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Störung der Konsumkultur

Möbel
Störung der Konsumkultur

Im Herbst 2011 forderte eine Ausstellung des Museums Marta Herford mit Objekten aus Kunst und Design zum Nachdenken über unsere Konsumkultur auf. Michael Eckert hat sich mit einem Küchenblock befasst, dessen Nachhaltigkeitsdesign manche Gewohnheit empfindlich auf die Probe stellen dürfte.

Michael Eckert, Fachschule Holztechnik Detmold

Mit ihrem Debüt auf dem Salone Internazionale del Mobile in Mailand 2007 ist die Arbeit des in Rotterdam gegründeten, heute in Oregon ansässigen Studios Gorm einem internationalen Publikum bekannt geworden. »Flow« bricht mit gewohnten Standards – ein Küchenblock, der sich am Kreislaufmodell der Natur orientiert. Lebensmittel werden angebaut, gelagert, gekocht und kompostiert.
Von Kräutern und Würmern
Das Wasser des gespülten Geschirrs tropft aus einer platzsparenden Stellage auf Kräuter, die in den Blumenkästen darunter gedeihen. Daneben befinden sich weitere Tonbehälter mit Einsatz, die Lebensmittel kühlen, wenn das in das äußere Gefäß gefüllte Wasser langsam durch die Außenwand verdunstet. Diese Verdunstungskühlung ist ideal für die Lagerung von Gemüse, Obst oder Käse – Lebensmittel, die Luft benötigen, ohne auszutrocknen. Der Kühlschrank kann also kleiner und dadurch sparsamer werden. Auch die Vorratsdosen nutzen die Eigenschaften unglasierter Keramik. Die Deckel aus Buchenholz wirken von Hause aus antimikrobiell. Sie können auch als Schneidbretter genutzt werden.
Das Gas-Kochfeld mit vier Flammen ist auf die Arbeitsfläche aufgesetzt. So entsteht viel Platz unterhalb der Platte für Obst und Gemüse, aber auch Töpfe und Pfannen. Die Schubkästen bieten Platz für diverse Utensilien. Hier wurde recyceltes Eichenholz verwendet. Durch Vorziehen eines flächenbündig in der Arbeitsfläche geführten Schneidbrettes wird der Bioabfall in einen unter der Platte befindlichen Komposter gegeben, der mithilfe verschiedener Wurmarten und Abwasser nährstoffreichen Dünger herstellt. In der Auffangwanne wird der Kompost getrocknet.
Vision oder Provokation?
Flow zeigt Natur und Technik in einer symbiotischen Beziehung und versucht, den Widerspruch zwischen Ökologie und Konsum aufzulösen. Handelt es sich dabei um mehr als ein Symbol für ökologische Korrektheit? Ist Flow nur ein Konsumgut als Mittel der sozialen Abgrenzung, wie es auch dem Bauhaus in seiner damals noch provozierenden Schlichtheit vorgehalten wurde – ein extravagantes Produkt ohne Relevanz für den Durchschnitt? Oder ist es gar der Versuch, den Gutmenschen dieser Tage im Alltag ad absurdum zu führen: Stößt das ökologische Bewusstsein bereits an Grenzen, wenn Verdunstungskühler mit frischem Wasser zu versorgen sind?
Mit einer Öko-Küche, wie wir sie aus den 1980er- und 1990er -Jahren kennen, ist Flow keinesfalls vergleichbar. Eine beschichtete Arbeitsplatte etwa wäre damals sofort durchgefallen. Heute stellt sich das anders dar: Massivholzküchen stehen in der Ausstattung den Standardküchen in nichts nach und haben lange nicht mehr den Anspruch, auch noch in der Korpus-Rückwand Massivholz zu verwenden. Für Korpus und Front sind Dreischichtplatten üblich, und das Ölen und Wachsen von Oberflächen ist längst salonfähig geworden.
Von der Hightech-Küche …
Angesichts puristischer Küchenfronten mit verborgenen Bedienelementen, die von Laien weder zu finden noch ohne Anleitung zu nutzen sind, ist die Frage nach der sinnlichen Erfahrbarkeit und Selbstverständlichkeit im besten Sinne berechtigt. Kann ein Display, das ohne Blick ins Handbuch nicht bedienbar ist, gutes Design sein? Auf die Frage, wie viel Technik eine Küche heute braucht, antwortet der Produktentwickler und Design-Manager Rainer Kallesse von Nolte-Küchen, Technik müsse nachvollziehbar bleiben und dürfe nicht zum Selbstzweck werden. Ein Beispiel sei die ungünstige Aufwand-/Nutzensituation bei der Motorisierung von Auszügen: »Selbst mit 80 kg beladene Auszüge von 90 cm Länge lassen sich heute so leicht auf und zu bewegen, dass ein Motor wie Spielerei wirkt.« Der Nettoverkaufspreis für eine elektrische Auszugsmechanik liege mit Netzteil bei etwa 350 Euro pro Korpus, das koste Kunden also schnell 600 Euro und mehr. Im konsumigen Marktsegment sei das nicht praktikabel. Allein im Standby-Betrieb verbraucht der Auszug drei bei sieben Watt, wovon man eine Energiesparlampe betreiben könnte – auch darauf achten Kunden heute. Wichtiger sind Entwicklungen, die echten Mehrwert generieren: Hier nennt Kalesse zum Beispiel Ecklösungen, die Stauraum mit einem Handgriff erschließen. Gedämpfte Auszüge sind dagegen vernünftiger Komfort und nicht mehr wegzudenken.
… zur Küche der Vernunft?
