Marktnische: Alphörner vom Schreiner

Holzprofi mit Blechlizenz

Andreas Bader hat sich auf eine interessante Nische spezialisiert: den Alphornbau. Dazu musste er eine Zusatzausbildung machen, denn das ehemalige »Handy der Alpen« ist zwar aus Holz, aber trotzdem ein Blechblasinstrument.

Mara Sander, freie Journalistin

Grafenberg – der Name seines schwäbischen Heimatortes passt zu dem, was der gelernte Schreiner Andreas Bader fertigt: Alphörner. Denn früher wurden diese Instrumente fast nur auf einem Berg zur Verständigung der Hirten untereinander und hinab ins Tal genutzt. Man könnte sie als damaliges »Handy der Alpen« bezeichnen, da sie vorwiegend der Kommunikation dienten, als es auf den Bergen noch keine Telefonverbindungen gab.

Doch das ist keineswegs der Grund, warum der bodenständige Schreiner statt »Mobiliar oder Einrichtungen« seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten die Alphörner fertigt. Der liegt auf der Nutzung als Musikinstrument mit Naturtönen, das ihn schon in jungen Jahren faszinierte. Zunächst baute er als Schreinergeselle Alphörner in seiner Freizeit, bevor er sich dann mit dieser Spezialisierung in die Selbstständigkeit wagte. Seitdem hat er sich damit weit über die Grenzen des Landes hinaus in der Szene einen Namen gemacht. Dafür musste er eine Ausbildung als Metallblasinstrumentenmachermeister, Fachrichtung Alphorn, machen, denn als Schreiner durfte er Alphornbau nicht als Gewerbe anmelden. Grund dafür ist, dass das Alphorn zwar aus Holz gefertigt wird, aber zur Gattung der Blechblasinstrumente gehört, »denn nicht das Material ist entscheidend, sondern wie das Instrument angespielt wird«, erklärt der musikalische Schreiner den Unterschied. Querflöte sei ein Holzblasinstrument, obwohl sie äußerlich aus Metall gefertigt ist, nennt er ein weiteres Beispiel.

Maßgeschreinerter Alphornbau

Sein erstes Alphorn, das er für sich selbst gebaut hat und heute eine Wand im Treppenhaus schmückt, »tut zwar noch, aber das kann man nicht mit dem vergleichen, was ich heute baue. Das ist sozusagen eine ganz andere Liga.« War vor fast 20 Jahren alles reine Handarbeit, nutzt er heute außerdem die CNC-Technik zum Ausfräsen der »Becher« in Halbschalen. Aber er produziert weder auf Vorrat noch auf Bestellung per Internet. »Das Alphorn ist kein Masseninstrument.« In seinem Webshop gibt es nur Zubehör zu kaufen. »Es ist mir sehr wichtig, dass die Kunden meine Instrumente ansehen und ausprobieren. Handwerkskunst statt Montagebetrieb ist mein Motto.«

Bergfichte aus den Alpen

Dafür kauft er Holz in Südtirol ein, sucht die Stämme selbst aus, die in etwa 2000 Meter Höhe gewachsen sind. Ausgesuchtes Holz ist wichtig für den späteren Klang. »Meist sind es 400 bis 500 Jahre alte Fichten«, beschreibt er das sehr langsam und kerzengrade gewachsene Bergfichtenholz. Ein auf Instrumentenholz spezialisiertes, staatliches Sägewerk macht daraus Bretter, die er selbst nach Grafenberg transportiert, wo sie noch vier bis fünf Jahre lagern müssen und dann technisch nachgetrocknet werden. Erst danach kann er sie verarbeiten.

