Meisterstücke

Eigentlich ein schönes Stück!

Der Schminktisch von Manuel Deryckere gefällt durch seine Polarität: Das Gestell aus Eschenholz umfasst den in Räuchereiche furnierten Korpus wie einen kostbaren Kristall. Die Funktionen des Möbels findet Ursula Maier aber noch nicht zu Ende gedacht.

Eigentlich hat das Möbelstück eine aparte Form: Es zeigt eine schöne Holzauswahl mit exponierten klassischen Holzverbindungen des Gestells und dem eingeschobenen Korpus. Ich frage mich nur, warum die Benutzbarkeit unter der gewählten Konstruktion derart leiden muss? Gut, die Klappe mit integriertem Spiegel ist typisches Merkmal eines Schminktisches. Der Stauraum darunter ist durch die Orientierung der Schubladen hier aber nur bedingt nutzbar: Ablegen lässt sich dort nur etwas, wenn beide Schubladen geschlossen sind, es lässt sich jeweils nur eine Lade ganz öffnen und das auch nur, wenn zuvor die Klappe geöffnet wird. Wozu diese Einschränkungen?

Die Schubladen sind mit Filz ausgelegt, vermutlich wurde hier an Schmuck gedacht. Tiegel müssen also einen eigenen Behälter haben, der gut zu reinigen ist. Die Schminkutensilien dürfen nicht höher als 93 mm sein; höhere Flakons oder Dosen müssen leider oben beidseitig der Klappe stehen, was die Ästhetik des Möbels nicht fördert. Die Klappe ist recht schwer. Von Spiegel und Winkelblende muss die Benutzerin das Gewicht anheben und die Klappe vorsichtig gegen das scharfkantige Rahmengestell lehnen, damit sich die Kante nicht abzeichnet. Beim Schließen muss sie noch sorgsamer vorgehen, zumal die schwere Klappe auf einer verkürzten Gehrungskante aufliegt. So kann es leicht passieren, dass sich Platte und Front an der Gehrung aufspalten. Bei einer frontalen Anordnung der Schubladen hätte man den Drehpunkt der Klappe einrücken und ihr Gewicht durch ein Gegengewicht ausgleichen können – die Klappe läge dann beidseits auf Mittelleisten auf, der Spiegel wäre nach Wunsch verstellbar. War es die Angst vor der Statik, die zu der aktuellen Lösung geführt hat? Für mich ist der schöne Entwurf an dieser Stelle nicht zu Ende gedacht!

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Ursula Maier, Markgröningen, Maître Ébéniste und Innenarchitektin BDIA. Die Unternehmerin hat ihren Betrieb um ein Einrichtungshaus sowie ein Büro für Innenarchitektur erweitert und 2007 an die vierte Generation übergeben.

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