Interview mit Urs Bauer

Als Schreiner in der Schweiz arbeiten

Die Tischlerei Oscar aus Steinebach im Westerwald ist regelmäßig in der Schweiz tätig – erstaunlich, denn Tischler gibt es dort genug und die bürokratischen Hindernisse für den Marktzugang sind hoch. Firmeninhaber Urs Bauer hat dds erzählt, wie es dennoch dazu kam.

Das Gespräch mit Urs Bauer führte
dds-Autor Jörg Zinsser

Herr Bauer, Sie arbeiten viel in unserem südlichen Nachbarland. Was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen als deutscher Schreiner in der Schweiz?

URS BAUER: In der Schweiz zu arbeiten ist immer angenehm, vor allem wegen der Kunden. Die Hektik, die uns in Deutschland oft entgegenschlägt, kennt man dort nicht, alles geht eher entschleunigt zu. Die Schweizer Kunden sind von den dortigen Handwerkern geregelte Arbeitszeiten gewohnt, an die sich alle strikt halten. Es gibt z. B. feste Zeiten für den Mittagstisch – von 12 bis 13 Uhr ist in der Schweiz kein Mensch auf irgendeiner Baustelle zu finden. Die Welt dreht sich langsamer und man tut gut daran, sich dem anzupassen. Ohnehin wird man durch die Arbeitszeitvorgaben und Arbeitsgenehmigungen dazu gezwungen. Baustellen in der Schweiz werden streng kontrolliert.

Was schätzen Schweizer Kunden besonders an Ihrer Arbeit?

Sie schätzen das Design, die Qualität, die Termintreue. Und was sie beispielsweise gar nicht kennen, ist das gewerkeübergreifende Arbeiten: dass Tischler auch mal ein paar Fliesen legen oder ein Stück Gipskarton festmachen oder eine Wand rollen. Gerade im Messebau machen wir manchmal alles komplett – das kennen die Schweizer nicht, sind aber begeistert davon. Und dann sind wir natürlich sehr günstig für dortige Verhältnisse.

Werden Sie als unerwünschte Billigkonkurrenz wahrgenommen?

Man muss sich jedenfalls auf abschreckende Hindernisse einstellen. Man kann nicht einfach an die Grenze fahren und in der Schweiz arbeiten wollen. Der Mindestlohn beträgt dort knapp 23 Euro die Stunde. Auch wir sind verpflichtet, unseren Mitarbeitern mindestens diesen Lohn zu bezahlen – für die in der Schweiz erbrachte Leistung. Wir müssen jeden Mitarbeiter namentlich anmelden und die Lohnabrechnung für die Montage den Zollbehörden vorlegen. Wenn einer krank ist, dürfen wir keinen unangemeldeten Ersatzmann mitnehmen. Die Bauteile, die wir mitbringen, sind Waren, die wir verzollen. Wir müssen vor der Einfuhr eine Proforma-Rechnung beim Zoll einreichen, der Kunde muss sie gegenzeichnen und die Schweizer Mehrwertsteuer selbst entrichten Die Rechnung nach Lieferung und Montage wird ohne Mehrwertsteuer geschrieben. Alle Zollpapiere muss man mitführen. Auf keinen Fall darf man irgendetwas unangemeldet über die Grenze bringen. Wir machen alles mit einem Spediteur, egal, wie klein es ist.

Wie oft arbeiten Sie in der Schweiz?

Wir haben in der Regel ein bis zwei Projekte pro Jahr in der Schweiz. Dabei kann der Vorlauf für eine Montage bis zu einem ganzen Jahr betragen.

Wie kamen Ihre ersten Aufträge in der Schweiz zustande?

Zuerst haben wir für deutsche Unternehmen gearbeitet, die Niederlassungen oder Showrooms einzurichten hatten. Dabei waren wir als Generalunternehmer jeweils für den Gesamtauftrag zuständig. Die Schweizer Partner wollten diese Arbeitsweise übernehmen, auch für private Aufträge wie z. B. Einbauküchen. Darüber hat sich der Kundenkreis erweitert.

Die Entfernung von rund 500 km ist für Sie kein Problem?

Entfernung ist für uns nie ein Problem, da sich normalerweise die höheren Fahrtkosten ausgleichen durch eine zügige und arbeitsintensive Montage vor Ort. Hier gibt es jedoch, was die Schweiz betrifft, die Einschränkung, dass man nicht mehr Stunden pro Tag arbeiten darf als die Erlaubnis vorsieht, vor allem auch am Wochenende. Unsere Mitarbeiter arbeiten trotzdem gerne dort: die Kunden sind sehr freundlich und zuvorkommend – um so mehr, als wir regelmäßig dort sind und sie uns oft schon kennen.

Wie sind Ihre direkten Erfahrungen mit den Schweizer Tischlern?

Ob Tischler, Elektriker oder Installateur: was die Handwerker abliefern, ist tipptopp. Wir suchen uns meist an den Orten, an denen wir arbeiten, bereits beim Aufmaßtermin einen Tischler unseres Vertrauens – es kann ja mal eine Leiste fehlen oder eine Platte. Vor allem bei mehrwöchigen Montagen kann ein örtlicher Partner nützlich sein: Er kennt im Bedarfsfall einen Glaser, einen Schlosser usw. Die Tischler helfen uns gerne – sie haben selbst gefüllte Auftragsbücher und wir sind kein Problem für sie. Es kommt auch ein wenig auf das Auftreten unsererseits an. Die Schweizer Handwerker unterstützen zwar sicherlich die offizielle Politik, in der Praxis gibt es jedoch keine Berührungsängste, hier herrscht pragmatische Kollegialität. Noch nie hat uns einer hängen lassen oder versucht, uns auszubremsen. Die, die uns kennen, haben uns sogar schon mit Personal als tageweise Montageunterstützung geholfen – zu Schweizer Preisen, selbstverständlich.

Was würden Sie einem Kollegen raten, der als deutscher Schreiner in der Schweiz arbeiten möchte?

Wer gar keine Kontakte hat, wird sich schwertun. Man braucht einen Kunden oder einen Partner, der einem den ersten Schritt ermöglicht. Auch Schweizer Architekten werden von sich aus keinen deutschen Handwerker anfragen. Die Schweizer haben hervorragende Handwerker, sie wissen genau, was sie tun, und sie warten dort nicht auf uns.


Steckbrief

Urs Bauer

ist Inhaber der Tischlerei Oscar Möbel & Objekte im rheinland-pfälzischen Steinebach/Sieg. Mit 23 Jahren bestand Bauer seine Meisterprüfung im Tischlerhandwerk und beschäftigt heute 23 Mitarbeiter. Zu den Leistungen gehören neben klassischem Innenausbau, auch Laden- und Messebau, einschließlich der angrenzenden Gewerke.

www.oscar-moebel-objekte.de