Startseite » Technik » Bauelemente »

Wo das Besondere normal ist

Zulieferer für Sonderfenster
Wo das Besondere normal ist

Hermann-Blösch im schwäbischen Vöhringen ist Spezialist für Bogenfenster in allen Formen und Formaten sowie für Hebeschiebetüren. Klaus Mergel hat den Zulieferer besucht.

Klaus Mergel, Freier journalist, Epfach

Es ist zweifellos kein alltäglicher Auftrag, den Hermann-Blösch kürzlich auf den Tisch bekam. Kreisrund soll das Fenster sein und in Massivholzausführung. Der Durchmesser: stattliche acht Meter. Ein Tieflader wird nötig sein, um das imposante Fenster zu seinem Bestimmungsort zu transportieren – einem renommierten Theater in einer süddeutschen Großstadt.

So ein Bauteil zu fertigen, überfordert den normalen Fensterbauer. Für die Firma Hermann-Blösch bei Vöhringen-Illerberg dagegen stellt das außergewöhnliche Fenster kein Problem dar. Der Betrieb agiert sogar global: Fenster aus Vöhringen werden sogar in Saudi-Arabien, in den USA oder in Russland verbaut.

Passiert man an der Autobahn A 7 in Richtung Ulm das neue Betriebsgebäude mit den Fenstern, die ein wenig an stilisierte Seifenblasen oder Löcher im Käse erinnern, ahnt man bereits, was die Spezialität der Firma darstellt: Rundverglasungen. »Unser Steckenpferd«, erklärt Geschäftsführerin Franziska Hermann, 32. »Wir sind ein Zulieferbetrieb für runde und ovale Formen. Damit und mit weiteren Spezialprodukten unterstützen wir große und kleine Fensterbauer.«

Der schwäbische Betrieb mit rund 60 Mitarbeitern ist ein echter Hidden Champion: also ein Könner im Hintergrund, den Endverbraucher kaum kennen – dafür umso mehr die Fachleute der Holz- und Baubranche. Oder wie es Seniorchef Bruno Hermann, 61, ausdrückt: »Wir sind die ausgelagerte Werkbank vieler Fensterbauer.«

Denn nicht wenige Betriebe stoßen mit solchen Sonderformen an ihre Grenzen. Zum Teil, weil ihre Werkstatt – wie bei dem Riesenfenster für das Theater – nicht genügend Platz bietet. Oder weil sie das gewünschte Holz in den erforderlichen Abmessungen nicht vorrätig haben. Zum Teil auch, weil vielen Betrieben die Zeit für die aufwändige Herstellung fehlt, da sie eher auf der Baustelle gefragt sind und termingerecht liefern müssen. Nicht zuletzt verfügen gerade Kleinbetriebe oft schlichtweg nicht über das Know-how, wie man die vielen unterschiedlichen Radien von Rundformen ermittelt und die Segmente präzise einteilt.

Hier kommt Hermann-Blösch ins Spiel. »Viele schicken uns eine Schablone von dem gewünschten Fenster, die wir digitalisieren. Dann gehen die Datensätze direkt an die CNC-Maschinen«, erklärt Bruno Hermann. Konstruiert wird ausschließlich mit CAD. Doch die anspruchsvolle Produktion erfordert auch handwerkliche Fähigkeiten. »Bei uns arbeiten vor allem ausgebildete Schreiner, die in ständigem Kontakt mit der Arbeitsvorbereitung stehen«, so der Seniorchef. Gerade die Stückzahl 1 stellt logistisch eine Herausforderung dar, damit der Kunde seine Fenster termingerecht zum Einbau bekommt.

Das Portfolio der Schwaben ist enorm. Alle denkbaren Bogenformen von Rund- und Segmentbögen werden in Vöhringen auf rund 7000 m2 (Produktion und Lagerfläche) selbst gefertigt, in Massivholz sowie in Holz-Aluminium. Mal kreisrund, mal Viertel- oder Halbkreisfenster – auch denkmalschutzgerechte Ausführungen sind möglich.

Daneben liefert Hermann-Blösch auf Kundenwunsch alle Arten und Formate von Hebeschiebetüren, ebenso in Holz und Holz-Aluminium. Schwellenverglasungen, Eckverglasungen, bodentiefe Verglasungen oder Schiebetüren übers Eck: Sogar eine gebogene Schiebetür, die Juniorchef Harald Bürzle-Hermann, 33, selbst entwarf und die im Ausstellungsraum unterm Dach beeindruckt, ist machbar.

