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Die Tischlertekten sind jetzt CO2-neutral

Die Tischlertekten haben ihren Betrieb zertifizieren lassen
Was heißt CO2-neutral?

Die Tischlertekten aus Großmaischeid im Westerwald sind seit dem vergangenen Jahr ein CO2-neutraler Betrieb. Doch was heißt das eigentlich genau? Wie aufwändig ist das Procedere und was bringt dem Unternehmen das Ganze? Ein Besuch vor Ort.

Frank Gross bittet den Besucher in den Besprechungsraum mit dem großen Altholztisch und macht Kaffee. Der Automat schnurrt, während der Schreinermeister durch das große innenliegende Fenster in die Werkstatt blickt. Gross ist einer der beiden Geschäftsführer der Tischlertekten, einer Tischlerei mit sieben Mitarbeitern im Herzen des Westerwaldes. Sein Geschäftspartner Eric Schaaf ist krank: Corona. Er wird sich im Nachgang noch bei einer Teams-Sitzung dazuschalten.

Die Tischlertekten sind seit 2021 CO2-neutral. Bestätigt durch ein Siegel des Beratungsunternehmens »Geht doch!«, das den CO2-Fußabdruck nach dem standardisierten und anerkannten »Greenhouse Gas Protocol« (GGP) berechnet hat. Was das genau heißt, erklärt Frank Gross, dem Besucher, nachdem dieser mit Kaffee versorgt ist, so: »Alle Emissionen der fossilen Brennstoffe, die wir direkt im Betrieb verbrauchen, werden erfasst. Das betrifft z.B. die Heizung, aber auch die Fahrten der Mitarbeiter zur Baustelle. Außerdem indirekte Emissionen, die durch zugekaufte Energie wie Strom verursacht werden, durch zugekaufte Waren und Dienstleistungen und durch die Fahrten der Mitarbeiter zur Arbeit. Die Gesamtmenge an CO2, die so durch unseren Betrieb verursacht wurde, lag 2021 bei 36 t. Diese Menge haben wir durch den Kauf von Zertifikaten eines Aufforstungsprojektes in Costa Rica kompensiert und können uns somit als »CO2-neutrales Unternehmen bezeichnen«.

Vermeiden und reduzieren

Klingt einfach, beinhaltete im Detail jedoch einiges an Arbeit. Denn oberstes Prinzip beim Thema Nachhaltigkeit ist, so erklärt Berater Helmut Frorath: »Vermeiden, reduzieren und dann erst kompensieren«. Frorath begleitet mit seinem Unternehmen »Geht doch!« die Tischlertekten auf ihrem Weg. Er ist beim dds-Besuch in Großmaischeid dabei und kennt den Betrieb sehr gut.

Frank Gross und Eric Schaaf nahmen 2020 zunächst ein Energieaudit bei einem Bafa-Berater in Anspruch. Kostenfaktor: 5000 Euro, der Löwenanteil davon gefördert. Ziel war im wahrsten Sinne des Wortes eine »Standortbestimmung«: den energetischen Istzustand des Betriebes ermitteln, Maßnahmen zur Energieeinsparung identifizieren und Vorschläge für die Umsetzung erarbeiten. Auch die Förderfähigkeit der Maßnahmen wurde mit untersucht.

Das Energieaudit und das daraus resultierende Zahlenwerk war die Grundlage für die Berechnung des CO2-Fußabdrucks und die Basis für alle weiteren Entscheidungen. Frank Gross: »Damit hatten wir zum ersten Mal einen Überblick über die Größenordnungen unserer Verbräuche und wussten, wo wir ansetzen müssen.« So zeigte sich z.B., dass die Installation einer Photovoltaikanlage mit 30 KWp auf dem Werkstattdach auch wirtschaftlich sehr interessant ist. Die Anlage reduziert den Fremdstrom-Bedarf der Schreiner auf rund 40 % und wird sich nach 6 Jahren amortisiert haben. Die Heizung hatte der Betrieb schon 2015 komplett auf Hackschnitzel aus eigener Produktion umgestellt, sodass hier kein Handlungsbedarf bestand. Erst nachdem der Energieverbrauch also weitestgehend reduziert war, wurde die verbleibende Menge an CO2-Emission (Scope I, II und teilw. III nach GGP) ermittelt und kompensiert.

36 t CO2 – ist das viel?

Die Tischlertekten verursachen also 36 to CO2. Was man wissen muss: dieser Wert und damit auch der Begriff »CO2-neutral« bezieht sich auf das Unternehmen, nicht auf die gefertigten Produkte! Die Möbel, die die Tischlertekten bauen, sind also nicht CO2-neutral, lediglich ihre Herstellung ist es. Die Möbel mit all ihren Materialien, Beschlägen, Lacken usw. müssen gesondert betrachtet werden. Wollte man diese berechnen, benötigte man die Kennzahlen jedes einzelnen Vormaterials, jedes Einbauteils usw. Ausnahme: Ein Lieferant liefert CO2-neutral gestellte Produkte. Diese müssten in die Rechnung dann nicht miteinbezogen werden.

