Möbel

Von wegen Flaute

Ob am Rande der Insolvenz oder auf dem Gipfel des Erfolgs – zum Salone Internazionale del Mobile trifft sich in Mailand alles, was in der Möbelszene Rang und Namen hat. Jonathan Radetz, Schreinermeister und frischer Absolvent der Fachakademie für Raum- und Objektdesign Garmisch-Partenkirchen, war für uns dabei.

Mehr als 300000 Besucher aus 160 Ländern haben im April 2013 die Möbelmesse in Mailand besucht. Köln zählte zur IMM im Januar weniger als die Hälfte. Nässe und Kälte mögen ihren Teil dazu beigetragen haben – in Mailand ist zu Messe bereits Frühling und mit etwas Glück scheint auch die Sonne! Dies wirkt sich auf die ganze Stadt und ihre Menschen aus. Die Atmosphäre ist jung, dynamisch und farbenfroh, was den Messebesuch für mich zu einem inspirierenden Ereignis macht. Dazu gehört bei der Ankunft der gläserne Laufsteg, der sich über zwei Etagen zieht und die langen Laufwege zu einem Erlebnis werden lässt – wem das zu anstrengend ist, der steigt in den Bus, der das Messegelände Fiera Milano Roh umkreist. Die Messe verdankt ihre Anziehungskraft allerdings nicht nur der beeindruckenden Location, hier treffen sich die wichtigen Aussteller und solche die es werden wollen. Wer einen Stand ergattern konnte, ist vertreten – Mailand gibt in der Designszene unangefochten den Ton an. Bei der Standgestaltung ist »Natur« ein großes Thema: Es werden nicht nur Leuchten begrünt, komplette Standwände strotzen in saftigem Grün – ob Moos oder eingefärbter Schaumstoff ist nicht ohne Weiteres auszumachen.

Neu aufgelegt
Die Neuauflage von Meisterwerken der Vergangenheit steht hoch im Kurs. So konnte zum Beispiel e15 wiederholt mit Produkten aus der Ferdinand-Kramer-Kollektion punkten, die Arbeiten aus den verschiedenen Schaffenszeiten des Architekten und Designers umfasst. Die aktuelle Relevanz und Qualität seiner Entwürfe zusammen mit ästhetischen Parallelen zu e15 stellen den besonderen Reiz der Kollektion dar.
Keine Neuauflage aber konstruktiv sehr durchdacht ist das Regal »Etage« von Moritz Schmid für Röthlisberger: Ein Behältnismöbel mit beweglicher Hülle, die sich vertikal verschieben lässt und deren »Schieber« in einer Schiene aus dem Holz des Arura-Vermelho- Baumes laufen. Das ist extrem hart und gewährt höchste Präzision. Die Holzhülle lässt sich auf jeder Etage gut arretieren und wirkt wie ein filigraner Mantelkörper. Die Unterseiten der Buchstützen sind mit gummiartigem Lack beschichtet, der auf dem Regalboden haftet.
Charaktermöbel
Oft scheinen Form und Funktion nicht mehr auszureichen, um Käufer für ein Produkt zu begeistern. Der besondere Charakter muss kommuniziert werden, zum Beispiel anhand der Entstehung des Produktes. So kann man immer öfter beobachten, dass Firmen nicht nur stolz auf die Entwürfe ihrer Designer sind, sondern auch Skizzen und Bilder aus dem Entwurfsprozess zeigen und als Mehrwert vermarkten. Dabei ist generell zu beobachten, dass die Beziehungen zwischen Designer und Unternehmen immer mehr verschwimmen: Wurde die Firmenideologie früher oft durch einen bestimmten Designer geprägt, arbeiten heute bekannte Größen von Starck bis Nendeo transversal für Unternehmen mit teilweise ganz unterschiedlichen Philosophien. Dieses kann vom Kunden nicht immer nachvollzogen werden. Die Kollektionen werden einerseits immer vielfältiger – aber auch vergleichbarer – und die Designer stellen sich ständig neuen Herausforderungen. So kann BD Barcelona Design gleich mit mehreren Entwürfen von bekannten Designbüros auftrumpfen. Die Extrusion Collection, eine Möbelserie aus stranggepresstem Aluminium von Konstantin Grcic, ist um den »B Chair« erweitert worden, der ein Holzstuhl ist, dessen Komponenten mit Aluminiumteilen verbunden sind. Durch einen Klappmechanismus kann er in Reihe gestapelt werden. Mit »Gardenias« setzt der Spanier Jaime Hayon die sonst eher dem rechten Winkel verpflichteten Garten- und Terrassenmöbel in seine organische Gestaltungssprache um. BD Barcelona Design lässt den Endkunden durch die ästhetischen Entwurfsskizzen am Entstehungsprozess teilhaben.
Was ist nachhaltig?
Möbel aus Pappe von Kubedesign sollen Fans der Nachhaltigkeit ansprechen. Ist der Werkstoff aus 80 Prozent Altpapier nicht zu kurzlebig, um als nachhaltig zu gelten? Vibrazioni Art Design stellt Stühle und Kommoden aus alten Blechfässern her, doch hier trifft man beim Recycling auf ökonomische Grenzen: Je höher der Recyclinganteil, desto teurer wird das Möbel – die Fässer müssen aufwendig aufbereitet werden. Es wäre womöglich günstiger, Material zentral zu recyceln und neue Flachbleche einzusetzen. Der Firma geht es aber um die Geschichte des Produkts: Wie bei den Taschen aus gebrauchter LKW-Plane entstehen aus gebrauchten Fässern Unikate.
Reich der Jungdesigner
Der Salone Satellite war schon für viele junge Designer ein Karrieresprungbrett und das Konzept, dem Nachwuchs auf der Messe einen Platz einzuräumen, wird begeistert angenommen. Etwa von der Kobe Design Hochschule. Hier treten die Studenten und Dozenten als Firma »Design Soil« (Nährboden guter Ideen) auf. Die Hochschule hatte die Erfahrung gemacht, dass man unter einem solchen Titel ernster genommen wird. Gezeigt wurde die Garderobe »Lean«, deren L-Förmigen Beine so angeordnet sind, dass eine selbsttragende Konstruktion entsteht, inspiriert wurde der Designer durch die Japanische Architektur. Hier wurde das Prinzip wechselwirkender Rahmenkonstruktion von Dächern auf Möbel übertragen
Hauptthema des Salone Satelite war »Design und Handwerk – gemeinsam für die Industrie«. Darunter war nicht ein Wettbewerb zwischen Handarbeit und Maschinenproduktion gemeint – es ging darum, dass Design und Handwerk als gleichwertige Partner im Prozess der Fertigung stehen. So soll denjenigen wieder mehr Wert beigemessen werden, die Produkte konstruieren und nicht nur denjenigen, die sie entwerfen – das war zu Beginn des Industriedesigns, wo man sich noch nicht als »Stardesigner« fühlte, selbstverständlich. Jonathan Radetz

Die Messe in Zahlen Salone Internazionale del Mobile
Die legendäre Mailänder Möbelmesse jährte sich im April 2013 zum 52. Mal. Über 300000 Besucher aus 160 Ländern besuchten die Messehallen auf dem Messegelände Fiera Milano Roh. Auf 204850 m2 Ausstellungsfläche tummelten sich 2025 Aussteller und rund 700 junge Designer. 2014 findet die Messe vom 8. bis 13. April statt. www.cosmit.it

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