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Die große Rochade

Maschinen & Anlagen
Die große Rochade

Die Logistik ist die Schnittstelle, die im schnellen Objektgeschäft entscheidet. Mit einem Erweiterungsbau auf dem engen Firmengelände optimierte Innenausbauer Westermann seine Projektabläufe – verbunden mit enormen Umstellungen innerhalb des Betriebes.

Der Neubau der Halle 4 hat viel Bewegung bei Frank Westermann und seinem 75-köpfigen Team ausgelöst. Dies war nicht zu erahnen, als die ersten Bilder der neuen Halle vom ausführenden Betrieb Schaffitzel Holzbau in der Redaktion landeten. Bei einer Werkhalle aus Leimbindern denkt man, dass ein Objekt in solch einer Bauweise flott abgeschlossen sein sollte. Im Prinzip trifft das zu – aber eben nicht bei jedem Projekt.

Fährt man aus Stuttgart kommend auf den Betrieb von Westermann am Ortsrand von Denkendorf zu, glitzert die neue Halle als transluzenter Baukörper in der Sonne und erinnert ein wenig an einen Eisberg – dies ist zugleich eine passende Metapher, sobald man sich tiefer mit dem Werkhallenprojekt befasst. Nur ein Siebtel eines Eisbergs sieht man oberhalb der Wasserlinie, der überwiegende Anteil liegt darunter. Die Beschäftigung mit dem Hallenbau zeigt welche tiefgreifenden Überlegungen und Umstrukturierungen mit der Baumaßnahme verbunden waren. Westermann Innenausbau hat sich im Laufe von 70 Jahren von einem kleinen Schreinerbetrieb zu einem international aufgestellten Partner für Trennwand-, Schranksysteme und Objekteinrichtungen entwickelt.
Fingerspitzengefühl notwendig
Mit der Planung wurde Architekt Kai Bierich von Wulf Architekten beauftragt. Er fügte die neue Halle mit viel Fingerspitzengefühl in den Bestand ein. Auf einem engst bebauten Gelände in leichter Hanglage zwischen Fertigungshallen, Verwaltungsgebäuden, Spänesilos und Absauganlagen ist das gar nicht so einfach. Durch die übergreifende Planung ist der in Jahrzehnten der Erweiterungen entstandene Charakter »Vereinigte Hüttenwerke« einem stringenten Architekturauftritt des Gebäudeensembles gewichen. Die neue Halle mit einem Tragwerk aus Schichtholz mit 600 m² Fläche steht auf einem Geschoss mit über 800 m² Nutzfläche. Das geneigte Gelände erforderte eine kostenintensive Unterkellerung des Neubaus, um die bisherigen Untergeschossräume weiter anfahren zu können. Insgesamt stehen den Innenausbauern nun 4000 m² Produktions- und Logistikfläche zur Verfügung. Im Zuge der Umstrukturierung ist bis auf die Furnierpresse keine der Maschinen und Anlagen an ihrem alten Platz verblieben – und das bei laufenden Aufträgen in einer betrieblichen Hochkonjunktur mit ambitionierten Großprojekten.
Weshalb dieser enorme Aufwand? Frank Westermann, Geschäftsführer des familiengeführten Unternehmens, brachte es im Gespräch so auf den Punkt: »Wir sehen Logistik als eines der wichtigsten Zukunftsthemen für uns an.« Logistik heißt für ihn in einer Zeit, in der alles immer noch schneller gehen muss, Material von den Zulieferern ebenso wie die eigengefertigten Bauteile zusammenzufügen – und diese kommissionierten Teile dann termingenau auf der Baustelle anzuliefern. Denn auf den Baustellen gibt es keine freien Flächen, dort sind Verweilzeiten nicht vorgesehen. Komplexe Großobjekte heute wirtschaftlich erfolgreich abzuwickeln gelingt nur über einen hohen Vorfertigungsgrad und einer angepassten Logistik.
Neben der Logistik waren weitere Entwicklungen maßgeblich für die Investition. Zum einen der steigende Anteil nicht brennbarer Materialien, der sich durch die verschärften gesetzlichen Brandschutzbestimmungen ergibt. Zum anderen, dass knapper Fertigungs- und Lagerplatz in der Auftragsabwicklung oft zulasten der Effektivität ging.
Die neue Halle ist gar nicht so groß, aber nahtlos, ohne Trennwände, an eine bestehende Stahlbetonhalle angedockt. Dieses Zusammenfügen wurde optisch im Boden durch eine durchgängige Kunstharzbeschichtung verstärkt. Dadurch, dass keine Schnittstellen präsent sind, überträgt die neue Halle ihre Großzügigkeit auch auf den Altbestand.
Holzhalle als Statement
Es ist die erste Holzhalle, die Westermann gebaut hat. Das Holztragwerk vor den großflächigen Glasfronten gibt dem Gebäude ein angenehmes Statement. Auch akustisch ist es trotz der vielen Maschinen leiser als in den Betonhallen. Im Neubau steht auf 200 m² nun ein chaotisches Plattenlager, eine Säge-Lager-Kombination, von Schelling und AWB. Die zwei Jahre alte Plattenaufteilsäge Schelling FH4 wurde durch eine leistungsstärkere FH6 ersetzt. Säge und Plattenlager können unabhängig voneinander arbeiten und beeinflussen sich dadurch nicht gegenseitig. Die Sortierung und Vorkommissionierung der Platten erfolgt nun automatisierter.
Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurde eine neue komplexe Absauganlage von Höcker Polytechnik installiert. Die neue Plattensäge, eine neue CNC-5-Achs-Maschine und beispielsweise der Bekanter wurden zusätzlich für die Verarbeitung von nicht brennbaren Materialien ausgerüstet. Per Knopfdruck legt der Maschinenführer fest, ob die Absaugung thermisch verwertbaren Abfall in das Spänesilo bläst, oder ob die nicht verwertbaren Stäube und Späne im Abfallcontainer landen.
Denkendorf als Kommune zeigte sich bei der Bauplanung sehr kooperativ. Unter anderem durfte die neue Halle bis an die Grundstücksgrenze gebaut werden. Fürs Erste ist die Rochade, der Umbau der Fertigungsstruktur, abgeschlossen. Der Masterplan für die nächsten Erweiterungsschritte liegt bereits fix in der Schublade. Zur Umsetzung bedarf es allerdings der Änderung der überregionalen Bauleitplanung – und das kann dauern.

Frank Westermann

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»Wir sehen die Logistik als eines der wichtigen Zukunftsthemen für uns an.«
Geschäftsleitung Karl Westermann GmbH & Co. KG
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