Traditioneller Surfboardbau aus Holz in Hawaii

Ein Mann, ein Board

Tom »Pohaku« Stone ist ein großer Meister im Surfen, Schwimmen und Rettungsschwimmen – ein »Waterman« – und zugleich ein großer Meister im traditionellen Surfboard- und Schlittenbau. Fotograf und Autor Erol Gurian hat ihn für dds auf Hawaii besucht.

»Noho ana ke akua I ka nāhelehele – Die Gottheit wohnt in der dichten Vegetation«, beginnt übersetzt ein traditioneller Sprechgesang, mit dem auf Hawaii seit Generationen der Gottheit Laka gehuldigt wird. Und weiter: »Oh Wesen, die ihr auf ewig im Himmel geborgen seid« oder auch »e hoʻoulu mai ana o Laka i kōna mau kahu – Laka wird seinem Pfleger Wachstum angedeihen lassen.«

Laka nimmt viele verschiedene endemische Pflanzenformen an. In diesem Chant wird darum gebeten, dass sie die Vortragenden beschützt. Denn sie sind es, die den Wald besuchen und sich um ihn kümmern.

»Hier auf Hawaii gab es schon immer ganz bestimmte Protokolle, denen man folgen musste. Beispielsweise, wenn man einen toten Baumstamm aus dem Regenwald holte. Früher mussten dafür Opfer wie Fische gebracht werden. In grauer Vorzeit wurden sogar Menschen für Bäume geopfert.«

Tiefer Respekt vor dem Baum

»Davon ist heute nur noch der Sprechgesang geblieben,« erzählt Tom »Pohaku« Stone und nimmt einen Schluck »Longboard Lager«, das regionale Bier mit dem Retro-Surfmotiv auf der Flasche. Mit seinem alten DeWalt-Elektrohobel bearbeitet er ein Massivholz-Surfboard für seinen Enkel. »Dieser Baum hat bestimmt schon zwei, drei Waldbrände mitgemacht. So trocken ist das Holz. Und das Astloch hier macht dieses Board einzigartig. Andere Boardmaker würden so ein Brett gar nicht erst bearbeiten.« Tom baut das Board aus Ulu, dem typisch braun-rötlichen Holz des Brotfruchtbaumes. Routiniert sägt, schleift und hobelt er das etwa ein Meter kurze Bodyboard für seinen fünfjährigen Enkel. »Der ist so klein, dass er das Board auch stehend benutzen kann«, sagt Tom, während er die Kantenform per Augenmaß überprüft.

Der knapp 70-Jährige lebt mit seiner Familie an der ruhigen Nordküste Oahus, der Insel mit der Hauptstadt Honolulu und dem bekannten Waikiki Beach, dem Strand mit der Statue des berühmten Duke Kahanamoku. Duke ist quasi Hawaiis Surfer der ersten Stunde und gilt als Ikone des Surfsports. Er war ein »Waterman«: ein Meister im Surfen, Schwimmen und Rettungsschwimmen, so wie Tom.

Es geht um Identität

Was für Duke, Tom und viele andere Hawaiianer ein Sport war, der einen wichtigen Teil ihrer Identität ausmachte, wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zum Tourismus-Exportschlager der USA. Hulamädchen und Surfathleten schmückten Hawaii-Anzeigen in Magazinen und auf Plakaten. Massen von Touristen besetzten Waikiki Beach und Horden von Surfern belagerten den Northshore, seither einer der international bedeutendsten Surfcontest-Strände. Diese Entfremdung löste in den 70ern die sogenannte »Hawaiian Renaissance« aus: den Kampf der einheimischen Surfer um ihre Beaches und die Besinnung auf die Traditionen.

Eine der ältesten Traditionen Hawaiis ist das Schlittenrennen, »He’e holua« genannt. Tom ist einer der wenigen, die den Sport am Leben erhalten: Mit einem handgefertigten Holzschlitten rauscht man bäuchlings über eine 400 m lange Gras- oder Lavasteinpiste in Richtung Meer. Für den jährlichen Event im Januar schleift Tom die Kufen des Schlittens aus Kauila, einem auf Hawaii endemischen Baum.

Für den Höllenritt übers Lavafeld

Mit jedem Strich der Machete wird das harte Holz glatter, bis es keinen Widerstand mehr geben wird zwischen Kufe und geölten Ili-Ili-Lavasteinen. Geschwindigkeiten von über 90 km/h machen die Fahrt zu einem diabolischen Vergnügen, das auch Todesopfer fordern kann. Ein Papa Holua, der hawaiianische Schlitten, schmückt auch Toms linkes Bein. Das Tattoo erstreckt sich von der Hüfte bis zum Unterschenkel. Fast wie ein Bauplan zeigt es die Schlittenkufen und deren Anordnung. »Die Abbildung erzählt von meiner Beziehung zum Papa Holua,« sagt Tom. »Die Pfeilspitze symbolisiert die Erdung mit meinem Land und mit dem Meer.“ Auf die Frage, warum er die Tradition am Leben erhält, antwortet Waterman Tom kurz: »Wenn wir damit aufhören, sind wir tot.«


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet an der renommierten Deutschen Journalistenschule, ist Dozent an der Universität Hildesheim – und fotografiert und schreibt für dds. 


Steckbrief

Eine der ältesten Traditionen Hawaiis ist das Schlittenrennen, »He’e holua«. Tom »Pohaku« Stone ist einer der wenigen, die den Sport am Leben erhalten. Seit 2000 Jahren wird der 3,7 m lange und 16 cm breite Schlitten gebaut. www.hawaiibc.com

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