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»Gedruckt wird, was gefällt«

Der österreichische Holzwerkstoffhersteller Kaindl hat im Juni 2008 die Produktion in der sogenannten »Floor Factory« begonnen. Hier sollen im Digitaldruck jährlich bis zu vier Millionen Quadratmeter Fußbodendielen mit Holzdekor oder individuellen Motiven bedruckt werden. Einblicke in eine Traumfabrik.

Die »Kaindl Floor Factory« ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Traumfabrik. Wer bisher nur davon träumte, Holz möge sich wie Papier bedrucken lassen, kann nun in der Wirklichkeit aufwachen. Im Inkjet-Verfahren druckt Kaindl berührungslos im Durchlauf beliebige Motive auf die 0,6 mm dünne Furnierschicht seiner Echtholzböden. Das können »Intarsien« oder Firmenlogos sein, in der Masse aber wohl eher exotische Holzdekore auf Esche oder Eukalyptus. Der Sinn liegt auf der Hand: Seltene und schwer verfügbare Holzarten können weitaus authentischer nachgebildet werden als auf Dekorpapier. Die UV-Tinten sind lichtecht und werden nach dem Druck mit einer mehrlagigen UV-härtenden Lackschicht versehen.

Ein Traum ist die erste Anwendung der Technik im Holzbereich auch für Logistiker. Mit der neuen Anlage, einer Gemeinschaftsentwicklung von Bürkle und Durst, lassen sich uniforme Dielen kundenspezifisch individualisieren. Der Rohling aus HDF ist mit Gegenzug furniert. Er kann ökonomisch aus einer furnierten Platte geschnitten und dann auftragsbezogen fertiggestellt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt bleibt die Produktion universell.
Träumen dürfen auch die Ingenieure. Wer einmal zusehen kann, wie auf der U-förmig aufgebauten und 100 m langen Anlage fünf uniforme Schmaldielen nebeneinander im Drucker verschwinden und dann mit einer Geschwindigkeit von 30 bis 40 m pro Minute als Unikate wieder herauskommen, der ist beeindruckt. Vielleicht aber auch etwas verunsichert. Ist denn mit Dekor bedrucktes Holz immer noch echtes Holz? Wer sich daran gewöhnt hat, bei 0,6 mm dünnen Furnieren auf HDF von Echtholzböden zu sprechen, hat auch kein Problem damit, Palisander auf Esche als Edelholz zu bezeichnen. In der Kaindl-Nomenklatur heißt eine in dieser Form veredelte Bodendiele dann zum Beispiel »Echtholz Design Santos Palisander«. Was bei vielen Kunden ankommen wird, ist »echtes Santos Palisander«, dafür braucht man keine stille Post zu spielen. Das mag Haarspalterei sein, aber auch eine durchaus bedenkliche Entwicklung für solche, die ihren Kunden in Zukunft den Unterschied zwischen fast echtem und echtem Holz erklären müssen.
Man kann die Dinge aber auch ganz anders sehen und die unterschiedlichen Sichtweisen ohne Wertung lassen: Die Echtholzböden mit 0,6 mm Deckschicht sparen Ressourcen – die Ausbeute aus dem Stamm einer beliebigen Holzart ist bis zu 40 mal höher im Vergleich zu Massivparkett. Da wundert es nicht, dass auch Kaindl Verbraucher im Visier hat, die an Ökologie und Nachhaltigkeit interessiert sind.
Traumhafte Möglichkeiten
Die Möglichkeit, Holzoberflächen im Digitaldruck zu gestalten, könnte also eine neue Debatte darüber entfachen, was echt ist. Genauso aber darüber, wie ökologisch es eigentlich gedacht ist, auf »echt« zu bestehen. Kaindl hat diese Frage bereits beantwortet und mit der »Two Kollektion« ein Programm auf den Markt gebracht, das Kunden die Wahl zwischen echtem Furnier auf HDF und echtem bedrucktem Furnier auf HDF lässt. Äußerlich unterscheiden sie sich nur in der Vielfalt der verfügbaren »Holzarten« und das kleine Wort Design. Für den Kunden unterscheidet sich die Kollektion von echtem Echtholz vor allem im Preis. Die Traumfabrik kann beides, ein Massenprodukt günstiger machen und es individualisieren. Hätte man das je zu träumen gewagt? JN

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