geprägt: Dort wurde der genius loci als die Spezifik eines Ortes genau erforscht, bevor man ihn bebaut und verändert. Auch Innenräume haben einen genius loci, auf den man sich beziehen kann. Ich glaube, dass selbst erlebte Orte wesentliche Ausgangspunkte sind, um neue Räume zu imaginieren.

In Hotels messen Sie jeweils das Bad auf, um es in Vectorworks zu zeichnen. Eine Fingerübung?

Ein Konditionstraining, ja! So bleibe ich in Vectorworks Sparringspartner für die Studierenden und habe nebenbei auch noch ein wunderbares Logbuch meiner bereisten Orte. Auch für das Denken in Vielfalt und Variation ist das eine gute Übung. Sie glauben nicht, wie viele verschiedene Möglichkeiten es für die reglementierte Anordnung von drei Sanitärgegenständen gibt.

Bachelor und Master of Arts gehen auf die antiken Künste zurück. Ist das heute noch relevant?

Die Verortung des Gestalterstudiums bei den sieben freien Künsten erinnert daran, dass man sich für die Welt interessieren muss, um sie weiterzuentwickeln. Es geht darum, zu einer Position zu finden und dabei Rückschlüsse auf das eigene Tun zu ziehen. Studieren bedeutet ja nicht, eine Ausbildung zu machen oder in Klausuren Punkte zu sammeln. Studere heißt aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt »sich bemühen um« und zielt darauf ab, sich in ein Bezugssystem von Zusammenhängen einzufinden.

Was verstehen Sie im eigentlichen Sinne unter Entwerfen?

Der Begriff kommt ursprünglich aus der Bildweberei und meint das Werfen des Schiffchens durch Kette und Schuss: Derjenige hinter dem Webstuhl hat das Bild im Kopf und macht es sukzessive für andere sichtbar. Der Entwurf bleibt also solange nur eine Art von Versprechen, bis das Möbel oder das Haus fertig ist. Entwerfen kann man aber nur etwas, wenn man zuvor eine Idee hatte! In jeder Zeitung, jedem Film und jeder Umgebung sind Erstaunlichkeiten enthalten, die unseren »Erkenntnistee« anreichern. Das zu erkennen ist das Wichtigste im Gestalterstudium: Je mehr die Oberstube gefüttert wird, umso größer die Chance, dass einem zur rechten Zeit das Richtige einfällt. Dabei hilft das aufmerksame Durch-die-Welt-Gehen mit Zeichenstift und Block enorm.

Kann eine Skizze auch konstruktive Fragen im Gespräch erörtern?

Es ist die wirkungsvollste Form des Skizzierens, wenn man auf der Baustelle, beim Austausch mit Handwerkern oder im Gespräch mit Kunden spontan eine dreidimensionale Zeichnung machen kann, die ein Problem und die Lösung veranschaulicht. Es geht ja immer darum, andere dafür zu gewinnen, gemeinsam eine Vorstellung zu entwickeln. Wenn man in der Schnittaxonometrie denkt, zeigt man immer, wie man es machen könnte, was es können und wie das Ganze dann aussehen sollte.

Ist es Absicht, dass Ihre Skizzen geradezu unterhaltsam wirken?

Mir hat einmal ein Bibliotheksdirektor gesagt, er kenne fast alle Bibliotheken, die in jüngster Zeit gebaut worden seien und er frage jeweils zehn Punkte ab, bevor er ein Urteil darüber fällt. Der wichtigste Punkt sei aber der elfte: der Wow-Effekt. Wenn eine Bibliothek den nicht habe, sei sie einfach fad, das Staunen gehöre unbedingt dazu. Recht hat er: Es lohnt sich zu studieren, wie dieser Effekt bei Bauwerken oder Möbeln umgesetzt und zu generieren ist. Das gilt auch für die Präsentation von Entwürfen!

Kann eine Skizze mit Renderings mithalten, wenn es darum geht, die Stimmung eines Raumes zu zeigen?

Ich denke, sie kann es sogar besser. Es geht dabei oft um eine Lichtstrategie oder um Farben und Material, die eine Situation oder Handlung rahmen sollen. Während das Rendering Wirklichkeit in Übergenauigkeit übersetzt, argumentiert die Skizze eher im Grundsätzlichen – dass etwa eine Birnbaum-Tür in einem hellblauen Raum völlig anders wirkt als in einem karminroten Raum oder dass sie von Weiß umgeben wie ein dunkles Pflaster mitten auf der Wand steht. Die Transformation, wie sich eine Gestaltung später anfühlen wird, muss hier wie dort im Kopf passieren. Glaubt man Zumthor, dann haben Zeichnungen den Vorteil, dass sie Dinge offenlassen und so die Vorstellungskraft stimulieren.

Entwickeln Sie die Idee für einen Raum auch beim Skizzieren?

Ja, aber das sind dann Zeichnungen, die nur an mich selbst adressiert sind, mit denen ich verschiedene Wege ausprobiere oder mich an Variationen von Standardsituationen versuche.

Wie übersetzt ein Innenarchitekt gesellschaftliche Veränderungen in Visionen für zukünftiges Wohnen?

Eine Tatsache ist zum Beispiel, dass wir nicht zu wenig sondern vor allem falsch zugeschnittenen Wohnraum haben. Eine Statistik von 2012 besagt, dass jeder Bundesbürger im Schnitt über 47 m2 Wohnraum verfügt und in großen Städten über 50 Prozent der Wohnungen von nur einer Person bewohnt werden. Viele bewohnen also mehr als im statistischen Mittel, andere dagegen deutlich weniger. Familien mit mehr als zwei Kindern, andere Modelle des Zusammenlebens oder das Arbeiten zu Hause werden vom Wohnungsmarkt kaum berücksichtigt. Hier fehlt es an Vorbildern, wie man das anders ordnen könnte. Innenarchitekten gehen in Wettbewerben, Publikationen und Ausstellungen dafür in Vorleistung.

Gibt es ein aktuelles Beispiel?

Nehmen Sie das Homeoffice: Wir kriegen das aus dieser Welt so schnell nicht mehr heraus, ob uns das passt oder nicht. Das wird auch Wohngrundrisse verändern, aus denen ja immer häufiger die Gäste- und Arbeitszimmer gestrichen wurden! Ein wichtiger Punkt ist dabei auch, dass Menschen nicht allein sein wollen und das Büro auch wichtig ist, um soziale Wahrnehmung zu erfahren. Dafür wird es Ersatzorte geben müssen, wenn das Homeoffice forciert wird. Der Coworking Space ist heute bei uns noch ein Stiefkind, in zehn Jahren wird das anders sein. Dort wird es dann eine große Diversität geben: Der eine will ein Gegenüber, ein anderer will beim Arbeiten am Laptop auf dem Sofa sitzen, aber nicht angesprochen werden. Das muss gut orchestriert und niederschwellig zugänglich sein.

Unter Ihren Projekten finden sich sogenannte Re-Interpretationen von Räumen. Was hat es damit auf sich?

Re-Interpretation heißt ja, ein bekanntes Problem neu zu beantworten: Ich lerne von der Lösung, die vormals erdacht wurde, destilliere deren Ziel heraus und setze eine neue Interpretation auf. Wir werden auch neuen Herausforderungen mit dem Werkzeugkasten begegnen,den wir uns gepackt haben. Das beginnt im Studium und zielt darauf, die richtigen Fragen zu stellen. Wesentlich ist dabei die Bereitschaft, das Rad weiterzudrehen und nicht nur den Status quo zu verwalten. Es braucht dazu die Gabe, Mittäterschaft zu erzeugen – in der Politik, aber auch in der direkten Nachbarschaft. Man muss Vertrauen gewinnen und überzeugen. Das geht nur, wenn es gelingt, für gute Ideen Vorstellungskraft zu erzeugen. Die Begeisterung ist eine wichtige Triebfeder, sie bringt Leuchten in die Gesichter! Und da sind wir wieder angekommen bei dem, was eine gute Zeichnung leisten kann.

Ausbauprojekt Micro Lofts von Axel Müller-Schöll

Das Interview mit Prof. Axel Müller-Schöll führte dds-Redakteur Johannes Niestrath.


Buchtipp

Prof. Axel Müller-Schöll:
Ausbau und dergleichen

Flexcover geprägt, 21 x 27 cm
600 farbige Skizzen und Fotos
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-89986-337-6
316 Seiten, € 39,00
AV Edition Stuttgart, 2020

www.avedition.de

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