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Die Form folgt dem Prozess

Möbel
Die Form folgt dem Prozess

Die Kölner Möbelmesse verändert sich – ob zum Besseren, bleibt abzuwarten. Man kreiert und probiert Neues. Die Veranstalter reden wie TV-Anbieter neudeutsch von Formaten wie Pure Village oder LivingInteriors. Dirk Schellberg hat sich das Programm und auch noch ein paar Möbel angesehen.

Dipl. Designer Dirk Schellberg

Das Format Pure Village erscheint 2010 zum ersten mal auf der Bildfläche. Hier stellen in einer einheitlich durchgestalteten Messehalle einrichtungsnahe Firmen gemeinsam mit kleineren Labels und D3 Talenten aus. 2011 punktete man zusätzlich mit dem Format LivingKitchen und erreichte damit insgesamt 1200 Messeaussteller. Mit LivingInteriors, dem allerneuesten Format, das nun alle zwei Jahre im Wechsel mit LivingKitchen stattfinden soll, waren es 1050 Aussteller – was wohl nicht die Erwartungen der Messe erfüllt hat, denn die Halle 4.2 war nur zu gefühlten 70 Prozent belegt. Die Idee der Transformation zur Einrichtungsmesse wird weiter vorangetrieben.
Mehr Trennschärfe bitte
Auf den LivingInteriors ist alles rund um Bad, Wand, Boden und Licht zu sehen. Zusätzlich gibt es ein Eventprogramm. Das Format Pure Village nimmt sich der gleichen Themen an, inklusive Events, nur in Bazarform. Vom Bodenbelag bis zur Vase ist alles da. Tapeziershows für den Heimwerker lassen Regionalmessefeeling aufkommen – aber bitte nicht auf einer von drei oder vier international führenden Einrichtungsmessen.
Anstelle der alten »Interiortrends« (Themenausstellungen aus dem jeweils neu zur Messe erstellten Trendboard) traten 2012 Musterausstellungsräume. Sie sollten Themen und Tendenzen der Zeit widerspiegeln, wirkten aber eher wie die Ausstellung aus dem Möbelhaus nebenan. Räume für Orient-, Natur- und Klassikliebhaber konkurrierten mit der im Pure Village errichteten Ausstellung »Das Haus«, kuratiert vom britischen Designerpaar Nipa Doshi und Jonathan Levien. Auch diese Ausstellung schaffte mehr Verwirrung als Orientierung – zu viel globales Dorf, zu viele Konzepte pro Raum und zu viele Designermöbel. Trotzdem gab es sowohl im Pure Village als auch im Bereich der LivingInteriors ein ambitioniertes Vortragsprogramm. Meiner Meinung nach eröffnet sich der Messe eine Möglichkeit zu Profilierung, wenn sie das Publikum weiterbildet und mehr Orientierung im Feld der Beliebigkeiten bietet.
Alles und nichts gesehen
Damit die Einrichtungsformate besser funktionieren, müssen sie sich stärker voneinander abgrenzen. Besuchern fällt es immer schwerer, Konsequenzen aus dem Gesehenen und Erlebten zu ziehen. Die meisten von mir befragten Fachleute gaben an, sie hätten eigentlich nichts Besonderes gesehen. Ich behaupte, dass es nach wie vor sehr viel zu sehen gibt! Inspiration und Tendenzen sind immer abzulesen. Zu viele Eindrücke kannibalisieren sich gegenseitig, sodass beim Besucher der Eindruck entsteht, man habe nichts gesehen. Mal eben gucken, was so los ist, funktioniert nicht mehr. Pure Village muss daher eindeutiger die Designavantgarde bedienen und LivingInteriors Erlebniswelten schaffen, die nicht noch zusätzlich mit dem »Interior Innovation Award« vermischt werden. Überhaupt die Wettbewerbe.
Vom Nachwuchs inspiriert
Wer auf der Messe nach Tendenzen und Strömungen sucht, sollte vielleicht mit dem Nachwuchs beginnen. Hier hat es einen Einschnitt gegeben: Den seit zehn Jahren ausstellenden Gestaltungsschulen wurde ziemlich plump der Stuhl vor die Tür gestellt. Das ermöglichte ihnen positiv betrachtet einen Neuanfang auf den Passagen, der Messe fehlte jedoch ein traditioneller Fixpunkt.
