Bauelemente

Sicherheit geht vor

Kindertageseinrichtungen unterliegen einem umfangreichen Regelwerk der Unfallversicherung. Reiner Oberacker von der Technischen Beratung des Glaserhandwerks in Karlsruhe fasst zusammen, was bei Türen und Fenstern zu beachten ist.

Kindergärten und Kinderkrippen haben sich zu einem lukrativen Markt entwickelt. Durch staatliche Vorgaben, z. B. bis 2013 für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Krippenplatz zu schaffen, sowie durch die Förderung im Rahmen des Konjunkturprogramms wird in diesem Bereich stark investiert. Deshalb ist es wichtig, die aktuellen Anforderungen zu kennen und umzusetzen. Nachfolgend werden speziell die Anforderungen für Kindertageseinrichtungen betrachtet.

Die relevanten Regelwerke
Als öffentliche Einrichtungen unterliegen Kindertageseinrichtungen den Anforderungen der Gesetzlichen Unfallversicherung (GUV). Ähnliche Vorgaben gibt es von dieser Seite auch für Schulen und Bäder. Da die dortigen Besucher/Nutzer und auch die Beschäftigten gegen Unfälle versichert sind, bestehen besondere Vorgaben für »Bau und Betrieb«.
Für Kindergärten und Kinderkrippen bestehen mit geringen Änderungen seit 1981 die »Sicherheitsregeln: Kindergärten – Bau und Ausrüstung« der gesetzlichen Unfallversicherungsträger. Diese wurden fortgeschrieben durch die Muster-UVV »Unfallverhütungsvorschrift Kindertageseinrichtungen« (GUV-V S2) vom Mai 2007, welche mit der »Regel: Kindertageseinrichtungen« (BG-GUV-SR S2) vom April 2009 eine detaillierte Konkretisierung erfahren hat.
Die GUV-V S2 aus dem Jahr 2007 enthielt– anders der vorher bestehenden »Sicherheitsregeln« – eher sehr allgemein formulierte Anforderungen, z. B.:
  • Wände und Stützen müssen so beschaffen sein, dass Verletzungsgefahren durch scharfe Kanten und spitzig-raue Oberflächen vermieden werden
  • In Aufenthaltsbereichen müssen zugängliche Verglasungen so beschaffen sein, dass Verletzungsgefahren bei Glasbruch vermieden werden
  • Aufenthaltsbereiche für Kinder, bei denen Absturzgefahren bestehen, müssen altersgerecht gesichert sein
  • Treppen und Rampen müssen so beschaffen sein, dass sie von Kindern sicher benutzt werden können
  • Fenster müssen so gestaltet sein, dass sie beim Öffnen und Schließen sowie im geöffneten Zustand Kinder nicht gefährden
Dagegen brachte die mit einigen Jahren Abstand veröffentlichte BG-GUV-SR S2 wieder sehr konkrete und greifbare Vorgaben, welche als »Maßnahmen zur Verhütung von Gefahren für Leben und Gesundheit beim Aufenthalt in Kindertageseinrichtungen« von Betreibern seit dem 1. April 2009 verlangt werden. (siehe Tabelle auf den folgenden Seiten).
Demnach ist im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheit der Kinder dafür zu sorgen, dass alle baulichen Anlagen, Aufenthaltsbereiche und Ausstattungen nach diesen Bestimmungen errichtet, beschafft, in Stand gehalten und betrieben werden. Neben den in der Tabelle aufgeführten Punkten finden sich in dem Regelwerk umfangreiche weitere Themen und Anforderungen, z. B. an eine natürliche Belichtung bzw. künstliche Beleuchtung, an Böden, Ausstattungen, Spielzeug, elektrische Betriebsmittel bis hin zu den Außenanlagen.
Geeignete Glaserzeugnisse
In dem genannten Regelwerk werden regelmäßig »Sicherheitsglas« oder »lichtdurchlässige Kunststoffplatten mit mindestens gleichwertigen Sicherheitseigenschaften« verlangt. Nach der ebenfalls von der Gesetzlichen Unfallversicherung kommenden Schrift »Mehr Sicherheit bei Glasbruch« (GUV-SI 8027), in welcher die einzelnen Produkte sehr gut erklärt sind, sind Einscheibensicherheitsglas (ESG), zu dem auch heiß gelagertes Einscheibensicherheitsglas (ESG-H) in dem hier interessierenden Zusammenhang zu zählen ist, und Verbundsicherheitsglas (VSG) Sicherheitsgläser. Glas mit Drahtnetzeinlage, umgangssprachlich als Drahtglas bezeichnet, erfüllt die Sicherheitsanforderungen nicht.
Lichtdurchlässige Kunststoffplatten sind thermoplastische Werkstoffe, die z. B. als Marken Plexiglas, Makrolon oder Lexan angeboten werden. Sie sind verhältnismäßig unempfindlich gegen Schlag und Stoß und zählen durch die hohe Bruchfestigkeit zu den bruchsicheren Werkstoffen. Die Kratzempfindlichkeit ihrer Oberfläche ist weit höher als bei Glas. Speziell im Außeneinsatz muss ggf. ihr hoher Längenausdehnungskoeffizient beachtet werden.
In der genannten GUV-Informationsschrift sind auch Splitterschutzfolien als nachträglich aufzubringender Splitterschutz erwähnt. Zusammen mit der Glasscheibe erfüllen sie die geforderte Verkehrssicherheit, »wenn die Kriterien des Pendelschlagversuchs erfüllt sind.« Auch hier wäre eine erhöhte Kratzempfindlichkeit und zusätzlich eine eingeschränkte Haltbarkeit bei Außeneinsatz zu beachten.
Tipps für die Praxis
Kindertageseinrichtungen stellen erhebliche (Sicherheits-)Anforderungen an die Planung, Ausschreibung und an die Ausführung. Dabei sind die Schriften der Gesetzlichen Unfallversicherung (GUV), zu finden unter www.dguv.de (–> Prävention –>Vorschriften, Regelwerke und Informationen –>Regelwerk der Unfallkassen), eine jedenfalls einzuhaltende Vorgabe und eine unerlässliche Hilfestellung.
Bei Verglasungen ermöglichen sie aus Verkehrssicherheitsgründen den Einsatz von ESG, ESG-H und VSG. Da in Kindertageseinrichtungen sehr häufig Scheiben bemalt, beklebt oder hinterlegt werden, besteht bei VSG aus normalem Floatglas oder überhaupt aus Floatglas (wenn dieses dem Zugang entzogen ist) eine relativ hohe Gefahr von thermischen Glasbrüchen. Dies ist bei dem mit einer signifikant höheren Temperaturwechselbeständigkeit bei ESG und ESG-H nicht gegeben. Da bei den letztgenannten Glaserzeugnissen ein Restrisiko auf Versagen infolge Nickelsulfid-Einschlüssen besteht, wäre das optimale – wenn auch vergleichsweise teure – Produkt VSG aus teilvorgespanntem Glas (TVG). Dieses hätte kein Problem mit bemalten Scheiben etc. und kennt spontanes Brechen nicht. Drahtglas reicht zur Erfüllung der Schutzziele nicht aus. Eine (Mindest-)Glasdicke gibt es in dem gesamten GUV-Regelwerk übrigens nicht. Diese ergibt sich aus der Windlast und der Holmlast als statische Last für »Menschengedränge«. Bei weiteren Fragen zu der Thematik können auf der o. g. Internetseite die regional zuständigen Stellen mit kompetenten Ansprechpartnern entnommen werden. Reiner Oberacker
Technische Beratung des Fachverbandes Glas Fenster Fassade Baden-Württemberg, Karlsruhe.

Relevante Regelwerke
  • GUV-V S2: Muster-UVV »Unfallverhütungsvorschrift Kindertageseinrichtungen«, Mai 2007
  • BG-GUV-SR S2: »Regel: Kindertageseinrichtungen«, April 2009
  • GUV-SI 8027: GUV-Information – Sicherheit bei Bau und Einrichtung – »Mehr Sicherheit bei Glasbruch«, März 2005
Die Regelwerke sind im Internet zu finden unter www.dguv.de (-> Prävention -> Vorschriften -> Regelwerk der Unfallkassen)

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