CAD/CAM-Einführung, Teil 3

Gute Vorbereitung ist alles

Vorab die nötige Struktur zu schaffen, ist für eine erfolgreiche CAD/CAM-Einführung von entscheidender Bedeutung. Wie das nebenbei auch noch dazu führt, den Betrieb zu verschlanken, beschreibt Berater Markus Faust am Beispiel der Sehner GmbH aus Deckenpfronn.

Die Sehner GmbH im baden-württembergischen Deckenpfronn fertigt mit 28 Mitarbeitern maßgeschneiderte Vitrinenlösungen für Museen, Showrooms und Läden. Mit seinen Schränken und Lichtsystemen ist das Unternehmen als exklusiver Objekteinrichter im In- und Ausland gefragt. Im Fokus stehen moderne Ausstellungstechnik und innovative Lichtgestaltung. Um in der Arbeitsvorbereitung für die eigenen Werkstätten Schreinerei, Metallbau und Glasbearbeitung noch effizienter zu werden, haben sich Geschäftsführer Jürgen Sehner und sein Team entschieden, ein 3D-CAD/CAMSystem einzuführen.

Eine CAD/CAM-Einführung ist für ein Unternehmen mit dieser Materialvielfalt eine besondere Herausforderung, die viel Vorbereitung erfordert. Abraham Lincoln sagte einmal: »Wenn ich acht Stunden Zeit hätte um einen Baum zu fällen, würde ich sechs Stunden die Axt schleifen.« Das heißt, Aktionismus ist in dieser Phase fehl am Platz. Man kann es auch so betrachten: Die Integration oder der Wechsel eines so wichtigen IT-Werkzeuges ist eine einmalige Gelegenheit, im Unternehmen aufzuräumen. Es ist wie bei einem Umzug: Wer hat nicht schon mal verschlossene Umzugskisten mit umgezogen? Das ist unnötiger Ballast, der Energie und – übertragen auf das Unternehmen – bares Geld kostet.

Vorab die nötige Struktur zu schaffen, ist für eine erfolgreiche CAD/CAM-Einführung von großer Bedeutung. In einem Zweitages-Workshop bearbeitete das Projektteam bei Sehner mit externer Unterstützung deshalb zunächst folgende Punkte:

 Definition Konstruktionsrichtlinien

 Materialklassifizierung

 Inhalt Konstruktionsdatenbank

 allgemeine Datei- und Datenstrukturen

 Bearbeitungs- und Frässtrategien

 Schnittstellendefinition

Schnell wurde allen Mitarbeitern klar, dass die sechs Punkte voneinander abhängen und die richtige Reihenfolge von elementarer Bedeutung ist. Z. B. macht es keinen Sinn sich Gedanken zur Konstruktionsdatenbank zu machen, wenn noch nicht klar ist, wie zukünftig konstruktive Details wie Spaltmaße oder Rückwandbefestigungen aussehen sollen. Um nicht Opfer der eigenen »Betriebsblindheit« zu werden, ist externe Unterstützung in dieser Phase hilfreich. Betriebsblindheit ist im Übrigen kein Zeichen von Schwäche, sondern einfach Fakt. Unternehmen wie Sehner haben das verstanden und machen aus der Not eine Tugend, indem Sie Sachverstand von außen hinzuholen. Auch wenn das bedeutet, mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden. Die Kernfrage lautet: »Was benötige ich zukünftig?« bzw. »Wovon kann ich mich ruhigen Gewissens trennen?«

Vom Pareto-Prinzip lernen

Hierbei ist ein Blick auf das sog. »Pareto-Prinzip« hilfreich Es stammt von Vilfredo Pareto und ist auch als »80:20-Prinzip« bekannt. Es besagt, dass 80 Prozent dessen, was wir mit unserer Arbeit erreichen, auf 20 Prozent der aufgewendeten Zeit zurückgeht. In der Praxis sind also vier Fünftel der Anstrengungen unbedeutend. Ernüchternd, nicht wahr?

Tatsache ist, dass wir alles einteilen können in wenige wesentliche Dinge und in viele unwesentliche Dinge. Wir müssen uns dabei die Frage stellen: Wenn 80 Prozent unserer Konstruktionen nur 20 Prozent der Gewinne erzielen, welche Bedeutung messen wir den 80 Prozent dann zukünftig zu? Wenn wir es hingegen schaffen, uns nur auf die 20 Prozent Tätigkeiten zu konzentrieren, die 80 Prozent der Resultate bringen, dann haben wir genau den richtigen Fokus. Dann geht unsere Effizienz steil nach oben! Ganz gleich ob Konstruktionsbibliothek, Material- oder Beschlaglager – 80 Prozent des Bestandes machen nur 20 Prozent des Umschlags oder des Umsatzes aus. Aber die Lagerung der restlichen 80 Prozent, also der schwer verkäuflichen Bestände, ist kostspielig. Sie bindet Kapital und ist meist ohnehin unrentabel.