An Nachwuchsförderung blieben im Pure Village nur noch 28 Kojen für die »D3 Professionals« sowie »D3 Contest« übrig – das ist zu wenig. Zusammen mit dem Rat für Formgebung wurden aus über 600 Einreichungen 28 Projekte für den D3 Contest mit drei Gewinnern ausgewählt. Mit dem Sieger Jólan van der Weil aus Amsterdam wurde eine Arbeit gekürt, die die Tendenz des Designs zum künstlerischen Objekt bzw. der kleinen Kollektion unterstreicht. Dabei steht der Prozess im Vordergrund und weniger die Ästhetik. Die Ausstellung der Projekte bietet einen Einblick in das, was junge Designer bewegt, vor allem hat man Gelegenheit, mit ihnen über die Arbeiten zu sprechen.
Der »Interior Innovation Award« wird ebenfalls von der Messe zusammen mit dem Rat für Formgebung vergeben. Die Ausstellung war jedenfalls sehenswert, spiegelt sie doch Produktneuheiten auf hohem Designniveau der Einrichtungsbranche wider. Die Juryentscheidung zu den Auszeichnungen »best of the best« lassen meiner Meinung nach allerdings bei manchem Produkt mehr auf Vitamin B im Sinne eines gesunden Nepotismus denn auf Innovationen schließen.
Durchwandert man die Messehallen mit Schreineraugen, fallen mehr und mehr die holzähnlichen Werkstoffe auf. Damit meine ich im Wesentlichen Bambus, Rattan oder Kokosholz. Sie werden von Herstellerländern wie den Philippinen, China oder Indonesien sehr gefördert. Statt Chinesisch Biedermeier sieht man inzwischen modernes Möbeldesign. So hat auch der philippinische Designer und Hersteller Kenneth Cobonpue den Sprung ins Pure Village geschafft – auch seine innovative Kollektion umfasst nicht mehr nur Rattanmöbel. Mit einer hochwertigen Liege aus Aluminium und Rattan räumte die Firma Schütz gleich drei Designauszeichnungen ab.
Trends en passant
Gerade im Bereich der Werkstoffe und ihrer Anwendungen kann man sich als Schreiner auf der Messe schlaugucken: Bambusmöbel waren angesagt, auch auf den Passagen. Mineralwerkstoffe bieten viele Verarbeitungsmöglichkeiten, auch für nicht spezialisierte Innenausbauer. Es bleibt wichtig, gewerkeübergreifend zu denken. Viele Dienstleistungen wie Fräsen, Drucken oder Lasern können heutzutage günstig eingekauft werden.
Medien vernetzen sich zunehmend selbstverständlich mit der Einrichtung, hinter zertifizierter Eiche verbirgt sich ein Bildschirm. Auch individualisierte künstliche Oberflächen werden immer gesellschaftsfähiger und sind manchmal sogar ökologisch sinnvoller. Wir haben uns schon so an Ersatzstoffe gewöhnt, dass es gar nicht mehr das durch und durch »Echte« sein muss. Konsequent beweisen das die Möbel der Morizza GmbH, deren formale Eigenständigkeit sich auf die Oberfläche reduziert.
Die in diesem Jahr zahlreichen massiven Baumkantentische mit simplen Stahlgestellen zeigen, wie sich ein Thema variieren lässt. Massives Holz und insbesondere Eiche und Nussbaum bleiben beliebteste Premiumwerkstoffe. Nachhaltigkeit und Langlebigkeit sind nach wie vor gefragt. Nebeneinander existiert gleichberechtigt massiges und filigranes Design. Bei den Gestellen lässt sich ein Trend zu runden Querschnitten beobachten. Neue Interpretationen des guten alten Schaukelstuhls waren auffallend oft ausgestellt.
5-Achs-Technik scheint bei kleineren Unternehmen angekommen zu sein, wie man an einigen neuen Stühlen aus Massivholz sieht. Durch ihren Einsatz entwickeln sich gestalterisch reizvolle Fügetechniken. Massivholzleckerbissen der besonderen Art gab es bei Conde House zu sehen. Dass gutes Design nicht immer das Rad neu erfinden muss, sondern auch bekannte Themen durch innovative Details zur eigenständigen Gestaltung führen können, zeigte mal wieder das Büro Maly Hoffmann und Kahleyss (vgl. Seite 18).
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