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Kein Klischee – gelebte Qualität

Innenausbau
Kein Klischee – gelebte Qualität

Das Handwerk und die Architektur in Vorarlberg erfahren international viel Aufmerksamkeit. Der Architekt und gelernte Tischler Georg Bechter zeigt beim Umbau seines Vorderwälder Langhauses, wie mit dem Einsatz einfacher Materialien erfrischender Lebensraum entsteht.

Eleganz des Einfachen – Im Vorwort des Buches »eigen + sinnig« über das Handwerk und die Gestaltung im Bregenzerwald schreiben die Autoren Florian Aicher und Renate Breuß: »Etwas Zauberhaftes, schwer zu Benennendes liegt über dem Bregenzerwald: die Eleganz des Einfachen. Hier, in alpiner Gebirgslandschaft, hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Kultur des Bauens und Wohnens entfaltet, die sinnenfällig ist und mittlerweise auch internationales Aufsehen erregt. Handwerkliche Fertigung in mittelständischen Betrieben mit höchsten Ansprüchen an Verarbeitung und Gestaltung sind zu einem Markenzeichen geworden – und zu einem wichtigen regionalen Wirtschaftsfaktor.« Die Autoren fassten 2005 die Entwicklungen und den Aufbruch ab den 1980er Jahren in Vorarlberg zusammen.

Einfach Nachdenken
Zehn Jahre später entstand in diesem Kontext der Baukultur des Bregenzerwaldes durch Georg Bechter, einem gelernten Tischler und Architekten, eine Zuspitzung dieser Eleganz des Einfachen. Auf die Frage, wie sein in seiner Einfachheit so spektakulär wirkender Umbau eines klassischen Vorderwälderhauses entstand, antwortet er: »Einfach nachdenken!« Das Nachdenken bezieht sich nicht nur auf außergewöhnliche konstruktive Baulösungen, sondern auch auf das sich Besinnen auf den Schatz der vielen Generationen zuvor lebenden Handwerker und Baumeister.
Uneingeschränkter Panoramablick
Die Geschichte des Bauernhauses geht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Es steht frei am Südhang, eingebettet in die umliegende sanfte Berglandschaft des vorderen Bregenzerwaldes. Die Bauernhäuser dort prägen die Landschaft. Zunehmend werden die Scheunen nicht mehr gebraucht und meist zu Wohnzwecken umfunktioniert. So auch bei diesem Haus, welches den Charakter des traditionellen Langhauses übernimmt. Befindet man sich in den ehemaligen Stallungen des Hinterhauses öffnet sich einem (fast) uneingeschränkt ein Panoramablick auf die Berglandschaft. Die nach Süden orientierte Fensterfront von 8 x 4 m wird nur durch drei bis an die Grenzen der Statik reduzierte Holzstützen unterbrochen. Jede trägt eine Last von 10 t. Die auf eine Rundform gedrechselten Weißtannensäulen bieten den perfekten Lichteinfall. Das Licht schmiegt sich um die gerundete Form. Oben und unten ist der Durchmesser bis auf 12 cm reduziert, in mittiger Höhe, dort wo die höchsten Ausknickkräfte und Belastungen durch den Winddruck auftreten, ist er entsprechend größer. Im Sommer kann die untere Hälfte der Fensterelemente hochgefahren werden. Der Wohnraum verschmilzt so mit dem Außenraum, der sich über Sitzstufen der Landschaft öffnet. Möglich wird dies durch vom Bauherrn gemeinsam mit Tischlermeister und Fensterbauer Manfred Bischof entwickelte Sonderkonstruktionen aus Seilzügen und ausgeklügelten Gegengewichten, die die Elemente auf- und abbewegen. Herausfordernd bei schwergewichtigen Isolierglasformaten von 2 x 2 m, teils mit integrierter Terrassentür.
Gelungenes Wohnexperiment
Auch von der Galerie aus zieht es den Blick nach draußen – ob aus dem Bett, der Badewanne oder vom Schreibtisch aus. Der »Einwohnraum« ist als Loft ein offener Raum ohne Wände – einzig eine eingestellte Box integriert die Treppe zum Galeriegeschoss, darunter das WC. Aufgebaut ist das Galeriedeck aus lose aufgelegte Bohlen aus Weißtanne in 11 cm Dicke, die seitlich über Zapfen gegen Aufwerfen gefeit sind. Der Verzicht auf parallele Besäumung erzeugt konische Formate mit wenig Flächenverschnitt. Trotz natürlicher und künstlicher Trocknung schwinden solch breite Querschnitte nach. Hier hilft ein Kunstgriff der lokalen Handwerkertradition. Vier Bohlen in »Keilform« wurden vorspringend gesetzt, wie das Bild oben zeigt. Entstehen durch das Schwinden Fugen sorgt ein (massives) Nachklopfen der vier »Bodenkeile« wieder für ein sauber geschlossenes Galeriedeck.
Dieses Loft ist ein Statement, dass Wohnen auch mit einfachen Mitteln hohe Wohnqualität hervorbringt. Der Raum bietet Platz für verschiedene Lebenssituationen. Ein Grundgerüst, das variabel nutzbar ist und als Atelier dienen, aber auch weiter ausgebaut werden kann. Die einfache, mit mineralischer Farbe veredelte Rohkonstruktion prägt den Raumcharakter. Roh, und kostengünstig – dabei allen ökologischen Standards gerecht werdend.
Die Bäume, Weißtanne für den Holzbau und Ulme für die Tischlerarbeiten, wurden im Wald der Familie ausgesucht, unter Berücksichtigung des forstwirtschaftlichen Mondkalenders geerntet, zur Säge gebracht und von den örtlichen Zimmerern und Tischlern bearbeitet. Keine fünf Kilometer wurden sie von ihrem Ursprungsort transportiert, um nach hundertjährigem Wachstum für viele Jahrzehnte einen nachhaltigen Lebensraum zu schmücken.

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dds-Redakteur Hubert Neumann, Gestalter der Fachrichtung Holztechnik und Schreinermeister, kennt Vorarlberger Bauernhäuser als Quartiere aus dem Skiurlaub. Georg Bechter beeindruckt ihn mit Gebäude- und Möbelentwürfen.

Steckbrief

Entwurf und Planung: Georg Bechter, Architektur + Design, www.bechter.eu
Holzbau: Zimmerei Nenning, www.zimmerei-nenning.com
Tischlerarbeiten: Tischlerei Bereuter, www.tischlereibereuter.at.
Fensterbau: Manfred Bischof, Tischlermeister, www.tischler-bischof.at

Georg Bechter

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Der Architekt und Tischler erhielt viele Auszeichnungen für seine Architektur – und für sein Möbel- und Produktdesign.
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