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Hilfe im Umgang mit Mängelrügen

Branchenrichtlinie Oberfläche
Hilfe im Umgang mit Mängelrügen

Die Branchenrichtlinie zur visuellen Beurteilung von Oberflächen im Möbel- und Innenausbau vereinfacht den Umgang mit Reklamationen und Mängelrügen. Helmut Haybach erläutert, was das Regelwerk bringt.

Oberflächen gehören zu den sensiblen Bereichen im Innenausbau. Wenn es mit dem Kunden Streit gibt, dann zumeist hier. Bislang mussten Sachverständige Reklamationen und Mängelrügen nach eigener Einschätzung beurteilen oder auf mehr oder weniger branchennahe Oberflächenrichtlinien, z. B. des Glaserhandwerks, zurückgreifen. Mit Teil 1 und 2 der »Richtlinie zur visuellen Beurteilung« liegt jetzt ein brancheneigenes Regelwerk vor.

Teil 1 definiert Rahmenbedingungen

In »Teil 1– Beurteilungsgrundsätze« werden zunächst einmal faire Rahmenbedingungen definiert, unter denen etwaige Fehler angemessen festgestellt werden können. Als Grundsatz gilt dabei, dass eine Beurteilung sich möglichst dicht an der produkttypischen Nutzung orientieren muss. Das heißt …

etwaige Beanstandungen dürfen nicht besonders markiert werden

keine gezielte Ausleuchtung der Flächen mittels Baustrahlern oder Streiflichtern. Die Beurteilung erfolgt unter den üblichen Lichtverhältnissen. Allein dadurch lassen sich viele »Fehler« vermeiden

die visuelle Detailbeurteilung einzelner Merkmale soll in einem Abstand von ca. einem Meter erfolgen oder in der produkttypischen Nutzung. Für eine Tischoberfläche ist dies der Abstand, wenn man unmittelbar davorsitzt, bei einem Schrank der Bedienungsabstand der Türen und bei einer Verkleidung entsprechend weiter weg. Was man nur mit der Lupe erkennen kann, ist nicht als Fehler relevant. Der farbliche Gesamteindruck, das Fugenbild, der Kantenverlauf lässt sich nur in einem sinnvollen Abstand von ca. 3 m je nach räumlichen Gegebenheiten erfassen.

Damit sind schon mal wesentliche Grundsätze für die Vorgehensweise im Streitfall definiert. Diese Rahmenbedingungen finden sich ganz ähnlich formuliert im aktuellen Normentwurf zur »Visuellen Beurteilung von Möbeloberflächen«.

Teil 2 geht ins Detail

In »Teil 2 – Möbel und Innenausbau« wird dann detailliert auf Materialoberflächen und entsprechende Merkmale eingegangen, in Abhängigkeit davon, ob es sich um sichtbare, halb verdeckte oder verdeckte Flächen handelt (vgl. Tab. 1). Dabei wird unterschieden zwischen oberflächenbehandelten Flächen, Glas, Dekorflächen und Beschlägen sowie Massivholz/Furnier.

Bei oberflächenbehandelten Flächen, Glas, Dekorflächen und Beschlägen handelt es sich um gleichmäßige Oberflächen, für die jeweils relevante Merkmale wie Kratzer, Lackfehler oder Kantenfehler definiert werden können. Auch hier gilt der Grundsatz, dass derartige Merkmale erst als Fehler relevant werden, wenn sie unter den Rahmenbedingungen der Detailbetrachtung für den Beobachter sichtbar sind.

Bei Massivholz und Furnier ging man bis vor ein paar Jahren davon aus, dass je schlichter die Oberfläche, desto höher die Oberflächenqualität. Dies spiegelt sich in der Klassifizierung der aktuellen EN 942 »Holz in Tischlerarbeiten« wider. Das wird den Marktanforderungen aber immer weniger gerecht. Massivholz ist heute von einer Vielzahl von Ästen, Rissen und Ausbesserungen geprägt, um die Ursprünglichkeit und Natürlichkeit des Werkstoffes herauszustellen. Für die Oberflächenqualität ist es entscheidend, ob das Gesamtbild des Möbelstücks in sich stimmig ist. Eine gleichmäßige Teilfläche in einem ansonsten rustikalen, wechselhaften Umfeld wirkt genauso störend wie ein kleiner Ast auf einer astfreien schlichten Oberfläche. Die Produkte des Tischler- und Schreinerhandwerks sind viel zu individuell gestaltet, als dass dies mit standardisierten Qualitätsklassen angemessen beschrieben werden könnte. Die Stimmigkeit des Gesamteindrucks ist dabei wichtiger als die Einzelbeurteilung eines Merkmals.

Deshalb sind in der Richtlinie keine Qualitätsstufen, sondern vier verschiedene Erscheinungsklassen zu beschreiben: »Gestreift gefladert«, » Natur«, » Rustikal« und » Select«. Zur systematischen Beschreibung dieser Erscheinungsklassen einigte man sich auf 16 verschiedene Merkmale (siehe Tab. 2). Jedes dieser Merkmale ist ausführlich in der Rahmenrichtlinie erläutert. Für die gängigen Holzarten gibt es für die verschiedenen Erscheinungsklassen eine detaillierte Beschreibung der jeweiligen Merkmalsausprägung. Damit lässt sich die Oberflächengüte eines Möbels besser und eindeutiger beschreiben, als mit den beschränkten Möglichkeiten eines kleinen Musters.

