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Altbaufenster: Durchblick für den Europäischen Rat

Altbaufenster aus allen Ländern der EU im Gebäude des Europäischen Rat
Durchblick für den Europäischen Rat

Den Bau einer Architektur-Ikone hatte die Europäische Union für den europäischen Rat ausgeschrieben. Samyn & Partner entwarfen ein außergewöhnliches Gebäude das mithilfe einer Fassade aus historischen Fenstern seine Vielschichtigkeit unter Beweis stellt.

Das tief sitzende Bedürfnis eines ganzen Kontinentes »nie wieder Krieg« zu erleben, stand in den 1950er-Jahren Pate für eine Idee, die Ihresgleichen sucht: Die Europäische Union. Nach dem Austritt der Briten werden es bald 27 Staaten sein, die um einen europäischen Weg in die Zukunft ringen. Ort des Geschehens ist Brüssel. Hier sind die Institutionen der Staatengemeinschaft wie das europäische Parlament und der europäische Gerichtshof beheimatet. Der Sitz des europäischen Rates, wo Regierungschefs aller Mitgliedsstaaten gemeinsame Ziele festlegen und Ministertreffen sowie Gipfel mit Drittländern stattfinden, ist seit 2017 das sogenannte Europagebäude. Die Idee für den Neubau entstand im Rahmen der EU-Osterweiterung, die dafür sorgte, dass der alte Standort – das Justus-Lipsius-Gebäude – zu klein wurde. Dabei sollte der neue Bau nicht nur eine Landmarke innerhalb des europäischen Viertels in Brüssel werden, sondern vor allem ein identitätsstiftendes Statement für die Europäische Union sein.

Das Gebäude für den Europäischen Rat – eine Symbiose aus alt und neu

Um dies zu erreichen, stellte die belgische Regierung für einen symbolischen Euro ein Grundstück zur Verfügung. Den ausgelobten Wettbewerb gewann 2005 die Arbeitsgemeinschaft der Büros Samyn and Partners, Studio Valle Progettazioni und BuroHappold Engineering. Bestandteil des Siegerentwurfs war gemäß der Wettbewerbsvorgaben der zu Teilen denkmalgeschützte Résidence-Palast von 1927. Als luxuriöses Apartmenthaus von Architekt Michel Polak im Stil des Art déco errichtet, wurde der Komplex bereits in den 1940er-Jahren vom belgischen Staat zum Bürogebäude umgenutzt. Der von Philippe Samyn entworfene Neubau integriert den Palast, indem er den L-förmigen Bestand zu einem geschlossenen Gebäudeblock ergänzt. Führende Vertreter der EU-Organe, der Delegationen der Mitgliedstaaten und des Sekretariats finden seither in etwa 250 Büros des sanierten Altbaus Platz. Im Zentrum des Anbaus sitzt – der Schwerkraft trotzend – der neue Konferenztrakt des europäischen Rat.

Ein Gebäude wie eine Laterne

Gläsernes Herz, bauchige Spindel oder weiß gestreifte Vase wurde die gut 40 Meter aufragende Gebäudestruktur schon genannt. Welche Bezeichnung auch immer passend erscheint: Der elliptisch geformte Konferenztrakt beherbergt unterschiedlich große Sitzungsräume, ein Pressezentrum, eine Kantine unter der Erde und zwei Restaurants für Arbeitsessen unterm Dach. Zwischen Konferenzeinheit und Fassade spannt sich die repräsentative Eingangshalle auf und lässt der Spindelform ihren nötigen Wirkungsraum. Philippe Samyn beschreibt seinen Entwurf für das gebäude für den Europäischen Rat wie folgt: »Das Äußere ist wie ein Schirm, das Innere wie ein Leuchtkörper. Tagsüber sieht man den Schirm und nachts leuchtet die Lampe.«

