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Möbel in Bewegung

Gestaltung
Möbel in Bewegung

Die Entgrenzung des Wohnbereichs schreitet fort! So ist ein Trendbericht der Kölner Möbelmesse 2011 überschrieben. Wollten wir nicht kürzlich noch in die Höhle zurück? Dirk Schellberg verlässt sich lieber auf eigene Beobachtungen.

Dipl.-Designer Dirk Schellberg

Wenn es nach den Fachleuten geht, leben wir bald wieder im keltischen Langhaus. Wo doch kürzlich erst Cocooning postuliert wurde. Nach Trends befragt, äußern sich die Experten nur noch ausgesprochen vage. Immerhin verdeutlicht der oben genannte Ausruf die Tendenz, Wohnen mehr und mehr als Gesamtthema zu verstehen. So schreitet der Umbau von der Möbelmesse zur Einrichtungsmesse weiter voran. Ihre besondere Beachtung sollten IMM-Besucher in Zukunft also dem Zusatzprogramm schenken. Farbe, Materialien, Schlafen, Licht – Vorträge namhafter Designer oder Einrichtungsspezialisten fanden an allen Messetagen statt. Wer aufmerksam durch die Hallen ging, konnte schnell bemerken, dass die Querschnitte wieder dünner werden. Ökologie ist ein großes Thema. Kaum jemand, der nicht mit Nachhaltigkeit seiner Produktionsweise wirbt oder ein Produktsiegel vorzuweisen hat. Vitamin Design gibt zu dieser Ökophilosophie noch einen Schuss Humor dazu, wie am gestiefelten Tisch »Go« zu erkennen ist. Ob Möbelmesse oder Passagen, Neues aus Altem war generell ein Thema. Die Plattform Furnism stellte im Konzept-bereich Pure Village Altholzmöbel vor, denen man Altholz beim besten Willen nicht ansehen konnte. Verwendet wurden Ulmenbalken, die aus abgerissenen chinesischen Holzhäusern stammen und hochwertig aufgearbeitet wurden. Der diskrete Charme des Verfalls wird auch von Riva 1920 konsequent weiter zelebriert. Der Massivholzspezialist aus Italien hatte die Idee, wurmzerfressene Eichenpfähle aus der Lagune von Venedig in Möbel zu verwandeln. Möbel müssen eine Geschichte erzählen!
Die Möglichkeiten der 3-D-Furniere spiegeln sich nun im Markt wider. La Palma setzt mit gleich zwei Produkten auf diese neue Technik, einem flächig geschwungenen Hocker und einer Bank. Ob das Material wohl auf Grund der Nachfrage in Zukunft preiswerter wird?
Flächen mit Volumen
Was könnte man an einer flächigen Möbelfront verändern? Darüber dachten anscheinend viele Hersteller nach und zeigten dreidimensionale strukturierte Oberflächen, aus Laminatimitat oder strukturgebürstet. Konsequent zu Ende gedacht haben das Thema die Designer von Neuland Design für Interlübke. Das Schranksystem Reef, 2010 vorgestellt, löst die Fronten überzeugend mit in der Tiefe versetzten Kuben auf.
Den stärksten Eindruck hinterließen zwei Firmen aus Bosnien-Herzegowina auf mich. Artisan setzt ganz und gar auf eine Massivholz-Designlinie und scheut sich nicht, so bekannte Designer wie Karim Rashid oder Salih Teskeredzic zu verpflichten. Saubere, dreidimensionale Oberflächen mit fließenden Übergängen der Bauteile sind das Markenzeichen. Bei der Firma Rukotvorine fiel mir der Mix aus traditioneller Kerbschnitzerei und modern geschwungenen Formen auf. Die Freiformflächen sind nicht CNC-gefräst. »Wir setzen bewusst auf handwerkliche Tradition. Viele europäische Regionen haben diese Technik aufgegeben, sie galt als altmodisch. Damit verloren sie sicherlich auch ein Stück Identität«, so Enis Spago, Sprecher der Firma Artisan. Auch für das Design von Rukotvorine zeichnete Salih Teskeredzic verantwortlich. Beide Firmen konnten mit ihm beim Interior Innovation Award überzeugen.
Fundgrube Passagen
Gäbe es zur Messe nicht die parallele Designveranstaltung der sogenannten Passagen in verschiedensten Lokalitäten Kölns, die Messewoche wäre nur halb so interessant. Wie bereits 2010 setzte das Büro Voggenreiter als Veranstalter einen Schwerpunkt im Stadtteil Ehrenfeld. Die Qualität der einzelnen Ausstellungen war recht unterschiedlich. Newcomer und Premiumhersteller präsentierten sich gleichermaßen.
Die Designersfair, Bühne für junge Designer und Ordermesse für Kreative, war atmosphärisch nicht so dicht wie im vergangenen Jahr, das mag am neuen Veranstaltungsort liegen. Um Kontakte zu knüpfen, war sie aber allemal gut! Hier präsentierte das junge Möbellabel Stadtnomaden einen unkonventionellen leichten, praktischen Taschenentleerer. Eines der schönsten Möbeldetails, die mir in diesem Jahr aufgefallen sind, versteckte sich unter einem Tisch von Jan Weber. Der Aluknoten, der Beine und Streben miteinander verbindet, ist äußerst elegant geformt. Jan Weber plant, den Knoten demnächst in einem Spezialbeton herzustellen, der ebenso gute Festigkeitswerte wie Aluminium haben soll. Der Vorteil wäre, dass sich das Teil kostengünstig im Rapidtooling-Verfahren gießen ließe – Beschläge on demand! Vielleicht wird das auch noch eine Option für Tischler und Schreiner.
Möbelgeschichten
Aus Alt mach Neu scheint besonders in den Niederlanden und in Nordrhein-Westfalen Konjunktur zu haben. Der Holländer Chris Ruhe stellte bei »Design braucht Täter« einen seiner poetischen Patchwork-Schränke aus. Ein Altmeister des Recyclings ist Oliver Schübbe – von seinem Regal Frank wurden bereits 15000 Module verkauft! Dieses Jahr zeigte er zusammen mit dem Designer Sven Stornebel die Ehrenfelder Küche, ein Gegenentwurf zum Glanz der Living Kitchen, der neuen Küchenmesse, die im Rahmen der IMM Premiere feierte. Die in der Ehrenfelder Küche verbauten Recyclingteile haben bei den Besuchern nicht selten Déjà-vu-Gefühle ausgelöst – Möbel erzählen Geschichten.
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