Bei halb verdeckten Flächen ergibt sich ein reduzierter Anspruch im Hinblick auf die Oberflächenbehandlung oder die Holzstruktur. Auch für verdeckte Flächen wie Rückwände oder Schrankoberseiten gilt die Vorgabe der bewährten fachlichen handwerklichen Praxis. Hier dominieren natürlich die Vorgaben an die Funktionalität und Gebrauchstauglichkeit, die durch etwaige Oberflächenfehler wie z. B. Risse nicht beeinträchtigt werden dürfen.

In der Gesamtbeurteilung geht es um Stimmigkeit des kompletten Möbels. Die Richtlinie hat dafür einige Merkmale definiert, welche aus der Beurteilungsdistanz nicht erkennbar sein dürfen:

  • auffällig ungleiche Konstruktionsfugen
  • erkennbare Abweichungen in der Fluchtlinie von Fronten
  • Unebenheiten in der Arbeitsfläche oder in der Frontansicht
  • mangelnde Parallelität von Schrank- und Schiebetüren
  • auffällige Durchbiegung von Einlegeböden

Die Richtlinie anwenden

Tischler und Schreiner können zukünftig einfach die Oberflächengüte ihrer Möbel aus Massivholz oder Furnier mit einer Erscheinungsklasse definieren und darauf in ihrem Angebot Bezug nehmen. Sie sind aber auch frei, eigene Erscheinungsklassen zu beschreiben unter Zuhilfenahme der aufgeführten Merkmale. Damit können Schreiner beispielsweise die verschiedenen Oberflächengüten einer Treppe definieren. Weitere Anwendungsmöglichkeit: im Streitfall mit dem Kunden kann eine geeignete Erscheinungsklasse der jeweiligen Holzart zur Beurteilung heranzogen werden.

Diese Anwendungsmöglichkeiten finden sich auch im europäischen Normentwurf zur Visuellen Beurteilung von Möbeloberflächen als sog. »Produktbeschreibung«. Sie kann alternativ für die in der Möbelindustrie bislang häufig genutzten Muster verwendet werden. Somit können auch Zulieferer eine solche Form der Produktbeschreibung als Referenz heranziehen.

Praxistauglichkeit muss sich zeigen

Mit der »Richtlinie zur visuellen Beurteilung, Teil l und 2« hat das Tischler- und Schreinerhandwerk in seinem wichtigsten Produktbereich nun eine eigene Branchenrichtlinie, die den Umgang mit Mängeln und Beanstandungen bei Möbeloberflächen systematisiert. Sie ist konform mit dem europäischen Normentwurf zur »Visuellen Beurteilung von Möbeloberflächen«. Die Praxis muss nun zeigen, ob die Vorgaben und Formulierungen sinnvoll und handhabbar sind.


Eine Branchenrichtline für das Tischler- und Schreinerhandwerk

Bislang mussten Sachverständige Reklamationen und Mängelrügen nach eigener Einschätzung beurteilen oder auf mehr oder weniger branchennahe Oberflächenrichtlinien, z. B. des Glashandwerks, zurückgreifen. Deshalb entschied sich der Arbeitskreis aus Sachverständigen und Technischen Beratern beim Bundesverband Tischler Schreiner Deutschland (TSD), eine eigene Branchenrichtlinie zu entwickeln. Diese soll praxisnah den Handwerkern wie auch den Sachverständigen eine verlässliche Orientierung an die Hand geben. Zeitgleich startete im Rahmen der europäischen Möbelnormung eine ähnliche Initiative. Um eine größtmögliche Akzeptanz der neuen Richtlinie in der Branche sicherzustellen, hat sich der Arbeitskreis intensiv mit dem Normentwurf »Visuelle Beurteilung von Möbeloberflächen« auseinandergesetzt und die Inhalte so weit wie möglich mit der Branchenrichtline verzahnt. Helmut Haybach

Richtlinie zur visuellen Beurteilung von Tischler- und Schreinerarbeiten, Hrsg.: Tischler Schreiner Deutschland, Teil 1: 8 S., 9 Euro; Teil 2: 48 S., 41,73 Euro. Zu bestellen unter: <a href=“http://www.tsd-onlineshop.de“>www.tsd-onlineshop.de</a>
Richtlinie zur visuellen Beurteilung von Tischler- und Schreinerarbeiten, Hrsg.: Tischler Schreiner Deutschland, Teil 1: 8 S., 9 Euro; Teil 2: 48 S., 41,73 Euro. Zu bestellen unter: <a href=“http://www.tsd-onlineshop.de“>www.tsd-onlineshop.de</a>

Dipl.-Ing. (FH) Helmut Haybach ist Technischer Berater beim Technologie-Zentrum Holzwirtschaft GmbH (TZH) in Lemgo. Er hat an der Erstellung der neuen Branchenrichtlinie maßgeblich mitgewirkt.


Info

Weitere Richtlinien in Vorbereitung

Tischler Schreiner Deutschland plant weitere Richtlinien zur visuellen Beurteilung, u.a. zu Treppen und Fenstern.
www.tischler-schreiner.de

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