An den Wände bescheidener Hütten der ländlichen Provinz Asiens oder Lateinamerikas hängen Zeitungsausschnitte mit Fotos luxuriöser Wohnzimmer und Küchen, mit perfekt gestylten Menschen als Symbol westlicher Konsumkultur. Unser Lebensstil prägt die Wünsche der meisten Menschen der globalisierten Welt. Wir leben vor, dass elektronisch gesteuerte Auszüge in der Küche oder lautlos motorengetriebene Schiebetüren vor dem begehbaren und reich gefüllten Kleiderschrank Glück bedeuten. Bis sich die Menschen in den wachstumsstarken Schwellenländern fragen, ob das Glück wirklich motorisiert ist, wird noch viel Zeit vergehen. Auch wird es noch lange dauern, bis Konsumbegrenzung bei uns mehrheitsfähig sein wird. Doch gibt es immer mehr kritische Fragen. Sogar der CO2-Rechner wird Tischlern in Hessen als Marketinginstrument angeboten und ist in fünf Tischlerbetrieben getestet worden. Eine Urkunde bescheinigt dem Kunden, dass seine Möbel CO2-neutral hergestellt wurden. Und reicht das für ein gutes Gewissen noch nicht aus, kann für ein heimisches Aufforstungsprojekt gespendet werden. Wer hätte sich das vor zehn Jahren vorstellen können?
Neues Bewusstsein
Langlebigkeit und Funktionalität liegen nach einer von der Alno AG in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2010 mit weit über 90 Prozent an oberster Stelle aller Entscheidungskriterien für eine neue Küche. Wenn Kunden abwägen, ob es die alte Küche nicht noch länger tut, ist der Tischler gefragt: Neue Fronten, Schubkästen mit Selbsteinzug, Türen mit Dämpfern, energiesparende Geräte und mehr lassen sich mit einem überschaubaren Aufwand nachrüsten.
Flow ist nach meinem Verständnis ein durchaus schlüssiges Konzept, das ökologische Verantwortung nicht nur artikuliert, sondern auf den Punkt bringt, indem Lösungen angeboten werden. Es geht nicht nur um Funktionen sondern auch um den Symbolcharakter, um das Nachdenken über unsere oft Ressourcen verschwendende Lebensweise und um ein Innehalten im Hinblick auf unsere unbedachte Art zu konsumieren. Wie wäre es mit dem Motto: Befreien Sie sich von der Last des Überflüssigen?
Resonanzen auf Flow
Im Gespräch mit StudentInnen an der Fachschule Holztechnik Detmold sowie der Schule für Architektur und Innenarchitektur kommt Flow gut weg: Alle sechs Teilnehmer sehen in der Studie ein ausbaufähiges Konzept als Mittelpunkt einer Wohnküche, also als Treffpunkt für die Nutzer, Familie und Gäste. Aus architektonischer Sicht betrachtet sei Flow gut für den Einsatz in flexiblen Grundrissen geeignet.
»Den Küchenschlauch gibt es so nicht mehr«, sagt Nina Kreitsmann. »Küchen werden größer, der Platz aber immer weniger, weil er von allen möglichen Geräten verstellt wird.« Das Tropfgestell für die Teller findet Hennig Weber gut, und einen Naturkreislauf abzubilden, halten alle für einen gelungenen Ansatz: »Woher etwas kommt und wohin es geht, wird hier sinnlich erfahrbar. Auch für Kinder, die oft gerne in der Küche mithelfen, ist das wichtig.«
Würmer im Komposter konnten sich die meisten StudentInnen hingegen eher nicht vorstellen. Für Katrin Kollodzey kann Flow den Anstoß geben, sich auf Wesentliches zu beschränken. »Heute haben wir zu viele Sachen in der Küche. Eine Idee wie Flow kann dazu anregen, andere Konzepte anzubieten.«
Daniel Baumann: »Moderne Küchen erscheinen oft wie sterile Wände. Man fühlt sich wie in einem OP-Saal und sieht nicht, wo etwas drin ist. Mit Flow hätte ich alles, was ich brauche. Mit den Würmern könnte ich mich arrangieren.«
Annika Hoppmann bietet Flow zu wenig Abstellfläche. »Für mich kann ich mir diese Küche nicht vorstellen. Den offenen Charakter, die Sichtbarkeit der Anschlüsse empfinde ich als störend.« Lasse Lietz sieht es genau andersherum: »Man sieht, wie die Küche zu benutzen ist. Da finden sich auch Kinder zurecht. Lediglich der treppenförmig abgestufte Schubkasten mit den unterschiedlichen Stapelhöhen innen erschließt sich nicht auf den ersten Blick.«
Für alle Befragten ist Flow in dieser Form nur als Singleküche vorstellbar. Für eine Familie müsste das Objekt um Schrankelemente und eine zweite Spüle erweitert werden. Für Lasse Lietz eine reizvolle Aufgabe: »Es macht Spaß, den Tellern beim Abtropfen zuzusehen. Die Verwendung natürlicher Materialien wie Steingut und das Untergestell mit Ästen im Holz finde ich gut.«
Wird weniger mehr?
Alle StudentInnen empfinden, dass der Ökologiegedanke bei Flow freundlich und unaufdringlich kommuniziert wird, ja sogar zum Mitmachen anregt: Sich in Zeiten des Überflusses auf Wesentliches zu beschränken, wiegt mehr als der Komfortverlust. Für 2012 ist geplant, Flow probeweise als Kleinserie auf den Markt zu bringen.
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