Vom Betrieb zum Produkt

Um überhaupt mal eine Vorstellung davon zu bekommen, für wieviel Tonnen CO2 die im Betrieb hergestellten Produkte verantwortlich sind, hat Berater Helmut Frorath ein Beispiel parat. Er hat eine Massivholzküche, die die Tischlertekten produziert haben, überschlägig berechnet. In der Summe lag sie bei rund 15 to CO2. Das Interessante daran: Holz, Holzwerkstoffe, Oberflächenmaterial und Beschläge machten weniger als 10 % aus. Den Löwenanteil mit über 90 % verursachen die eingebauten Elektrogeräte. Geht man rein rechnerisch einmal davon aus, dass die Tischlertekten zwei Küchen pro Monat produzieren, kämen man auf 360 to CO2 (24 Küchen x 15 t) pro Jahr. Also in etwa Faktor 10 im Verhältnis zu den Emissionen des Betriebes.

An diesem einfachen Beispiel lässt sich zweierlei verdeutlichen. Erstens: »CO2-neutrales Unternehmen« zu sein ist gut, aber genau genommen erst der Einstieg in das Thema Nachhaltigkeit. Interessant wird es bei den Produkten. Und zweites: Die Emissionsberechnung auf Produkteebene ist komplex, besonders für Unternehmen wie eine Tischlerei, da die Produkte sehr unterschiedlich sind und häufig wechseln. Für Serienprodukte ist die Sache naturgemäß einfacher. So sieht man z.B. CO2-neutral produzierte Bücher schon recht häufig, auch CO2-neutrale Dienstleistungen wie z.B. die Paketzustellung werden angeboten.

DGNB, LEED und BREEAM

Im Bausektor ist Berechnung der CO2-Emissionen auf Produkt bzw. Projektebene insofern bereits Realität, als hier ganze Gebäude nach aufwendig berechnet werden und allgemein anerkannten Kriterien z.B. der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen DGNB (international nach LEED oder BREEAM) zertifiziert werden. Für große Bauträger, Immobiliengesellschaften etc. ist das teilweise Voraussetzung, um das entsprechende Kapital von den Banken zu bekommen. Produkte, die in diesem Gebäude verbaut werden, müssen zwingend über Umweltdeklarationen, sog. EPDs, verfügen, damit der Auditor der Zertifizierungsgesellschaft die Datenbasis für seine Berechnungen hat (EPD = Environmental Product Declaration). Diese EPDs beinhalten jedoch nicht nur Informationen zu den CO2-Emissionen, sondern gehen weit darüber hinaus. Viele weitere Themen wie Wasserverbrauch, Schadstoffemissionen, Recycling u. Ä. fließen in die Betrachtung mit ein. Denn ökologische Nachhaltigkeit ist mehr als CO2!

Nachhaltigkeit ist mehr als CO2

Und selbst das komplette Thema Ökologie ist in der Gesamtbetrachtung wiederum nur ein Aspekt. Denn »Nachhaltigkeit« bedeutet, da ist man sich international weitgehend einig, dass Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit im Einklang sind. Nur wenn alle drei Aspekte gleichermaßen berücksichtigt sind, ist ein Unternehmen langfristig überlebensfähig – und nachhaltig.

Sogar noch einen Schritt weiter geht die Idee der »Gemeinwohlökonomie«. Oberstes Ziel ist nicht mehr die Mehrung des Gewinns, sondern die Ermöglichung eines guten Lebens für alle. Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich als eine ethische Marktwirtschaft, die Solidarität und Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt. Die ökologische Nachhaltigkeit wird hier also um die Aspekte Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit und demokratische Mitentscheidung erweitert.

Für Frank Gross und Eric Schaaf in Großmaischeid ist das noch Zukunftsmusik. Wichtiger für sie, jetzt und hier: überhaupt den Einstieg in das komplexe Thema Nachhaltigkeit gewagt zu haben. Nicht aus irgendeiner Marketingüberlegung heraus, sondern deshalb, weil es ihren eigenen Idealen entspricht. »Dass wir uns auf diesen Weg gemacht haben, hat unser Selbstverständnis und das unserer Mitarbeiter bereits jetzt verändert«, sagt Frank Gross zum Abschied. »Schlussendlich spüren auch unsere Kunden. Die merken: Wir machen uns Gedanken, um die Auswirkungen unseres Tuns und erkennen das an«.


dds-Autor Hans Graffé besuchte die Tischlertekten gemeinsam mit Berater und DGNB-Auditor Helmut Frorath. Die Beiden kennen sich vom Holztechnik-Studium in Rosenheim in den Achtziger Jahren.


Steckbrief

Die Tischlertekten Co. KG
Sayntalstraße 12
56276 Großmaischeid-Kausen

www.tischlertekten.de


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