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Moderner Innenausbau in alter Bausubstanz

Moderner Innenausbau in alter Bausubstanz
Alte Hülle, neuer Kern

Alt und neu passen perfekt zusammen, insbesondere wenn sich Bestandsarchitektur mit modernem Innenausbau paart. Holz, Holzwerkstoffe und Trockenbau spielen dabei eine große Rolle. Sie bringen wenig Gewicht ein, sind stabil und auch noch variabel einsetzbar.

Bauen im Bestand gehört zu den wichtigsten Bauaufgaben unserer Zeit. Schließlich sind die meisten Gebäude hierzulande schon vor Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten errichtet worden. Eine Sanierung, oder ein Umbau bietet die Chance, fundierte Bauqualität mit modernem Innenausbau zu kombinieren.

Dieser Königsweg gilt nicht nur als nachhaltig und energieeffizient. Das Ergebnis ist meistens sogar kostengünstiger als Neubauten und führt häufig zu außergewöhnlicher Architektur. Als Ausbaumaterialien spielen dabei Holz und Holzwerkstoffe aber ebenso Trockenbaumaterialien wie Gipskarton und Gipsfaserplatten eine große Rolle. Die damit entstehenden Leichtbaukonstruktionen überfordern die Tragfähigkeit des Bestands nicht – und erlauben es somit, völlig neue Raumgefüge zu kreieren.

Living in the box

In einem Stadtteil Aschaffenburgs haben Architekt Stefan Seitz und sein Team mithilfe von clever ineinander verschachtelten Boxen eine ehemalige Lagerhalle in ein modernes Wohnhaus verwandelt. Das ursprünglich als Obst- und Gemüselager genutzte Objekt aus den 60er-Jahren war gewerblich nicht mehr sinnvoll nutzbar gewesen. Angesichts seiner außergewöhnlichen Lage inmitten eines innerstädtischen Wohnblocks wollten die neuen Eigentümer die Halle erhalten, aber zu einem Loft umbauen.

Die Planer gliederten den Raum mit drei vom Schreiner gebauten Boxen neu und schufen mit der Holzkonstruktion nicht nur Schränke und Sitznischen, sondern trennten damit auch das Schlafen, Bad und WC vom großzügigen Wohnraum ab.

Fast das gesamte Mobiliar ist in den Boxen integriert: Die Schlafzimmerbox aus Birke-Multiplex-Platten spannt sich als Alkoven schützend über das Bett. Sie bietet Stauraum und eine Sitznische in der Garderobe. In der blau lackierten Badezimmerbox finden sich Nischen für das WC, ferner sind die Dusche und der begehbare Kleiderschrank darin integriert. In der Küchenbox mit ihrer grau beschichteten Oberfläche steht üppig bemessener Stauraum zur Verfügung. Selbst an eine kleine Nische am Eingang mit Schlüsselablage und Handyladestation ist gedacht. Eine vierte Box durchstößt die Fassade. Sie schafft eine neue Eingangssituation und flutet durch ihre gläserne Haut das Zentrum des Gebäudes mit Tageslicht. Auf der freien Fläche in Richtung Gebäudeöffnung bleibt schließlich Platz zum Wohnen. Der alte Lastenaufzug dient als Getränkelager und die Laderampe wurde zur überdachten Terrasse.

Um die Boxen zu realisieren, setzte die Schreinerei Helfrich aus Glattbach auf eine Holzständerkonstruktion mit 14/10 cm starken Riegeln, deren Gefache mit Mineralwolle ausgedämmt wurden. Im Anschluss beplankten die Monteure das Gerüst zunächst mit Multiplexstreifen, bevor die Wandvertäfelungen verdeckt am Unterbau befestigt wurden. Für die Deckenkonstruktion der Boxen entwickelten die Handwerker eine Art Fachwerkträger mit Ober- und Untergurten aus Konstruktionsvollhölzern. Statt Diagonalen zogen sie zwischen beiden Gurten Spanplatten ein, in die kreisrunde Öffnungen gesägt wurden, um Gewicht einzusparen. Die eigentlichen Wandvertäfelungen bestehen aus Birke-Multiplex-Platten oder Mehrschichtplatten, die entweder lackiert oder mit Fenix beschichtet wurden.

Alle Einbauten wurden bewusst nicht raumhoch ausgeführt, damit sich das von der Fassade einfallende Licht gleichmäßig über alle Räume verteilen kann. Das Bad versorgt ein neues, zentral eingeschnittenes Oberlicht auf der Dachfläche mit Tageslicht. Für die abendliche Beleuchtung sind Leuchtkörper in die Boxen integriert. Sie sorgen je nach Anforderung für eine warme und behagliche Lichtstimmung oder eine helle, eher funktionale Ausleuchtung.

Durch solche Details ist nicht nur ein ungewöhnliches Wohnambiente entstanden. Der Erhalt der Gebäudesubstanz ersparte die Abfallentsorgung und viel graue Energie. Indem der Bauherr die Gebäudehülle dämmen ließ und die Energieversorgung auf moderne Heiztechnik umstellte, senkte er den Primärenergieverbrauch so sehr, dass der sanierte und energetisch optimierte Bestandsbau im Ergebnis nahezu den Energiestandard eines Neubaus erreicht.

Working in the box

Keine Wohnräume, aber moderne Büroräume und Raumlandschaften standen im Fokus einer anderen Umbauaufgabe. Ein Industriegebäude in der Münchner Zielstattstraße sollte revitalisiert und aufgestockt werden, wobei drei Geschosse zur Büronutzung für eine Versicherung umgebaut werden sollten. Dabei sollte der industrielle Charakter der bis zu 4,50 m hohen Räume beibehalten werden. Wie das Aschaffenburger Projekt wurde das Münchner Bauvorhaben zunächst ebenfalls bis auf den Rohbau rückgebaut und entkernt. Die neuen Räume wurden anschließend in Leichtbauweise aufgebaut. Zur Ein- und Unterteilung der Zimmer und Abteilungen favorisierten die Architekten Weickenmeier, Kunz + Partner Trockenbauwände in Kombination mit Glas. Ziel dieser Lösung war es, auf Änderungswünsche flexibel eingehen zu können und eine offene Raumgestaltung zu gewährleisten. Zudem sollten Blickbeziehungen zwischen den Arbeitsplätzen möglich sein und der großzügige Eindruck der Räume weiter bestehen bleiben bzw. sogar noch unterstützt werden. Technische Installationen wie Lüftungsleitungen sollten sichtbar im Raum verzogen werden. Große und kleine Besprechungs- sowie Arbeitsräume, »Bubbles« sollten in Form eines Raum-in-Raum-Systems eingestellt werden. Darüber hinaus war die Kombination mehrerer Kuben zu Raum-in-Raum-Landschaften gewünscht, die teilweise höhergestellt werden sollten, um Hochpunkte zu kreieren. Innerhalb der einzelnen Kuben sollte ein großer Anteil der Trockenbauwände durch Glasflächen ersetzt werden.

Für diese Bauaufgabe wählte der Bauherr das »K375.de Cubo«-Basis System von Knauf. Acht Raum-in-Raum-Systeme in unterschiedlichen Größen gestalten nun die auf drei Geschosse verteilte Bürolandschaft im Erdgeschoss. Grundsätzlich basieren die Einzelcubos auf einer Unterkonstruktion aus CW-Profilen 75 für die Wände und 2 UA-Profilen 100 für die freitragenden Decken. Als Beplankung dienen im Regelfall zwei Lagen 12,5 mm Diamantplatten. Diese wurden mit abgehängten Akustikdecken mit Quadratlochung komplettiert. Wo die aussteifende Wirkung der Gipsplatten aufgrund der hohen Glasanteile entfällt, erhielt das Cubo-System Unterstützung durch geschweißte Stahlleichtbaukonstruktionen. In Form von biegesteifen Rahmen wurden diese überall dort verbaut, wo die standardmäßig vorgesehenen Stützen aus statischen Gründen nicht eingesetzt werden konnten. Ihre Montage übernahm die mit den Trockenbauarbeiten betraute Probat Bau AG und wickelte sie parallel zum Aufbau der Cubo-Konstruktionen ab. Nach der Endmontage wurden die Gipsplatten in Q3 Qualität endbehandelt und gestrichen.

Der größte Cubo ist 3,80 m tief, 7,30 m lang und 3,50 m hoch. Die größte Cubo-Landschaft erstreckt sich über 5,40 m Tiefe und eine Länge von 13,20 m.

Multitasking auf der Treppe

Um den optischen Höhepunkt ging es auch Schoener und Panzer Architekten BDA, als sie den Auftrag erhielten, ein marodes Wohnhaus der Stadt Dommitzsch zur neuen Touristeninformationsstelle umzubauen. Um freie Sicht auf das Gebälk des spätbarocken Mansarddachs zu ermöglichen, wurde das Gebäude komplett entkernt. Darunter einziehen sollten ursprünglich lediglich eine Theke und ein paar Regale. Genug für eine Touristeninformation, aber zu wenig für den Raum. Daher schufen die mit dem Projekt betrauten Schoener und Panzer Architekten ein Raummöbel in Form einer Treppenlandschaft aus Eschenholz, die den Raum diagonal unterteilt – und daneben Platz für Nebenräume und eine Empore für Veranstaltungen schafft. Dazu faltet sie sich vom Parterre den Tresen entlang bis zur Galerie empor, lässt unterwegs eine Tapetentür in der Wand verschwinden und bildet nebenan auch noch Sitzstufen aus.

Während der Zimmermann die Unter- und Befestigungskonstruktion der Galerie baute, übernahm Erik Pomplitz, Meister und Gestalter im Handwerk der lignum manufactur GmbH, den Rest. Im Betrieb fertigte der Tischler mit seinem Tischlerlehrling Lorenz Pomplitz zunächst die Treppenunterkonstruktion aus Konstruktionsvollholz vor. Vor Ort bauten die beiden die Elemente im Anschluss auf und beplankten sie zunächst mit einer Lage 22 mm OSB-Platten. So entstand ein stabiler Untergrund für die Außenhaut aus Eschenholzlamellen, die nun – Stück für Stück – von der Rückseite der Unterkonstruktion aus verschraubt wurden. Die fertigen Oberflächen erhielten noch ein Finish aus weiß pigmentiertem Öl. Und die Reste der Lamellen verarbeiteten die Schreiner noch in kleine Souvenirs für die Touristeninformation – vom Schneidebrett bis zum Schlüsselanhänger – und rundeten so ihr Leiste für Leiste entstandenes Projekt nochmals ab.


Christine Ryll ist Architektin und schreibt als Architekturjournalistin über die Themen Bau, Architektur und Immobilien. In dds hat sie bereits häufiger ausgefallene oder besondere Treppen vorgestellt.

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