»Ich benötige etwa sechs Kubikmeter pro Jahr, fünfeinhalb davon sind am Ende Abfall«, sagt er lachend dazu, dass er ja Hohlkörper baut, das meiste also nicht verwendet wird. Pro Jahr sind nicht mehr als etwa 40 bis maximal 50 Alphörner möglich. Für ein Instrument benötigt er insgesamt etwa 60 Stunden. Allein das Umwickeln mit Peddigrohr in Handarbeit dauert einen ganzen Tag. Da die Instrumente wegen der Trocknungszeiten beim Verleimen nicht eins nach dem anderen gebaut werden können, hat er immer jeweils fünf bis sieben Alphörner gleichzeitig in Bearbeitung. Becherrand, Ringe und Füße fertigt Bader vorwiegend aus Kirsche oder Nussbaum, Mundstücke aus Elsbeere. Das fertige Alphorn ist etwa 3,60 Meter lang und wiegt rund 3,5 Kilogramm.

Da die Länge oft Probleme beim Transport macht, hat Bader mit Unterstützung des Musikhauses Beck im nahen Dettingen/Erms drei- und vierteilige Instrumente entwickelt. Die einzelnen Teile werden mit selbst gefertigten Verbindungsbuchsen zusammengefügt. Das neueste Modell besteht sogar aus acht Elementen. »Das nenne ich Flughorn, weil es als Handgepäck im Flieger zugelassen ist.« So kann jeder Musiker mit seinem Alphorn auf Reisen gehen und in der ganzen Welt musizieren.

Mit dem Flughorn in die weite Welt

Das »Flughorn« ist nur ein Beispiel dafür, dass der Alphornbauer gerne unkonventionelle Wege geht. »Geht nicht« ist für ihn keine Endstation, sondern eine spannende Herausforderung. Dafür tüftelt er so lange, bis es geht. So entstand nicht nur das Alphorn zum Zusammenschrauben, sondern auch manches Zubehörteil, vom Notenständer aus Holz bis zum Mundstück nach Kundenwunsch.

14-Stunden-Arbeitstage sind bei ihm fast an der Tagesordnung, aber nicht, um möglichst viel Geld zu verdienen, sondern »weil es für mich nichts Wichtigeres gibt als Alphorn und Familie.« Darum hat er seine Werkstatt auch dort, wo er mit der Familie wohnt, ist aber trotzdem nicht immer dort anzutreffen, denn wenn er gerade kein Instrument baut, bringt er mit seiner Gruppe »Alphorngaudi« sein eigenes Instrument zum Klingen. »Das Spielen macht brutal Spaß. Wir probieren Neues aus und verstehen uns einfach gut«, strahlt er bei dem Gedanken an die gemeinsamen Auftritte auf Festen, Veranstaltungen, bei Familien- und Vereinsfeiern und Konzerten. Aber wer dahinter Hirtenromantik und Echo der Berge vermutet, würde sich wundern, denn das Repertoire umfasst Tango, Blues, Walzer, Polka und auch Jazz.

Die Seele schwingt mit

Selbst Alphorn zu spielen, ist für den bodenständigen Handwerker eine ideale Ergänzung zu seinem Beruf, bei dem er Holz in doppeltem Sinn zum Klingen bringt. Ein Fehler in der Bearbeitung würde das verhindern, aber wenn ein Instrument perfekt klingt, ist das erlebbarer Erfolg. Es freut ihn, wenn er als Musiker mit den erzeugten Naturtönen die Herzen der Menschen berührt. Genau das ist der Grund, warum Alphorn im Trend liegt: Naturtöne in einer technisierten Welt bringen offensichtlich auch die Seele zum Klingen.

Alphornbau aus dem Berchtesgadener land: https://www.dds-online.de/technik/maschinen-werkzeuge/der-berg-ruft-2/

 


Steckbrief

Alphornbau Andreas Bader, 72661 Grafenberg,
www.alphornbau.com

Das Repertoire des Quartetts Alphorngaudi kennt keine Grenzen, ob Polka, Charleston, Tango, Blues oder auch Jazz. Man kann die Gruppe für die unterschiedlichsten Anlässe buchen. Videos stehen auf der Webseite www.bader-alphorngaudi.de

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