Startseite » Gestaltung » Möbel »

Die Form folgt einer Fiktion

Möbel
Die Form folgt einer Fiktion

Gemähte B lümchenwiesen, verformte Bleche, gebrauchtes Holz – auf der Möbelmesse in Köln gab es mehr als nur Möbel und Einrichtungen zu sehen. Dirk Schellberg berichtet über Eindrücke beim Messerundgang, edle Fundstücke und über das Konzept der Kölner Ausstellungsmacher.

Spürbar übellaunig fragt in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung die Autorin nach Neuheiten und Konzepten zum Thema Kölner Möbelmesse 2014. Sie vermisst innovative Sitzmöbel, Interieure für moderne Nomaden und Einrichtungsgegenstände, die die Durchdringung von Arbeitswelt und Privatem thematisieren. Schuld sind aus ihrer Sicht die innovationsfeindlichen Firmen, die am Design sparen. Alle von ihr angemahnten Inhalte waren aber während der letzten zehn Jahre wiederholt auf der Messe zu sehen. Dass diese Dinge vom Verbraucher vielleicht gar nicht gewünscht werden, kommt ihr nicht in den Sinn.

Touchscreen: ein Loch genügt
Innovationen finden beim Design heutzutage weitestgehend im nicht sichtbaren Bereich der Produktionstechnik und der Computerisierung unseres Wohnraums statt. Ein Touchscreen braucht eben nur ein Loch in der Möbelfront und keinen Design-Quantensprung. Die Form folgt schon lange nicht mehr zwingend der Funktion, sondern einer Fiktion.
Was war also von dieser Messe zu erwarten? Es war eine Messe der Materialien, Techniken und Details. Köln zeigte erstmalig die design- und trendrelevanten Themen auf einem Geschossniveau. Angefangen von Halle 1 mit den Jungdesignern bis zur Halle 4 konnten Fachbesucher vielfältige Eindrücke und Erkenntnisse mitnehmen. Auf den Erdgeschossebenen der betreffenden Hallen befanden sich die Aussteller aus Fernost, Osteuropa oder Ländergemeinschaftsstände. Das ist insofern von Interesse, weil mehr Publikum in ihre Nähe geleitet wurde und dadurch einen Eindruck von deren Leistungsspektrum erhielt. Bislang wurden oben genannte Aussteller in weiter abgelegenen, weniger frequentierten Hallen gebündelt.
Die Messe ist in dieser Hinsicht globaler und offener geworden. Ich denke es ist wichtig, sich des steigenden Niveaus dieser Hersteller hinsichtlich Verarbeitung und Design bewusst zu werden. Längst haben es manche von ihnen wie Kenneth Cobonpue oder Artisan in die Premiumhallen geschafft!
Am »Gemeinschaftsstand für Junge Innovative Unternehmen« ist mir das Möbel »StucKit« aufgefallen. Einzelne Korpusse lassen sich in einem selbstverzahnenden System stapeln und ergeben so ein modulares Regalsystem.
Tischlerpräsenz auf der IMM
Interessant ist, dass es sich beim Hersteller um einen Innenausbaubetrieb handelt, der so auch Leerlaufzeiten kompensieren kann. Vertrieben wird das System erst seit Oktober 2013. Insgesamt beurteilt der Hersteller das Messefeedback als sehr positiv. Überrascht war er von den vielen internationalen Kontakten – »Globalschreiner« eben.
Hervorzuheben ist die Halle 1. Vor zwei Jahren waren die Designausbildungseinrichtungen nach langjähriger Messebeteiligung plötzlich nicht mehr eingeladen worden. Nun hat die Messeleitung eingesehen, dass sie sich damit keinen Gefallen getan hatte. Wenn es in einer Branche an Nachwuchs mangelt, darf der bei einem der größten, relevantesten Events nicht fehlen!
Fachbesucher waren bisher gewohnt, auf den Schulständen zahlreiche Entwürfe und Konzepte zu sehen. Dieses Mal standen die Technologien im Vordergrund. Gleich drei Schulen brachten ihre 3-D-Drucker mit nach Köln und produzierten vor Ort! In wieweit diese Technik das Handwerk bereichern kann, ist noch gar nicht ausgelotet. Beschläge für individuelle Designs oder Lösungen für technische Aufgabenstellungen in Losgröße 1 rücken in wirtschaftliche Nähe. Zeit für Meister Eder und Pumuckl sich damit auseinanderzusetzen!