Ob Innen- oder Außenraum, das Europagebäude versucht mit Transparenz und Mut zur Geste Spannung zu erzeugen und Kontraste sichtbar zu machen: Holz trifft auf Glas, historisches Dekor auf Hightech, geometrische Strenge auf organische Linienführungen. Bei der konkreten Innenraumgestaltung bildet eine insgesamt beruhigte Materialität einen Gegenpol zu den farbintensiven Grafiken, die der belgische Künstler Georges Meurant für ausgesuchte Decken, Böden und Türen entworfen hat, um die Vielfalt Europas darzustellen. Symbolcharakter hat auch die Fassade des Gebäudes des Europäischen Rat: Die freistehende Doppelfassade besteht aus einer beidseitig verglasten Stahlkonstruktion, deren innenseitige Primärstruktur schusssicher ausgeführt wurde. Dem vorgelagert, im Abstand von 2,70 Metern ist eine außen liegende Sekundärfassade montiert, die aus 3750 historischen Fenstern besteht.

250 Jahre alte Eichenfenster

Für diese gigantische Collage wurden bis zu 250 Jahre alte, einfach verglaste Eichenholzfenster aus sämtlichen EU-Ländern gesammelt, in Belgien umfangreich aufgearbeitet und zu großformatigen Fenster-Modulen zusammengesetzt, die dem Gebäude eine warme, geradezu goldige Note verleihen. Für das Team von Philippe Samyn ein positiver wie nachhaltiger Weg, ausrangierten Bauteilen ein zweites Leben zu geben: »Die Fassade liefert eine praktische wie philosophische Aussage über die Wiederverwendung traditioneller Konstruktionselemente. In der Tat werden viele alte Gebäude in den nächsten Jahren, auf Empfehlung der EU zur Energieeinsparung, neue Doppelverglasungen erhalten.« Ob diese Fassade als Sinnbild für Nachhaltigkeit gelten kann, muss dahin gestellt bleiben.

Der Europäische Rat: Nachhaltig in die Zukunft

Tatsächlich haben kritische Stimmen wie die Online-plattform Baunetzwissen die aufwendige Fassadenherstellung zum Anlass genommen, sich gegen »immer strenger werdende EU-Bestimmungen zum Energiesparen« auszusprechen, die unter anderem dazu führen »dass in unzähligen Gebäuden überall in Europa die alten Fenster ausgetauscht werden müssen. Die Folge ist in der Regel die Vernichtung von Material und solidem Handwerk, das Jahrhunderte lang ordentliche Dienste leistete.« Nichtsdestotrotz bildet die feingliedrige Außenhaut eine charmante wie detailreiche Ergänzung zur Art-déco-Fassade, an der immer wieder etwas Neues zu entdecken ist.

Nachweislich nachhaltig ist hingegen die Dachkonstruktion, die mit einem über Neu- wie Altbau scheinbar schwebenden Überdach 636 Solarkollektoren zur Stromversorgung des Gebäudes bereitstellt. Nicht nur hierfür, sondern für eine grundlegend große Sorgfalt im Bereich nachhaltiges Bauen gewann das Projekt bereits 2009 die Sonderausgabe des Green Good Design Award, der Chicago Athenaeum (Museum für Architektur und Design).

Etwa 321 Millionen Euro hat der neue Sitz des europäischen Rates schlussendlich gekostet. Das Ziel ein Gebäude mit hohem Wiedererkennungswert und Symbolcharakter zu realisieren, ist gelungen. Philippe Samyn wollte darüber hinaus ein Bauwerk erschaffen, dass fröhlich und zugleich respektvoll daherkommt, denn für ihn ist das Europagebäude Zeugnis und zugleich Zeitzeuge des Werdegangs Europas.

Weitere spannende Projekte: Über dem Hafen ein Luftschiff aus Glas


IMG_4812_hintergrund_be_ausschntt_heller.jpgFast schon ornamental erscheint Henriette Sofia Steuer die Fassade des Europagebäudes. Den Bezug zur Baugeschichtliche Europas findet sie ebenso selbsterklärend gelungen wie die damit ausgelöste Nachhaltigkeitsdebatte.


Steckbrief

Eine Kollaboration gewann 2005 den Wettbewerb für den Bau des neuen europäischen Rates:

Samyn and Partners
www.samynandpartners.com

Studio Valle Progettazioni
www.studiovalle.com

Buro Happold Engineering
www.burohappold.com

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