Gesellenstücke der Tischlerinnung Berlin 2018

Freude am Handwerk

In zwei Beiträgen zeigen wir eine Auswahl der Gesellenstücke der Tischlerinnung Berlin aus der Sommeprüfung 2018. Wie schon in den vergangenen Jahren, gab es in der Hauptstadt gediegenes Handwerk zu bewundern – aber auch ein farbenfrohes Experiment.

Florian Röger steht mit seinem handwerklich gefertigten Doppelbett für eine Tugend der Berliner Tischlerzunft – traditionelle Techniken anzuwenden, sie zu bewahren und zu beleben! Die Flechttechnik für das Kopfteil hat er sich am Vorbild abgeschaut und tadellos ausgeführt; ein Besuch beim Restaurator hat auch dazu beigetragen. Der Bettrahmen aus 36 mm Eiche ist offen gezinkt. Als Besonderheit fallen die um zehn Grad aus der Senkrechten gestellten Füße ins Auge, die unterhalb des Rahmens mit Räuchereiche aufgedoppelt sind. Zum bequemeren Transport des Bettes lässt sich das Kopfteil oben aus der Gratung herausziehen, nachdem die Aufdoppelung der Füße gelöst wird. Diese ist ebenfalls gegratet und fungiert als eine Art Schloss der Verbindung.

Die hängend geführten Schubkästen am Kopfteil nehmen in ihren Doppeln die Ebene und Holzart der aufgedoppelten Füße auf. Eine gute und konsequent ausgeführte Idee! Die Oberfläche des Holzes wurde mit Projektöl von Zweihorn behandelt.

Als leidenschaftlicher Skater hatte Julius Schuler jede Menge ausgedienter Boards am Start, die er für sein Gesellenstück sorgfältig abgerichtet, filetiert und im Stile eines Kelim-Teppichs neu zusammengefügt hat. Das Layout der zusammenhängenden Fläche aus den Fragmenten zu gestalten, war ein schöpferischer und aufwendiger Prozess. Das Ergebnis ist ein Unikat mit großer Ausstrahlung! Die gestalterische Idee, eine zusammenhängende Fläche als Tischdecke über das Möbel zu legen, hat dazu geführt, jeweils stirnseitig durch in Nussbaum furnierte Riegel eine Tischplatte anzudeuten. Konstruktiv und auch formal ist diese entbehrlich: Die als Winkel ausgeführten Beine und die als Hohlraum erweiterte Platte aus Multiplex sind so stabil, dass es keiner Ertüchtigung bedarf!

Längsseitig erschließt sich der Hohlraum unter der Platte durch Klappen und Schubkästen, die sich wie eine Tapetentür auf Gehrung einfügen und das Bild nicht stören. Der Charme des Improvisierten spricht aus diesem außergewöhnlichen Gesellenstück!

Die Sofabank aus Eiche von Annkathrin Kury zeigt ein solides Stollen-Zargen-Gestell, das an den Seiten und in der Rückenlehne mit Rundstäben gefüllt ist. Der Anschluss von Armlehnen und Stollen ist bündig und vorn als Einzinker ausgeführt. Die Rückenpolster sind locker eingestellt. Der gepolsterte Sitzrahmen ist ebenfalls herausnehmbar und gibt darunter seitlich der Schubladeneinhausung Stauraum frei.

Das Doppel des klassisch geführten, halbverdeckt gezinkten Schubkastens schlägt flächenbündig in die Vorderzarge ein und wird mit Push-to-open geöffnet. Die geringe Nutzhöhe des Schubkastens wird von der ausladenden Länge ausgeglichen. Die Oberfläche ist mit Hartwachsöl von Osmo behandelt. Ein schöner Klassiker in tadelloser handwerklicher Ausführung.


dds-Redakteur Johannes Niestrath war im Juni 2018 mit Fotograf Markus Hilbich in der Max-Bill-Schule Berlin vor Ort. Wir haben aus 153 Gesellenstücken eine kleine, feine Auswahl getroffen. Der zweite Teil folgt im September!