Möbel

Van de Velde reloaded

Die Kölner Möbelmesse ist vorüber, da darf unser Rückblick mit Dirk Schellberg nicht fehlen: Wie gewohnt hat er in den Messehallen nicht nur die Aussteller und ihre Exponate, sondern auch die Gesamtperformance der Messe unter die Lupe genommen.

Dipl.-Designer Dirk Schellberg

Wie alle zwei Jahre bestand die IMM 2013 eigentlich aus zwei Messen, nämlich Möbelmesse und Küchenmesse »living kitchen«, über die ich hier aber nicht berichte. Nach wie vor ist die IMM ein guter Spiegel dessen, was sich in der Möbelbranche tut. Wer sich zeitlich nur einen »quicky« leisten konnte und sich nicht für Küchen interessierte, war mit allem, was die Kölnmesse mit »Pure« bezeichnet, gut bedient. Dieses Format gibt es schon seit mehreren Jahren. Aushängeschild war immer das sogenannte »Pure Village« mit dem Anspruch, das Publikum in Geschmacksfragen weiter zu bilden und Trends sichtbar zu machen. 2012 glich das Village tatsächlich noch einem Dorf mit einer Architektur, die Orientierung bot. 2013 gelang es Creative Director Dick Spierenburg nicht, dieses Konzept durchzuhalten. »Pure Textile« und »Pure Editions« sind neu, sie unterstreichen den Trend zur Einrichtungsmesse. Die anscheinend begehrten Hallen 3 wurde mit Ausstellern rund um das Thema Einrichtung aufgefüllt, kaum dass noch Platz für die Jungdesigner blieb.
Das Haus entrümpeln
Im Rahmen von »Pure« wird in Halle 3 »Das Haus«, ein fiktives Gebäude, jedes Jahr durch einen anderen Designer gestaltet. Was Luca Nichetto ausstellte, glich wie im letzten Jahr eher einem Wohnaccessoire-Panoptikum denn einer von einem Designer kuratierten Ausstellung mit Vorbildcharakter. Es scheint mir, dass zu viele Herstellerinteressen berücksichtigt und verwirklicht werden mussten. Andererseits bekommt man selten mehr aktuelles, möbelrelevantes Design an einem Platz geboten als in den »Pure«-Hallen. Interior Innovation Award und [D3] Contest sind relevante Designpreise, die gut visualisieren, was zur Zeit in der Möbelwelt Standard ist: www.german-design-council.de
Trends ohne Gewähr
Trendberichte spiegeln vornehmlich den Horizont desjenigen wider, der über sie berichtet – hier also meine persönliche Beobachtung: Viele der Dinge, die heute entstehen, sind von der C-Technologie getrieben. Den Möbeln ist ihre digitale Herkunft anzusehen, man kann schon fast von einem C-Stil sprechen. Digitaldruck, Laserschneiden, Laseroberflächen und 3-D-Oberflächen – im Möbelbau gab es noch nie so viel Fertigungsmöglichkeiten wie heute. Schreiner und Fabrikanten können auf eine Vielzahl von Dienstleistungen ab Losgröße eins zurückgreifen. Galten brutale Massivholzquerschnitte vor kurzem noch als »materialehrlich«, ist nun eine deutliche Tendenz zu dünneren, kurvigen Formen erkennbar. Artisan wartete mit neuen Massivholzmöbeln in diesem Stil auf.
Die Herkunft zählt
»Grüne« Werkstoffe liegen im Trend, zum Beispiel habe ich Laminatplatten aus Rattan entdeckt. Das Produkt war von Pirnas, einem Innovativzentrum indonesischer Rattanhersteller, leider schlecht präsentiert und dokumentiert – berät solche Leute eigentlich jemand bei ihren internationalen Auftritten? Die Kombination von massivem Holz mit Kunststoffschalen ist im Stuhlbau oft zu sehen. Mittlerweile darf es sogar auch »sägeraues« Laminat sein, das unter Umständen eine bessere Ökobilanz als das Vorbild aufweist. Die Firma Morizza zeigt wie es geht. Ob das Surrogat das bessere Original ist, darüber wird es in Zukunft zwischen Designern, Herstellern und Handwerkern noch zu hitzigen Diskussionen kommen.
Used Look und Recycling sind auf der Messe angekommen. Produkte aus Materialien mit Geschichte finden nun vermehrt Anklang. Die gemeinnützige Initiative San Patrignano stellte Möbel aus alten Weinfässern aus: 33 bekannte und hauptsächlich italienische Designer haben ihre Entwürfe uneigennützig zur Verfügung gestellt.
Ehrenfeld ist Pflicht
Wer wirklich »designaffin« ist, plant den Besuch der Passagen mit ein. Bei über 200 Ausstellungen empfiehlt es sich, eine Auswahl zu treffen. Fest etabliert hat sich das sogenannte Designquartier in Ehrenfeld. Leider schreckt die scheinbare Entfernung viele Messebesucher ab, dabei ist Ehrenfeld von der Messe mit der S-Bahn in knapp zehn Minuten zu erreichen. Alle Ausstellungen sind vom Bahnhof gut zu Fuß zu erreichen. Hauptsächlich junge Designer und kleine Labels haben hier ihren Auftritt. Die Ausstellungsorte sind von rauem Charme, es handelt sich um aufgelassene Fabrikgebäude in der Nachbarschaft eines Multikultiviertels, die auf eine neue Aufgabe oder den Abriss warten. Wer persönlichen Kontakt zum Entwerfer sucht, ist hier richtig.
Auch die Gestaltungsschulen haben auf den Passagen eine neue Heimat gefunden, nachdem ihnen letztes Jahr die neue Möbelmesseleitung den Stuhl vor die Tür gestellt hatte. Zu einer Zeit, in der bereits wieder über den Mangel an Nachwuchskräften geklagt wird, war das sicherlich eine eher unglückliche Entscheidung. Untergebracht in einer ehemaligen Schiffsschraubenfabrik haben 15 Schulen gezeigt, wie man mit wenig viel erreicht.
Schöne neue Welt
Eine spannende Performance, vielleicht sogar einen Ausblick in die Zukunft des Handwerks, boten Tom Pawlofsky und sein Kuka Roboter. Eine am Arm des Roboters befestigte Kettensäge fertigte in etwa 35 Minuten aus einem Stück Fichtenstamm zwei Massivholzhocker. Die Dramaturgie der Bearbeitung hat auf mich eine faszinierend martialische Wirkung ausgeübt. Roboter, die schon vor Jahrzehnten ihren Dienst in der Automobilbranche antraten, sind für uns im Möbelsektor wenig präsent. Aber das waren CNC Maschinen vor 25 Jahren auch nicht! Die nächste Umsetzung, die Tom Pawlofsky für seinen Roboter plant, ist eine Aufgabe im Schreinerumfeld. Der Roboter könnte ein Werkstück an der Bandsäge zuschneiden, es auf die Fräse legen, ein geschweiftes Profil ohne Schablone fräsen, zum Langlochbohrer schwenken und das Möbel am Ende samt Dübel zusammensetzen!

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