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Die Schreinerei Würzburger erzeugt Strom durch eine Dampfmaschine

Die Schreinerei Würzburger erzeugt Strom durch eine Dampfmaschine
Nur Sonne und Holzreste

Die Schreinerei Würzburger von Felix und Ralf Hinderer wird zum eigenständigen Strom- und Energieversorger. Die Münchner betreiben künftig eine Dampfmaschine über einen Holzkessel und produzieren damit den fehlenden Strom, den die Sonne übers Dach nicht liefert.

In München-Obersendling fertigt die Schreinerei Würzberger hochwertigen Innenausbau mit 48 Mitarbeitern. Der Betrieb von Felix und Ralf Hinderer benötigt etwa 220 000 kWh Strom im Jahr. Diese Menge produziert die PV-Anlage mit 900 m² auf dem Dach – aber eben nicht immer dann, wenn der Strom gebraucht wird. Eine Zwischenspeicherung über Batterietechnik machte wegen der extremen Investitionssumme keinen Sinn. Bei der Betriebsgröße mit zwei durchgängig laufenden CNC-Bearbeitungszentren fallen enorm Späne, Stäube und Holzreste an, deren thermische Nutzung selbst in der Winterzeit nicht bewältigt werden kann. So reifte die Überlegung, ob das anfallende Restholz- und Späneaufkommen nicht in die fehlende Strommenge gewandelt werden kann. Alles lange vor der aktuellen Zuspitzung der Energiesituation und der Notwendigkeit, energetisch autarker zu werden.

Seniorchef Ralf Hinderer, längst aus dem Tagesgeschäft raus, stieg ein in die Recherche nach Möglichkeiten der Stromgewinnung ergänzend zum Solardach. Das Abgeben von überschüssigem Strom an die Stadtwerke und das Zurückkaufen der Menge in den Nichtsonnenzeiten hat bisher ein teures Ungleichgewicht.

Für die benötigte Anwendungsgröße einer Schreinerei wie der Hinderers gibt es erstaunlicherweise bisher nichts Geeignetes am Markt. Entweder man spielt in einer viel größeren Dimension an Leistungserzeugung oder begnügt sich letztlich doch nur mit Warmwasserproduktion.

Pioniergeist ist gefragt

Über den Projektierungspartner Enbekon kamen die Hinderers mit Vukman Cejovic zusammen, der in Zürich den Sitz seines Unternehmens Cejovic Engineering hat. Der Herzblutingenieur befasst sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Stromerzeugung, setzt aber anders als viele investorengetriebene Start-ups nicht auf »Fantasieprodukte«, sondern als Kernelement solch einer energetischen Anlage auf eine Dampfmaschine, wie sie schon seit 200 Jahren in Dampflokomotiven zum Einsatz kommt. Klassische, robuste Technik gepaart mit modernen Zutaten. Damit solch eine Anlage nicht nur ein paar Jahre reibungslos läuft, bedarf es einer langsam laufenden Dampfmaschine (300 Umdrehungen/min) und einer großen Masse des Schwungrades, bewegt durch eine Kolbendampfmaschine mit geeigneten Zylindern.

Der elektrische Wirkungsgrad von 12 Prozent klingt nicht hoch bei der 12-kW-Anlage, eingebettet in das Gesamtkonzept erreicht der Wirkungsgrad 92 Prozent. Im Winter wird mit der Abwärme geheizt, im Sommer wird über die Absorptionskälteanlage klimatisiert. Hier ist vorteilhaft, dass der Werkstattbau der Hinderers vorausschauend über eine Betonkerntemperierung verfügt. Kilometerweise Schläuche hatten die Bauherren vor dem Betonieren des Gebäudes eingelegt, die in 200 Kreisläufen steuerbar sind.

Betonkerntemperierung hilft

Inwieweit die Abwärme der Stromerzeugung künftig für Trockenräume und die große Lackiererei ergänzend eingesetzt wird, bleibt noch offen. Zuerst muss die Anlage in Betrieb gehen – klassisches Einsatzgebiet der Abwärme ist in Sägewerken die Holztrocknung. Die individuellen Komponenten für das Kraftwerk der Schreinerei Würzburger sollen bis Juli gefertigt sein und dann einen Testlauf absolvieren, bevor sie angeliefert und eingebaut werden.

Der bisherige 250-kW-Kessel – völlig überdimensioniert – wird durch den neuen Dampferzeugerkessel mit 100 kW ersetzt. Die thermische Leistung mit 95° C Warmwasser sind 80 kW, die elektrische Leistung 12 kW. Als Brennmaterial werden das anfallende Sägemehl und Hackschnitzel genutzt. Die Anlage besteht aus dem Dampfkessel für ca. 110 kg Dampf pro Stunde mit einem Dampfdruck von 16 bar und einer Dampftemperatur von 250 °C. Die Dampfmaschine ist langsam laufend mit zwei Zylindern. Verschiedene Elemente wie Speisewasserpumpe, Kondensator mit Kondensatpumpe, Wasseraufbereitung, die Armaturen und Steuerungen sowie die Absorptionskälteanlage sind ergänzende Bestandteile.

Die Entscheidung für dieses Konzept in einer Größenordnung von etwa 300 000 Euro (Gesamtmaßnahme mit Heizraum, Klima, Luft-/Abluftanpassungen) beruht auf der sehr langen Lebensdauer wegen der niedrigen Drehzahl der Dampfmaschine und die extrem robuste Konstruktion von Kessel und Dampfmaschine mit geringem Serviceaufwand und niedrigen Servicekosten. Weil die Anlage 8400 Stunden pro Jahr arbeiten soll, wurde besonderer Wert auf die Langlebigkeit und Zuverlässigkeit gelegt. Die Konstruktion der Anlage hat mehrere Innovationen und ist in dieser Art einzigartig in der Welt nach Aussage von Vukman Cejovic.

Im Gespräch machten Felix und Ralf Hinderer wie auch Vukman Cejovic einen absolut überzeugten Eindruck von ihrem Projekt, gepaart mit viel Pioniergeist und unternehmerischem Entscheidungswillen.

Wir freuen uns schon darauf, nach der Inbetriebnahme und einer mehrmonatigen Laufzeit die Münchner zu besuchen und in dds über die dann gesammelten Erfahrungen zu berichten.
– Hubert Neumann, dds-Redakteur


Steckbrief

Schreinerei Würzburger
Felix und Ralf Hinderer
Blieskastelstraße 10
81379 München
www.schreinereiwuerzburger.de

Projektierungspartner:
Enbekon GmbH, Puchheim
www.vr-enbekon.de

Anlagenbau/Dampf-/Stromerzeuger
Cejovic Engineering
Dipl. Ing. Vukman Cejovic
cejovic.engineering@gmail.com


»Bisher liefert unsere PV-Anlage 220 000 kWh Strom im Jahr – unser Jahresbedarf. Allerdings nicht passend zum richtigen Zeitpunkt! Der Strom der Dampfmaschine soll das künftig kompensieren.«

Felix und Ralf Hinderer, Schreinermeister


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