Natürlich ist die 80:20-Regel eher eine griffige Metapher als das einzig mögliche Verteilungsmuster. Manchmal werden 80 Prozent der Gewinne auch nur mit 10 Prozent der Produkte erzielt. Sei’s drum, es geht ums Prinzip!

Welchen Nutzen können wir nun aus Paretos Gesetz ziehen? Nicht jeder Aufwand führt zum gleichen Ergebnis. Mancher Mehraufwand mündet in Perfektionismus, ohne das Ergebnis wesentlich zu beeinflussen. Andererseits führt oft ein bestimmter Mehraufwand zu einer dramatischen Ergebnisverbesserung. Es ist wichtig, das eine vom anderen zu unterscheiden und sich hierbei nicht selbst zu belügen.

Komplexität reduzieren

Die meisten Firmen sind zu komplex aufgebaut. Die meisten Tagesabläufe ebenfalls. Wer Großes schaffen will, muss reduzieren. Die Frage ist deshalb: Wie können Sie Ihre Abläufe vereinfachen? Worauf kommt es wirklich an? Was sind Ihre 20 Prozent? Was machen Sie mit den restlichen 80 Prozent – outsourcen? Aussagen wie »Bei uns geht das nicht« oder »Bei uns ist kein Auftrag wie der andere« sind keine Seltenheit. Auch die Sehner GmbH bedient ihre anspruchsvollen Kunden durchweg mit individuellen Lösungen. Die Frage sollte daher besser lauten: »Wie kann ich trotz Individualisierung immer wieder auf gleiche Strukturen zurückgreifen?« Genau darum geht es. Und genau deshalb bedarf es eines strategischen Workshops. Der Alltag erlaubt meist keine übergreifenden strategische Gedanken.

Wichtig bei der ganzen Betrachtung ist die Unterscheidung zwischen Mengenanteil und Wertanteil. Wenn wir durch eine ABC-Analyse z. B. unsere Beschläge nach A, B und C kategorisieren, dann haben die A-Werte 20 Prozent, bezogen auf den Mengenanteil. Sprich 20 von 100 Beschlägen sind A-Beschläge. Diese 20 Beschläge bringen dem Unternehmen allerdings 80 Prozent des Wertanteiles. Mit 20 Prozent Beschlägen haben Sie 80 Prozent Nutzen. B-Werte haben im Schnitt 10 Prozent Mengenanteil und 15 Prozent Wertanteil. C-Werte haben 70 Prozent Mengenanteil. Das heißt knapp drei Viertel unserer Beschläge haben letztlich nur einen Wertanteil von fünf Prozent!

Das ist im Übrigen auch der Grund, weshalb Sie niemals komplette Beschlagkataloge in CAD/CAM-Systemen als Datenbanken führen und pflegen sollten. Selbst dann nicht, wenn Sie diese Kataloge kostenlos erhalten. Der Ballast, den man mitschiebt, ist riesig. Es käme doch auch keiner auf die Idee, das komplette Telefonbuch in Outlook einzupflegen. Wo wäre der Nutzen? Das Programm würde extrem träge werden und wir müssten bei der Suche nach einem »Hans Meier« mühsam aus 120 Vorschlägen auswählen. Deshalb sollten Sie immer nur ein Produkt mit einer Funktion führen. Wenn Sie eine ABC-Gliederung haben, ist die Vorgehensweise relativ klar.

Konzentration auf A- und B-Werte

A- und B-Werte haben ca. 30 Prozent Mengenanteil, was in Summe 95 Prozent des Wertanteiles ausmacht. Letztlich generieren Sie 95 Prozent ihres Umsatzes mit 30 Prozent Ihrer Beschläge. Das heißt, wir konzentrieren uns nur auf A- und B-Werte. A-Werte müssen vollkommen automatisiert angelegt werden. Hier wollen wir das Maximale aus der Vorlage rausholen. Für B-Werte gilt im Prinzip das Gleiche. Diese werden nur nicht ganz so in den Vordergrund gestellt, sprich z. B. nicht unter Favoriten gelistet. In C-Werte wird keine Vorleistung reingesteckt. Und damit reduzieren sich im Normalfall unsere Vorlagen- und Materialstrukturen um zwei Drittel! Erst wenn diese Struktur steht, ist die Basis für CAD/CAM gewährleistet.


CAD/CAM einführen – so geht’s

Markus Faust berät mit seinem Unternehmen AV-Line Tischler und Schreiner in Sachen Arbeitsvorbereitung und CAD/CAM-Systeme.

Zur CAD/CAM-Einführung sind 2018 folgende Beiträge von ihm in dds in erschienen: »Erst analog, dann digital« (3/18, S. 116) und »Welches CAD ist das richtige? (dds 4/18, S. 70), zu finden auf dds-online.de.

AV-Line bietet ein kostenloses E-Book zum Thema an: https://www.av-line-consulting.de/dds/


Markus Faust ist Geschäftsführer des Beratungs- und Dienstleistungsunternehmens AV-Line in Traunstein. Sein Credo: »Erst analog, dann digital – nur sauber strukturierte Prozesse lassen sich sinnvoll digitalisieren!«