Fluchttüren aller Art werden auf Bestellung hergestellt. Auch Schwingfenster, die viele noch aus ihren Schulhäusern kennen. »Schade, dass die etwas aus der Mode gekommen sind. Vom Lüftungsverhalten sind Schwingfenster ideal«, sagt der Seniorchef.

Sechste Generation am Ruder

Auch wenn der Fensterspezialist mit seinem Standort hochmodern daherkommt, weist Hermann-Blösch eine solide handwerkliche Familientradition auf: 1860 von Josef Hermann in Illerberg als »Uhrmacherei und Schreinerei« gegründet, fusionierte man 1999 mit der Schreinerei Blösch. Dort begann man vor etwa 45 Jahren mit der Zulieferschiene, wie Bruno Hermann erklärt. Seit etwa 30 Jahren wird das Feld der Sonderformen bei Fenstern, Hebeschiebetüren und Türen konsequent ausgebaut. Zum Teil fertigte man im fünf Kilometer entfernten Weißenhorn, zum Teil in Illerberg. 2005 übernahm die Familie Hermann wieder alle Anteile. »Mit dem neuen Betriebsgebäude sind wir 2019 an unseren Ursprung zurückgekehrt«, sagt Franziska Hermann. Mit ihr und ihrem Mann Harald Bürzle-Hermann bringt sich die sechste Generation seit einigen Jahren ins Unternehmen ein.

Der Neubau bietet der modernen Produktion mehr als genug Raum. Der Maschinenpark – darunter eine Conturex C124 von Weinig für die geraden Teile sowie ein Homag-Bearbeitungszentrum BMG 511 für die runden Teile – wurde durch eine neue Lackieranlage von Range und Heine ergänzt, in der ein Lackierroboter die großformatigen Fenster beschichtet. Jegliche Farbhersteller und Farbaufbaue werden nach Kundenwunsch verarbeitet – solange es auf Wasserbasis möglich ist. Die Trocknung, die früher einen Tag dauerte, geschieht heute im Tunnel in einer Stunde. Und vieles wird »inhouse« gefertigt – wie etwa Alu-Schweißen: Das macht den Betrieb flexibel und schnell handlungsfähig, und das auch beim Material Holz: »Wir haben ständig 16 Holzarten auf Lager«, erzählt Bruno Hermann. Ein qualifizierter Mitarbeiter im Zuschnitt sorgt dafür, dass es bei Eiche, Lärche, Hemlock oder Meranti wenig Verschnitt gibt. Und wenn der Seniorchef durch das Lager führt und die Stammhölzer zeigt, merkt man: Darauf ist der Mann ein Stück weit stolz.

»Natürlich bilden wir aus!«

»Der Neubau ist für uns nicht nur ein Schritt in die Zukunft, sondern auch ein Signal an die Mitarbeiter«, so beschreibt es Franziska Hermann. Signal deshalb, weil sie sich wohlfühlen sollen. Aber auch, weil Hermann-Blösch sich mit seiner Lage direkt an der Autobahn als attraktiver Arbeitgeber präsentieren will. »Der Großraum Ulm zieht aus der Gegend viele handwerklich gute Leute ab«, bedauert Bruno Hermann. Keine Frage, dass sich der Fensterspezialist als Ausbildungsbetrieb engagiert.

Innovativ denken und dennoch konsequent handwerklich arbeiten – so kommt man dem Konzept von Hermann wohl nahe. Nur eines, so Franziska Hermann, habe man noch nie gemacht: in Kunststoff zu produzieren. »Davon sind wir nicht überzeugt. Und wir sind einfach auch typische ›Holzler‹«.


Steckbrief

Hermann-Blösch GmbH
Zulieferer für Hebeschiebetüren, Rund-, Bogen- und Schwingfenster, Rechteckfenster in Holz- und Holz-Alu; Flucht- bzw. Panikelemente in Holz-Alu nach DIN EN 179 und nach DIN EN 1125

89269 Vöhringen
www.hermann-bloesch.de

Anzeige
Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 4
Aktuelle Ausgabe
04/2021
EINZELHEFT
ABO
Anzeige
dds-Zulieferforum
Grafik des Monats

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »