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Möbelbau auf Mallorca - von deutsch-mallorquinischem Tischlerteam

Möbelbau auf Mallorca - von deutsch-mallorquinischem Tischlerteam
Möbelbau auf Mallorca

Eine begeisterte Community auf Instagram dokumentiert das richtige Gespür von Martin und Tina Winterhager für außergewöhnliche Möbel. Seit 2008 arbeiten sie auf der spanischen Insel und faszinieren ihre Kunden mit »sägerauer« Kastanie, Eiche und Nussbaum.

Nach dem Fachabitur in Forstwirtschaft an der Fachoberschule erlernte Martin Winterhager das Tischlerhandwerk in der Möbeltischlerei »Die Möbelmacher« in Hamburg. Dabei sog er die ganze Bandbreite der Faszination des Tischlerberufs auf – CAD, CNC, vor allem aber die Massivholzbearbeitung. Nach der motivierenden Ausbildung zog es den jungen Tischler ans andere Ende der Welt nach Neuseeland. Das war 2007. Doch die Neuseeländer verlangten 3000 Euro auf dem Konto für ein Arbeitsvisum. Eine Summe, die der junge Geselle nicht hatte. Also Planänderung. Über die Jahre hatte Martin in seiner fränkischen Heimat Holzstämme gesammelt und einsägen lassen. Mit diesen Schätzen aus Nussbaum, Zwetschge und Kirsche bepackte er seinen alten VW-Bully T3 und wechselte zu einem Zwischenstopp auf die balearische Insel Mallorca. Dort wollte er seine große Jugendliebe, beide kommen ursprünglich aus Bayern, besuchen und sich vor Ort das erforderliche Budget für Neuseeland zusammentischlern.

Zwischenstopp für Neuseelandtrip

Doch aus dem geplanten einen Tischlerjahr auf der Mittelmeerinsel sind derweil 14 Jahre geworden – mit der Tendenz: nie wieder weg! Jugendliebe Tina hatte Iberoromanistik studiert, war nach Mallorca gegangen und ließ sich an der Hotelfachschule Palma zur Sommelière ausbilden. Mit der gewonnenen Kompetenz arbeitete sie als Shopmanagerin in einem Flagshipstore eines renommierten Gourmetzulieferers – mallorquinisches handgeschöpftes Edelsalz. Martin begann in einer Kleinstwerkstatt als selbstständiger Tischler Massivholzmöbel zu bauen. Für die Maschinenarbeiten mietete er sich bei einem mallorquinischen Tischler ein, für den er anfangs auch als freier Mitarbeiter tätig war.

Das Jahr 2012 stand für große Veränderungen. Tina und Martin heirateten nicht nur, sondern Martin schaffte es seine Frau von dem Modell eines gemeinsamen Familienunternehmens zu überzeugen. Die bisherige One-Man-Show bekam eine neue Ausrichtung. Tina bringt seitdem ihre Fähigkeiten in Unternehmensverwaltung, Marketing und Kommunikation ein und sie teilt sich mit Martin die Kundenbetreuung. Gemeinsamen erarbeiten sie Gestaltungskonzepte und treffen Unternehmensentscheidungen. Die echte Gleichstellung und das beiderseitige Herzblut für außergewöhnlichen Möbelbau und Präsentation ihrer Projekte schwingt durch, wenn man den Auftritt der Winterhagers auf der Webseite oder auf Instagram verfolgt. Seit 2017 arbeiten sie in eigener Werkstatt, mit eigenen Maschinen und unterstützt vom mallorquinischen Tischlervirtuosen Mateu. Inzwischen ist mit Antu ein weiterer Mitarbeiter an Bord.

Ein USP – die Bandsägenstruktur

Zu einem Alleinstellungsmerkmal der Winterhager-Möbel verhilft die Bandsäge – mit strukturierten Oberflächen kann man ungemein kreativ gestalten. Martin entwickelte und baute eine Vorrichtung, mit der man das Werkstück vertikal an dem Bandsägeblatt vorbeiführen kann. So entsteht eine lineare Struktur von sägerauem Holz. Die Tiefe/Intensität der Nuten lässt sich mit der Vorrichtung einstellen. Dies ist für Bohlenmaße bis zur Ausladung der Bandsäge möglich – bis nahezu 70 cm. Aber auch kleinere Werkstücke wie Hocker und Korpusse lassen sich nach dem Verleimen strukturieren. Sägerau ist an sich irreführend, da es ja nicht sägerau belassen ist, sondern im Nachhinein kontrolliert strukturiert.

Die Oberfläche wird dann nur leicht und von Hand geschliffen. Das Finish ist entweder eine transparente Lackierung oder Öl. Die Oberflächenbehandlung von unterschiedlichem Material ist ein weiteres Steckenpferd von Martin. Ungewöhnlich für mallorquinische Tischlereien: Die Winterhagers haben einen professionellen Lackierraum. Er ist zugleich Experimentierlabor. Die Oberfläche ist das Charakteristische am Möbel, das der Kunde »begreift«. Deshalb experimentiert Martin leidenschaftlich an der Entwicklung unterschiedlichster Öl- und Lackiertechniken. Aber nicht nur für die Veredelung von Holz. Der vielfache Einsatz von Metall für Tischfüße und -gestelle, aber auch für Ladeneinrichtungselemente, verlangt einen geeigneten Oberflächenschutz. Ein Favorit für die Behandlung von Metall ist das Bläuen – Tischbeine aus Rohstahl werden mit Ölschichten behandelt, die dann in das Material eingebrannt werden.

Möbel aus spanischen Hölzern

Die mitgebrachte fränkische Fracht an Obsthölzern war bald verarbeitet. Heute entstehen die Möbel aus den klassischen Edelhölzern, bisher oft noch amerikanische Eiche. Doch mehr und mehr aus nordspanischer Edelkastanie. Kastanie gehört zur gleichen Familie wie Eiche, und auch ihr Holz enthält viele Gerbstoffe. Das macht das Holz sehr langlebig. Es hat eine hellbraune Farbe und wird manchmal mit Eichenholz verwechselt. Die Texturen der beiden Hölzer sind ähnlich. Die richtige Holzauswahl ist entscheidend und bedarf einiger Erfahrung, um schwaches Holz zu vermeiden. Durch den jahrelangen Fokus auf die Massivholzverarbeitung reicht heute ein Blick für die Zuordnung eines Stammes oder einer Bohle.

Da die Inselhölzer nicht für hochwertigen Möbelbau taugen, kommt die Edelkastanie von einem Sägewerk im Norden Spaniens, das auf nachhaltige Forstwirtschaft setzt. Die Kastanie ist kommerziell nicht gut eingeführt. Manchmal ist mit begrenzter Verfügbarkeit oder der Qualität zu kämpfen, aber die Winterhagers können sich ihre Möbelserie, individuelle Einrichtungen und ihre Möbelunikate nicht ohne die herausragende Schönheit der Kastanie denken.


Das Interesse von dds-Redakteur Hubert Neumann weckten die »Bandsäge-Möbel« der mallorquinischen Tischler aus Bayern – herausgehoben präsentiert auf Instagram. Sobald es Corona zulässt, wird der Ortstermin nachgeholt.


Steckbrief

Martin und Tina Winterhager Möbelbau, Innenausbau, und Planungsbüro

Winterhager S.L.
Carrer Sa Farinera, 15
07669 Calonge, Mallorca/España, info@winterhager.com

www.winterhager.com


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