Spannend waren die Ergebnisse der FH Potsdam zum Thema inkrementelle Metallumformung. Blech wird mittels eines oszillierenden Bolzens über eine Matrize getrieben und verformt. Von der individuellen Sitzschale bis zum Edelmetallwaschbecken ist alles möglich. Auch hier wieder das Thema Losgröße 1, auch hier wieder die Frage: Was kann der gehobene Innenausbau sonst noch daraus entwickeln?
Bei allem, was die Messe mit »Pure« bezeichnet geht es um Design. Ob erstmalig ausstellende »Young Professionals« oder Premiummarke, Inspiration pur fürs möbelaffine Publikum. In diesem Bereich befindet sich seit zwei Jahren auch »das Haus«, welches jedes Jahr von einem anderen Designer eingerichtet wird. Der dänisch/englischen Designerin Louise Campbell gelang eine sehr persönliche, eigenwillige Wohnaussage. Ihre Vorgänger Luca Nichetto (2013) oder das Duo Doshi/Levin (2012) stellten das Haus voll mit Möbeln und Accessoires namhafter Hersteller, ohne zu einem eigenen Stil zu finden. Nicht so Campbell. Ihrer Handschrift treu konzipierte sie ein helles, freundliches Haus. Transluzente, durchscheinende Strukturen waren vorherrschend. Im Gegensatz zur vollgestopften Messe erlaubte sie sich den Luxus, auch Raum unbespielt zu lassen. Das hauptsächlich weiße, ins Beige hineinspielende Ensemble reflektierte gleichzeitig die auf der Messe vorherrschende Tendenz zum »downshifting« (freiwillige Einfachheit)!
Erschien mir das Format »Living Interiors« in den letzten Jahren wie ein Gemischtwarenladen, so hat es 2014 in Halle 4 seine Form gefunden. Thema ist das Möbelumfeld. Es geht um Materialien, Textilien, Badeinrichtungen oder Beleuchtung. Der Hersteller »Relax your life« präsentierte mit seinen spezialbeschichteten Weichschaummöbeln eine Nischentechnologie, die im manufakturellen oder individuellen Möbelbau durchaus Perspektiven bietet. Die Anwesenheit des Saunabauers Klafs bestätigt die weitergehende Verschmelzung von Wellness und Wohnen. Samsung, nicht so sehr bekannt für Mineralwerkstoffe, fokussiert sich mit dem Material »Staron« auf das Thema integriertes Bad. Warum soll die Badewanne nicht vom Schreiner kommen? Möglich wäre es.
Künstliche »als ob« oder natürliche Oberflächen werden gleichberechtigt verwendet, die Art des Einsatzes bestimmt letztendlich ihre Wertigkeit. Naturmaterialien liegen im Trend. Ob Rindenstoff (bark cloth) aus Afrika oder die gemähte Blümchenwiese, welche von »Organoid Technologies« zu Plattenmaterial verpresst wird. Eine bestechende Vielfalt, die manchmal sogar duftet.
Die »Passagen« grüßen
Upcycling, also die Verwendung gebrauchter Materialien, ist deutlich sichtbar auf der Messe angekommen. Dieses Thema war bisher eher auf der parallel stattfindenden »Passagen!«-Designveranstaltung zu Hause. Das Upcycling-Label »Reditum« war 2012 auf den Passagen vertreten, das Reditum-Regalsystem »Moveo« von Marc Rexroth dieses Jahr auf der Messe. Icihali verarbeitet alte, abgenutzte orientalische Teppiche durch eine Kombination von Färbung und Patchworktechnik zu neuen Designs, die man sich durchaus auch als Wand- oder Möbelfront vorstellen kann.
Wenn es auch keine Messe der Neuheiten war, so erschien mir das Konzept erstmalig als homogen – wer sich nachhaltig informieren wollte, kam auf seine Kosten.
Dipl. Designer Dirk Schellberg
Anzeige
Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 1
Aktuelle Ausgabe
01/2021
EINZELHEFT
ABO
Anzeige
MeistgelesenNeueste Artikel
dds-Zulieferforum
Grafik des Monats

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »